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Kino: Ein Interview mit Florian Henckel von Donnersmarck über „Werk ohne Autor“

Auf den Filmfestspielen von Venedig ging der neue Film des Oscar-Preisträgers („Das Leben der Anderen“) leer aus. Am kommenden Donnerstag kommt er in die deutschen Kinos.
Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck Foto: Jens Kalaene (dpa-Zentralbild) Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck

Herr Henckel von Donnersmarck, nach Ihrem Ausflug nach Hollywood mit „The Tourist“ kehren Sie nun mit „Werk ohne Autor“ zum deutschen Kino zurück. Wie hoch ist der Druck?

FLORIAN HENCKEL VON DONNERSMARCK: Der Druck ist immer der gleiche. Ich sehe den Film vor mir und muss alles dafür tun, dass das Endergebnis diesen Vorstellungen entspricht. Das ist ein kontinuierlicher Kampf, im Fall von „Werk ohne Autor“ über vier Jahre. Der Druck weicht erst, wenn der Film fertig und genau so geworden ist, wie ich es wollte. Dann gefällt der Film schon einmal mindestens einem Menschen, nämlich mir. Alles andere ist Bonus. Mein Kommilitone und Produzent Max Wiedemann, mit dem ich schon „Das Leben der Anderen“ gemacht habe, hat mir nur eine Frage gestellt, bevor er sich den fertig geschnittenen Film angeschaut hat: „Wenn du noch zehn Jahre Zeit hättest, würdest du einen Schnitt anders machen?“ Das ist eine ziemlich extreme Frage, aber ich konnte sie mit „nein“ beantworten. Der fertige Film muss den eigenen Ansprüchen in jedem kleinen Element gerecht werden. Natürlich freut es einen, wenn die Kunstrichter und das Publikum das, was man erschaffen hat, wiegen und für schwer genug befinden. Aber wenn nicht – dann ist das halt so. Es kann einen nicht jeder lieben.

Wie „Das Leben der Anderen“ rekonstruiert auch „Werk ohne Autor“ ein Stück deutsche Geschichte. Woher kommt Ihre Vorliebe für penibel recherchierte historische Sujets?

DONNERSMARCK: Ich hatte schon immer ein leidenschaftliches Interesse an historischen Spezifika. Als Junge bin ich einmal drei Stunden zu spät nach Hause gekommen, weil ich zwei älteren Damen im Bus zugehört hatte, die sich über ihre Kindheit in der Zwischenkriegszeit unterhalten haben. Aus den vielen kleinen Einzelheiten in ihren Erzählungen sah ich diese Zeit direkt vor meinen Augen. Das hat mich derart fasziniert, dass ich als heimlicher Zuhörer bis zur Endstation mitgefahren bin. Wenn ich heute Texte aus einer anderen Zeit finde, will ich sie wirklich durchdringen. Wenn ich darin ein Wort entdecke, das ich nicht kenne, ist das für mich wie ein Geschenk, weil ich dann herausfinden darf, woher dieses Wort kommt.

Im Film heißt es: „Alles was wahr ist, ist schön.“ Wie lässt sich dieses Credo angesichts der grausamen deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts aufrechterhalten?

Tom Schilling als Kurt Barnert und Paula Beer als Ellie in West-Berlin Bild-Zoom Foto: - (Buena Vista Int/Pergamon Film/Wi)
Tom Schilling als Kurt Barnert und Paula Beer als Ellie in West-Berlin

DONNERSMARCK: Das sage ja nicht ich, sondern die Tante meines Protagonisten, die an einer schizophrenen Erkrankung leidet und zum Opfer des NS-Euthanasieprogramms wird. Ihr eigenes Schicksal stellt ja die Frage, ob sie damit recht hat. Dennoch lohnt es sich, über diesen Satz nachzudenken. Es kommt ja eher selten vor, dass man die Wahrheit wirklich findet – und wenn, ist dann vielleicht allein die Tatsache, dass etwas wahr ist, bereits schön? Der Satz ist also eine Behauptung, an der es sich abzuarbeiten lohnt.

Bei aller historischen Distanz: Wie viel haben Ihre Filmfiguren mit Ihnen selbst zu tun?

DONNERSMARCK: Ich versuche beim Schreiben, die Figuren aus mir selbst herauszuholen. Ich gehe zuallererst von meinem Erfahrungshorizont aus und hole die Figuren aus meinen Träumen und Ängsten. Wenn ich die Figur des Malers Kurt Barnert entwerfe, schaue ich bei mir: Wo ist in mir der stille Beobachter, der nicht viel spricht? Bei einer Figur wie dem SS-Arzt Seeband denkt man eher an die größte Angstvorstellung, wovor man sich am meisten fürchtet.

Als Inspiration für die Figur des Kurt Barnert diente auch der Maler Gerhard Richter. Wie eng haben Sie mit ihm zusammengearbeitet?

DONNERSMARCK: Ich habe in Vorbereitung auf diesen Film mit vielen Künstlern gesprochen, die alle sehr großzügig mit ihrer Zeit waren. Gerhard Richter war besonders großzügig. Wir haben uns über einen Zeitraum von vier Wochen miteinander unterhalten und sind sogar einige Tage nach Dresden an die Orte seiner Kindheit und Jugend gefahren.

Am Anfang begibt sich der Film in die NS-Ausstellung zur „Entarteten Kunst“. Für die Szene wurden viele Gemälde und Skulpturen rekonstruiert, die von den Nazis zerstört wurden. Warum waren Ihnen diese Rekonstruktionen so wichtig?

DONNERSMARCK: Wir haben viele ernsthafte Künstler beschäftigt, die all diese Bilder und Skulpturen, kopiert und wieder nachempfunden haben. Sie haben sich nach langer Vorbereitung an die Rekonstruktion gemacht. Für das Bild „Kriegskrüppel“ zum Beispiel, haben sie geschaut, wo es etwa im Werk von Otto Dix vergleichbare Bilder gibt, haben dann mit dem Archiv des Künstlers recherchiert, welche Pigmente und Stoffe er verwendet hat. Obwohl es nur noch eine kleine Schwarz-Weiß-Fotografie des Bildes gab, sind wir, denke ich, mit unserer Rekonstruktion sehr nah an das Original gekommen. Vielleicht war das teilweise etwas zu akribisch, aber ich glaube, in der Summe zahlt sich das aus. Wenn man ein solch großes Gemälde, das von den Nazis aus Hass und Unverständnis zerstört wurden, in einem Film mit Liebe und Bewunderung wiederauferstehen lässt, schwingt da auch etwas Kosmisches mit.

Ihr Film erforscht die Frage, inwieweit Kunst erlittene Traumata widerspiegeln und bewältigen kann. Gleichzeitig verwirft Ihr Protagonist Kurt Barnert am Ende des Films in einer Pressekonferenz diese These, indem er von seinen Bildern als Werk ohne Autor spricht . . .

DONNERSMARCK: Ich glaube schon, dass alle Kunst im tiefsten Sinne autobiografisch ist. Ein Künstler bringt die Verletzungen des eigenen Lebens in sein Werk ein. Die Traumata bekommen dadurch, dass man sie in Kunst verwandelt, rückblickend einen Sinn. Was Kurt Barnert am Schluss sagt, ist natürlich auch eine Schutzbehauptung. Aber er hat ein solches Vertrauen in seine Kunst gewonnen, dass er weiß, dass seine Bilder wirken werden, auch wenn er die Geschichte dahinter gar nicht erzählt. Kurt Barnert möchte den Leuten die Geschichte von seiner Tante nicht erzählen. Sie geht ihm zu nahe. Er weiß, dass Menschen, die feinsinnig genug sind und vor seinen Bildern stehen, so zwar nichts von seiner Geschichte wissen, sie aber mit dem Herzen trotzdem spüren werden.

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