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Ein Auge geht spazieren und erschaut die Welt

Die Künstlerin beschäftigt sich mit den menschlichen Sinnen, aber auch mit der Wirkung von Objekten und Medien auf die Wahrnehmung.
Hand und Handschuh verwandeln sich trickreich in neue Formen.	Fotos: Artist Bilder > Hand und Handschuh verwandeln sich trickreich in neue Formen. Fotos: Artist

Ein weißer Handschuh stülpt sich von der einen auf die andere Hand und wieder zurück. So geht das hin und her in dem einminütigen Video. Der Handschuh zeigt mal seine Innenseite, mal seine Außenseite. Rechts wird zu links, oben zu unten, vorne zu hinten – aber die Hände berühren sich nie direkt, denn der Stoff des Handschuhs trennt sie. Schon seit geraumer Zeit beschäftigt sich Pauline M’barek mit dem menschlichen Tasten, Sehen und Hören. Dafür wurde die in Brüssel und Köln lebende Künstlerin mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.

Nun widmet ihr der Frankfurter Kunstverein eine große Einzelausstellung, ein seltenes Unterfangen, waren doch in den vergangenen Jahren eher Gruppen- oder Themenschauen zu sehen. Es ist die letzte von Holger Kube Ventura kuratierte Schau, der nach sechs Jahren sein Amt als Kunstvereins-Chef aufgibt. Bereits am 1. November hat Franziska Nori die Leitung des Hauses übernommen. Die 45-jährige Kunsthistorikerin ist in Frankfurt nicht ganz unbekannt, arbeitete sie doch einige Zeit an der Schirn-Kunsthalle und am Museum Angewandte Kunst. Zuletzt leitete sie seit 2007 in Florenz den Palazzo Strozzi. Da Franziska Nori noch ihr eigenes Programm vorstellen wird, können wir uns getrost wieder der Künstlerin zuwenden.

 

Licht und Schatten

 

Pauline M’barek geht es um „philosophische Positionen“, meint Kube Ventura. Freilich ist die Künstlerin eine handfeste Philosophin, die ihre Thesen anschaulich in Videos, Skulpturen, Zeichnungen und Installationen übersetzt. Was oft wie ein Zaubertrick anmutet, ist nur ein geschickter Umgang mit Licht und Schatten, Raum und Hülle. So tauchen in einem weiteren Video wieder zwei weiß behandschuhte Hände auf, die aber nun vor dunklem Hintergrund schwarze Objekte betasten. Nur vage Umrisse sind durch das Tasten zu erahnen, während die Geräusche der Berührungen zu hören sind. Im Nu spielt unsere Vorstellungskraft verrückt und assoziiert exotische Objekte, wo nur banale Alltagsgegenstände sind, wie die Künstlerin verrät.

Pauline M’barek pflegt einen klugen Umgang mit Kunst und hinterfragt immer wieder die Position des Betrachters. Für ihr Video „Projektion“ hat sie eine Kamera in einer Vitrine des ehemaligen Brüsseler Kolonialmuseums postiert und die Besucher beim Blick auf eine afrikanische Maske gefilmt. Die Betrachter fotografieren mal interessiert, mal gehen sie achtlos vorbei, wieder andere umkreisen das Objekt von allen Seiten oder deuten für ihre Begleiter darauf. In diesen 20 fesselnden Minuten überlagern sich die Maske und die Köpfe der Besucher durch die Glasspiegelungen. Der Museumsgänger wird zum beobachteten Betrachter, zum Objekt unserer Betrachtung.

Selbst eine Vitrine ist bei M’barek keine Vitrine. Vielmehr hat sie lediglich ein Holzbrett mit Spiegel- und Glasflächen in eine Raumecke gestellt und beidseitig beleuchtet – schon entsteht der Eindruck einer Vitrine, die aber nicht echt ist und nichts enthält. Noch faszinierender ist das Video, das nur ein großes Auge zeigt. Darin spiegelt sich die Treppe des Kunstvereins, aber auch Wimpern, Nase, Hände und Beine kommen vor. Man scheint mit den Augen der Künstlerin durch den Kunstverein zu gehen. Tatsächlich aber bilden sich auf der Netzhaut der von ihr durchschrittene Raum und ihre Bewegungen ab – dank einer Kamera, deren Linse exakt auf die Pupille gerichtet ist.

 

Räume und Hohlräume

 

Ähnlich viel Zeit zum Experimentieren benötigte M’barek auch für die „Artefakte“, die auf einer langen Spiegelkonsole liegen. Diese fast knochenartigen Gebilde aus Alabastergips sind die Negativabdrücke ihrer Hände, die ineinander greifen, dann einige Hohlformen bilden, um sich wieder zu schließen. Je länger man hinschaut, desto mehr Falten und Furchen entdeckt man in den Händen. Pauline M’barek ist eine tiefgründige Künstlerin, die man nicht aus den Augen verlieren sollte.

 

Kunstverein, Steinernes Haus am Römerberg, Markt 44, Frankfurt. Bis 4. Januar, Dienstag, Donnerstag und Freitag 11–19 Uhr, Mittwoch 11–21 Uhr, Samstag, Sonntag 10–19 Uhr. Eintritt 6 Euro. Telefon
(069) 21 93 140. Internet www.fkv.de

 

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