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„Open-Books“-Eröffnung: Ein Deutscher Buchpreis macht noch keinen Libero

Von Buchpreisträger Frank Witzel, Nora Bossong, Ulrich Peltzer und Putin-Kennerin Katja Gloger setzten sich zur „Open-Books“-Eröffnung im Schauspiel Frankfurt aufs blaue Sofa.
Auf dem blauen Sofa sprach Alf Mentzer (links) mit Ulrich Peltzer über dessen Roman „Das bessere Leben“. Foto: Rainer Rüffer Auf dem blauen Sofa sprach Alf Mentzer (links) mit Ulrich Peltzer über dessen Roman „Das bessere Leben“.

Da war sie, die berüchtigte Reporterfrage, die sonst Siege im Fußball zu quittieren pflegt: „Wie fühlen Sie sich?“ Gerichtet war sie an Frank Witzel. Der hatte mit dem 800-Seiten-Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969“ (Matthes & Seitz, Berlin) tags zuvor beim Deutschen Buchpreis triumphiert und die Preissumme von 25 000 Euro errungen, verbunden mit erstklassigen Absatzchancen.

Frank Witzel griff das Fußball-Bild auf. „Am Anfang habe ich nicht ganz in mein Spiel gefunden“, sagte er Volker Weidermann vom neuen „Literarischen Quartett“. Zwanglos ging es zwischen ihm und dem geschorenen und gedrungenen Witzel um Dinge wie seine Position als Außen im Literaturbetrieb. Als Außenseiter, so der Romancier, fühle er sich trotz des Deutschen Buchpreises.

Was ihn zum Schreiben des Romans antrieb? Am Anfang stand die diffuse Erinnerung an sein Lebensgefühl als 13- bis 14-Jähriger. Wie könne man das „in Bilder, Worte, Texte fassen“? Geholfen hätten ihm erinnerte Orte mit ihren Stimmungen. Indem der Junge im Roman „Welt zu verstehen“ suche und christliche Ikonographie auf die RAF übertrage, komme er dem Verstehen nicht näher. So gehe es auch dem Autor mit der Literatur oft, was deren Faszination aber nur steigere: „Das Schöne am Lesen und auch Schreiben ist das Nichtverstehen.“ Was er vom letzten Satz im Roman halte, nun erst werde er, der erwachsene Erzähler, alles genau schildern können? „Ich glaube, das ist ein wunderbares Gefühl. Aber ich glaube, es ist ein Irrtum.“

„Putins Welt“ (Berlin Verlag) von Katja Gloger stand als politische Monografie im Buchpreis-Abseits. Die Russland-Expertin und Journalistin berichtete René Aguigah von einem Ausspruch ihrer besten russischen Freundin: „Endlich haben wir uns von den Knien erhoben.“ Auch Putin sage das, doch woher komme es? Seine Urszene sei die des 16-Jährigen, der sich dem KGB zur Verfügung stellen wollte. Auch die Demütigungen des Sowjetsystems seien ein Schlüssel. Da Russland der Wahrheit über seine Jahre des blutigen Terrors nie ins Auge schaute und daher nicht mit sich und den Nachbarn in Frieden leben könne, heiße Selbstbewusstsein für Putin militärische Stärke. Putin und Angela Merkel verstünden sich übrigens eher zu gut: „Das macht es für ihn so kompliziert mit Deutschland.“

Zu Witzels Mitstreitern um den Pokal Deutscher Buchpreis gehörte Ulrich Peltzer („Das bessere Leben“, S. Fischer). Vor Alf Mentzer demonstrierte er geschichtsphilosophisches Denken und schwang sich zu der Frage auf: Was hält die Welt zusammen? „Das bessere Leben“ erzählt gleichnishaft von drei ungleichen Desillusionierten, die zu erfolgreichen Managern verkamen, sich immer einmal fast begegnen und mit der Historie, die ihr Leben umgibt, nur zufällig verbandelt scheinen. Das Austarieren der Kategorien ist im Roman aufgelöst und trägt, beim Nacherzählen allerdings hörte es sich kalt an.

Die 33-jährige Nora Bossong zeigte sich mit „36,9°“ (Carl Hanser) fit und einsatzfähig, auch wenn sie nicht in der Champions-League-Klasse des Börsenvereins hatte mitspielen dürfen. Bossong studierte zeitweise an Roms „Sapienza“-Universität und lässt das Italienische in ihren Roman einfließen. Ihr unsympathischer Held Anton Stöver forscht in Rom über den Sozialisten und Denker Antonio Gramsci und verliebt sich zudem, was subtil mit Leben und Lieben Gramscis im Gefängnis verwoben wird. Mit dem Publikum fand sich Luzia Braun, die sie befragte, bald überzeugt von Bossongs zwischen Welt und Ich, Auftrag und privater Wärme, Geschichte und Gefühl pendelndem Ansatz.

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