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Eröffnungskonzert in Hamburg: Ein Grollen und ein Wogen in der Elbphilharmonie

Chefdirigent Thomas Hengelbrock führte das NDR-Elbphilharmonie-Orchester durch ein geistreiches Programm, von Beethoven bis Wolfgang Rihm.
Das von einer Lichtinstallation begleitete Eröffnungskonzert der Elbphilharmonie verfolgten rund 2100 Zuhörer im Saal. 2,86 Millionen Zuschauer sahen die Live-Übertragung im NDR-Fernsehen. Foto: Markus Scholz (dpa) Das von einer Lichtinstallation begleitete Eröffnungskonzert der Elbphilharmonie verfolgten rund 2100 Zuhörer im Saal. 2,86 Millionen Zuschauer sahen die Live-Übertragung im NDR-Fernsehen.
Hamburg. 

„Ab heute ist Hamburg eine Weltstadt!“ So direkt und marktschreierisch hätte es Bürgermeister Olaf Scholz selbst natürlich nie formuliert – und doch war die selbstbewusste Ankündigung, die „Germany’s-Next-Topmodel“-Coach und „Let’s-dance“-Juror Jorge González da im Blitzlichtgewitter auf der Elbphilharmonie-Plaza in die Kameras und Mikros der Medienwelt plapperte, insgeheim eben jene Botschaft, die sich der oberste Hanseat von dem neuen Konzerthaus erhofft. Hamburgs Namen in die Welt zu tragen, zumindest bei den „Second Cities“ – den Nichthauptstädten Europas – ganz vorne mitzuspielen und in der internationalen Wahrnehmung endlich aus dem Schatten Münchens, Frankfurts und Berlins herauszutreten. Was Scholz natürlich nie so sagen würde, schon gar nicht am Eröffnungs-Abend der Elbphilharmonie, wo tatsächlich die internationale Medienwelt auf die Stadt blickte – oder vielmehr auf das, was im Grau zwischen Graupel- und Regenschauern von dem schlichten Sockel-Backsteinbau des alten Kaispeichers zu erahnen war. Und so schwärmte Scholz zur Begrüßung vor den 2100 Gästen im Großen Saal lieber von der „Sinfonie aus Stein und Glas“.

Albträume und Blamagen

Bei solch eher unhanseatischer Selbstverliebtheit blieb es da im Anschluss dem Bundespräsidenten überlassen, die Hamburger in ihrer überschwänglichen Freude wieder ein wenig auf den Boden zurückzuholen. „Ich habe so viel gelesen, von den Sorgenkindern Hamburgs: HSV, St. Pauli – doch jetzt ist Elphi aufgewacht“, meinte Joachim Gauck schmunzelnd. Und vergaß sodann bei aller Begeisterung über dieses „Amphitheater der Tonkunst“ nicht, an die Albträume und Blamagen der 15-jährigen Entstehungsgeschichte zu erinnern, die am Ende den Steuerzahler 789 Millionen Euro gekostet habe: „Wir wollen nicht die Fehler gänzlich vergessen – manche Risiken kann man auch kalkulieren.“ Und so war sein Wunsch denn auch zugleich Mahnung an künftige Politikergenerationen: „Diese unglaubliche Schöne ist eine Verpflichtung – machen Sie gemeinsam das Beste daraus.“

Voller Stolz hält Dirigent Thomas Hengelbrock die Partitur von Wolfgang Rihms Uraufführungswerk „Reminiszenz“ hoch. Rihm hatte zur Eröffnung vier Lieder des Hamburger Schriftstellers Hans Henny Jahnn vertont. Bild-Zoom Foto: Christian Charisius (dpa)
Voller Stolz hält Dirigent Thomas Hengelbrock die Partitur von Wolfgang Rihms Uraufführungswerk „Reminiszenz“ hoch. Rihm hatte zur Eröffnung vier Lieder des Hamburger Schriftstellers Hans Henny Jahnn vertont.

Letzteres blieb am Eröffnungsabend vor allem dem NDR-Elbphilharmonie Orchester unter Thomas Hengelbrock vorbehalten – und die machten gleich zum Auftakt ungewollt den akustischen Fluch wie Segen des neuen Konzerthauses mit seinen terrassenförmig ansteigenden Emporen deutlich: Die gnadenlos makellose Akustik dieses Saals erfordert allergrößte Präzision und verzeiht auch nicht den allerkleinsten Fehler. Und von letzteren gab es einige in Beethovens „Prometheus“-Ouvertüre, während es an ersterer nicht nur in der Abstimmung zwischen den Orchesterstimmen immer wieder haperte. Was vielleicht auch ein wenig dem Lampenfieber geschuldet war, schließlich bedeutete solch eine Rampenlicht-Erfahrung für die NDR-Musiker und ihren Chefdirigenten den Aufstieg in eine neue Dimension der Aufmerksamkeit – bei Mendelssohn und Brahms hatte sich das Orchester dann wieder gefangen und vermochte hernach beim sich an den Festakt anschließenden eigentlichen Eröffnungskonzert seine Stärken auszuspielen.

Für das Konzert verzogen sich Gauck ebenso wie Bundeskanzlerin Angela Merkel und Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter aus der allerersten Reihe eine Terrasse höher, denn das hatten bereits die ersten Höreindrücke offenbart: Obgleich der Saal durchaus große Lautstärken verkraftet, sind die Plätze ganz oben weit besser als jene unmittelbar vor dem Orchester.

Gen Himmel geschickt

Ohnehin zeigte sich der akustische Zauber der aus 10 000 Gipsplatten modellierten „weißen Haut“ – der die Elbphilharmonie tatsächlich in die ersehnte Liga der weltbesten Konzerthäuser bringen dürfte – vor allem in den Pianissimo- und Solo-Passagen: als etwa NDR-Solo-Oboist Kalev Kuljus Brittens „Pan“ aus dessen „Metamorphosen nach Ovid“ irgendwo in den oberen Etagen anstimmte und doch jeder seiner makellos weichen Töne überall glasklar zu vernehmen war. Oder als der Countertenor Philippe Jaroussky in der 16. Etage Arien des italienischen Frühbarocks geradewegs gen Himmel zu schicken schien. Das Programm war von Thomas Hengelbrock dramaturgisch geschickt zusammengestellt und verband 400 Jahre Musikgeschichte. Der Dirigent ließ Werke von Caccini bis Dutilleux attacca ineinander übergehen. Und dadurch, dass er die Musiker immer wieder auf den Emporen verteilte, konnte er den Raum in all seinen Facetten erkunden.

HR-Schlagwerker Konrad Graf spielte mit.
Eröffnung der Elbphilharmonie Frankfurter Musikkenner sind begeistert

Zur Eröffnung der Elbphilharmonie war auch Rheingau-Festival-Intendant Michael Herrmann angereist. HR-Schlagzeuger Konrad Graf spielte sogar mit.

clearing

Dass bei solch einem Parforce-Ritt durch die Jahrhunderte die eigentliche Uraufführung beinahe ein wenig ins Hintertreffen geriet, ließ sich leicht verkraften: Rihms zwanzigminütige Hans-Henny-Jahnn-„Reminiszenz“ belässt es beim nachtdunklen Grollen und Wogen – und danach war an diesem Abend nun wirklich keinem zumute. Eher schon nach Beethovens finaler „Ode an die Freude“, wo noch einmal die Klangmassen den Raum fluten durften. Allerdings machten sie auch klar, dass bei aller Begeisterung über die instrumentale Trennschärfe, über den ebenso transparenten wie warmen Klang, auch ein Akustik-Meister wie Yasuhisa Toyota keine Wunder vollbringen kann: Wer im Rücken oder seitlich der Sänger sitzt, für den bleibt in der Elbphilharmonie die Textverständlichkeit schlecht.

Und doch wird das nach dem Weinberg-Prinzip gebaute Konzerthaus mit seinen vielen Ebenen, Treppen, Ein- und Aufgängen zweifellos Geschichte schreiben – nicht zuletzt als Tempel für Architekturbegeisterte, verströmt dieser Bau doch eine große Wertigkeit ob seines speziellen Design-Konzepts bis hinein in die Künstlergarderoben. Er wahrt zugleich eine erstaunlich intime Atmosphäre, denn die in ihren Proportionen fast diskret wirkenden, sich bis fast an die Spitze des gewaltigen Reflektors windenden Sitzblöcke garantieren nicht nur eine beinahe kammermusikalische Nähe zu den Künstlern, sondern ebenso der Besucher untereinander. Auch dies ein kleines, großes Wunder der Baukunst.

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