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Buch-Neuerscheinung: Ein Joint zu viel: Exzellente Weihnachtsgeschichten von Alexander Osgangs

Weihnachten ist das Fest der Besinnung. Nach einem anstrengenden Jahr mal so richtig durchatmen unterm Baum. Was aber, wenn die Stille Nacht zu still ist?
„Vom Himmel hoch da komm ich her . . .“ Wann fing das eigentlich an, dass Menschen Weihnachtsmänner an Häuserfassaden hängten? Zu dieser Tragik könnte Herr Osang auch einmal etwas dichten. Foto: Werner_Baum (dpa) „Vom Himmel hoch da komm ich her . . .“ Wann fing das eigentlich an, dass Menschen Weihnachtsmänner an Häuserfassaden hängten? Zu dieser Tragik könnte Herr Osang auch einmal etwas dichten.

Seit mehr als 20 Jahren schreibt Alexander Osang jedes Jahr eine Weihnachtsgeschichte für die Berliner Zeitung. Für manchen Hauptstädter eine liebgewonnene Weihnachtsroutine, auf die er nicht mehr verzichten möchte. Der Band „Winterschwimmer“ versammelt 14 dieser Erzählungen. Immer geht es um Menschen, die ihren Mittelpunkt verloren haben, in Routinen gefangen sind und an sich und den Verhältnissen scheitern. Alle Geschichten spielen im neuen Berlin, da, wo die Ansprüche am höchsten und die Abgründe am tiefsten sind. Nicht nur deswegen muss man beim Lesen des Öfteren an Judith Herrmann denken. Die Protagonisten sind nicht mehr jung. Ihre besten Jahre haben sie hinter sich. Hinter der hippen Großstadtfassade offenbart sich oft eine trostlose Leere. Es sind Weihnachtsgeschichten der anderen Art, ohne Kitsch, Glitter und Glockenklang.

Autor Alexander Osang. Bild-Zoom Foto: Jens Kalaene (dpa-Zentralbild)
Autor Alexander Osang.

Da wird das „Weihnachtsbaumschlagen für Geschäftskunden der Berliner Volksbank“ im Wandlitzer Forst, zu dem die Familienväter mit schwarzen Limousinen und SUVs fahren, zum prestigeträchtigen Wettlauf um den größten Baum, bei dem die Kinder mit Frostbeulen auf der Strecke bleiben („Weißenseer Wölfe“). Der von seiner Freundin verlassene Pfleger schaut neidvoll den Altenheimbewohnern nach, die sich ins Flugzeug setzen, um noch einmal das Blau des kalifornischen Himmels zu sehen („Die blaue Linie“). Oder es stellt sich heraus, dass der in Thailand verstorbene Vater nicht alleine im Unfallauto saß, sondern eine „einheimische Begleiterin“ bei sich hatte. Martin Barnow, der seinen Vater an Heiligabend überführen muss, fragt sich, ob er der Schwester davon erzählen soll, als die ihm mitteilt, sie habe die Worte für den Grabstein schon in Auftrag gegeben: „Er konnte ohne seine liebe Frau nicht sein./Er folgte ihr nach nur drei Jahren.“

Mehrfacher Preisträger

Melancholie und Humor verbinden sich in diesen exzellenten Erzählungen auf subtile Art. Nach den schwächeren Romanen „Königstorkinder“ (2010) und „Comeback“ (2015) offenbaren sie das ganze Können Osangs, der als Reporter für die Berliner Zeitung und den Spiegel 1993, 1999 und 2001 den Egon-Erwin-Kisch-Preis erhielt und so oft nominiert war, dass Kollegen spöttisch schon vom „Osang-Preis“ sprachen. Auf engstem Raum schafft er Atmosphäre und gibt dem Lebensgefühl einer Generation Ausdruck. Aus so manchem Text ließe sich ein wunderbarer Spielfilm machen. Etwa aus „Die Kette“, in der sich Frau Christiansen und ihr Chef Herr Becker nach einer Betriebsweihnachtsfeier ein Taxi teilen. Als sie sich an ihn ranmacht, lässt er sie abblitzen. Weil es regnet aber, hängt er ihr sein Jackett um. Ein Fehler: Befindet sich darin doch die Kette, die er seiner Gattin schenken will.

1962 geboren

Es hat etwas von einer Slapstick-Nummer, wenn Osang erzählt, wie Becker wieder an das Jackett kommen will, das die in ihrer Eitelkeit verletzte Frau Christiansen kurzerhand in einem Altkleidercontainer entsorgt hat. Wie er versucht den Container zu knacken und von der Polizei erwischt wird. Oder ein Schaulustiger die Szene mit dem Smartphone filmt und sie ins Netz stellt, was Becker Job und Ehe kostet. Es gibt solche Tage.

So auch in „Unsichtbar“, der einzigen neuen Geschichte, die der 1962 geborene Osang für den Band geschrieben hat. In ihr kehrt ein BMW-Manager am Heiligen Abend zurück zu seiner Familie und steht der Exfrau und den Ex-Schwiegereltern gegenüber. Der Sohn hat ihn überredet, den Weihnachtsmann zu spielen. In der Verkleidung von keinem erkannt, muss der Geschäftsmann feststellen, dass er seinen „Geliebten“ gleichgültig ist. In einem Satz handeln sie sein Leben ab. Eine schöne Bescherung. Damit käme er vielleicht ja noch klar, wenn der Sohn ihm nicht zuvor einen Joint angeboten hätte, der den wortgewaltigen Weihnachtsmann völlig aus dem Konzept bringt.

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