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Julian Schnabel, Amerikas wilder Neo-Expressionist: Ein Künstler hält die Zeit an

Das Übermalen vorhandener Bilder ist zu einer Lieblingstechnik von Julian Schnabel geworden. Nun zeigt der 65-Jährige in Aschaffenburg, wie er das macht.
Seinen Druck „Walt Whitman (Air)“ hat Schnabel dem Dichter gewidmet. Seinen Druck „Walt Whitman (Air)“ hat Schnabel dem Dichter gewidmet.

Das Wort aus dem Griechischen ist fast ein Zungenbrecher: Ein Palimpsest meint eine beschriebene Seite, die durch Abschaben oder Abwaschen gereinigt und erneut beschrieben werden kann. Es handelt sich um eine schon in der Antike bis ins Mittelalter weit verbreitete Technik, da Schreibmaterial wie Pergament und Papyrus rar und entsprechend teuer war. „Palimpsest“ lautet auch der Titel der Schau, die das druckgrafische Werk von Julian Schnabel aus 35 Jahren versammelt, von 1983 bis 2017.

Vielfalt der Stile

Es ist die erste umfassende Retrospektive seiner Grafiken in Deutschland, die nach der ersten Station in Koblenz nun in der Aschaffenburger Kunsthalle Jesuitenkirche bis 11. Juni zu sehen ist. Eine Schau mit Promifaktor, denn der Amerikaner galt lange als Bad Boy der Malerei, als exaltierter Kunststar. Dieser Ruf haftet ihm auch mit 65 Jahren noch an, obwohl es inzwischen ruhiger um ihn geworden ist.

Im Jahr 1979 war der Neo-Expressionist wie ein Komet am Kunsthimmel erschienen. Der spröden Konzept- und Minimal-Art waren ohnehin viele überdrüssig und rissen ihm jedes seiner überdimensionalen Bilder aus den Händen. Aber die Kritik war nicht minder heftig. Zehn Jahre später überwogen diese negativen Stimmen, die kein eigenständiges Werk sahen. Der Multi-Stilist hatte einfach zu oft die Handschrift gewechselt.

In seiner Grafik-Reihe „Rheinromantik“ brachte Julian Schnabel 2016 auch diese Ritterburg „Ohne Titel“ heraus, ein Pigmentdruck auf Faserpapier, kaschiert auf Karton.	Abbildungen: VG Bild-Kunst, Studio Julian Schnabel Bild-Zoom
In seiner Grafik-Reihe „Rheinromantik“ brachte Julian Schnabel 2016 auch diese Ritterburg „Ohne Titel“ heraus, ein Pigmentdruck auf Faserpapier, kaschiert auf Karton. Abbildungen: VG Bild-Kunst, Studio Julian Schnabel

Julian Schnabel verschwand in der Versenkung, malte weiter und versuchte sich als Drehbuchautor und Regisseur. So entstanden durchaus respektable Filme über den Graffiti-Künstler Jean-Michel Basquiat (1996), über den kubanischen Schriftsteller und Dissidenten Reinaldo Arenas (2000) und zuletzt über den durch einen Schlaganfall komplett gelähmten und stummen Journalisten Jean-Dominique Bauby (2007).

Reichtum der Stoffe

Inzwischen hat sich Schnabel wieder als Maler rehabilitiert, in Deutschland zuletzt 2004 dank Max Hollein in der Frankfurter Schirn. Auch im Frankfurter Opernturm hängt ein Werk von ihm, das 14 Meter hohe Gemälde „Ahab“, das eine schwarz-rote Klinge und einen weißen Wal zeigt. Auf der Waffe steht „Ahab“ und verweist auf den gleichnamigen Kapitän, der hasserfüllt einen Wal verfolgt, so die Handlung von Hermann Melvilles Roman „Moby Dick“. Julian Schnabel beschäftigt sich oft mit diesem 1851 erschienenen Roman, sein Gemälde soll dem Turm „etwas Menschliches geben“.

Doch auf ein Thema lässt sich der Künstler nicht festlegen, auch nicht auf einen Stil. Das macht die Einordnung schwer, verleitet aber zu flinker Kritik. Überdies liebt Schnabel ungewöhnliche Materialien, von Lkw-Planen über Segeltuch, Samt, Tierhaut und Porzellanscherben bis zu Leinwänden, die er zuvor durch aufgeweichte Erde gezogen hat. Erst mit Spuren des Gebrauchs und damit der Historie sind sie gut fürs Bemalen. Ähnlich geht er auch in seinen Radierungen, Lithografien und Collagen vor, er bearbeitet gefundenes Material wie alte Bilder, Tapeten, Weltkarten oder Stoffe nochmals mit dem Pinsel.

Schnabels Material scheint aus der Zeit gefallen, er spielt mit der kollektiven Erinnerung: „Das ist ein Teil der Arbeit, aber dann greife ich noch ein und ziehe es rüber in die Gegenwart, so dass es eben nicht wirkt wie ein Relikt“. Das beste Beispiel ist das vergilbte Schulwandbild vom Kölner Dom aus dem späten 19. Jahrhundert, das Schnabel bei einem Kunsthändler erworben hat. Mit violett-schwarzem Pinselstrich umkreist er die Türme, teilt weiter unten das Bild mit einem diagonalen schwarzen Strich. Ein gewitztes Spiel zwischen altmeisterlicher und zeitgenössischer Malerei, zwischen Figuration und Abstraktion.

Neben dem großformatigen Dom-Blatt hat Schnabel auch Bilder einer Ritterburg oder des Siebengebirges bearbeitet und zur dreiteiligen „Rheinromantik“-Serie gefügt. Das Übermalen von Motiven erinnert an seinen Kollegen, den 2010 gestorbenen Sigmar Polke. Überhaupt ist Schnabel sehr europäisch geprägt, seine Motive erinnern an den Baumeister Antoni Gaudí oder an den Mythenkünstler Anselm Kiefer. Auch die amerikanische Geschichte arbeitet er auf, etwa in der Serie „Childhood“ (Kindheit), wo er Szenen aus dem Unabhängigkeitskrieg mit Tieren wie einem Ziegenbock und einem Hasen mischt.

Julian Schnabel malt intuitiv, geradezu assoziativ. Er bringt widersprüchliche Motive, Materialien und Ideen in einem Bild unter und malt damit gegen das Malen an. Vielleicht ist er doch mehr Filmemacher, als er zugeben mag. Der sucht bestimmte Szenen heraus und verknüpft sie miteinander: „Ich bin vielleicht Künstler geworden, damit ich die Zeit anhalten kann. Deshalb habe ich schon als Kind angefangen, zu malen. Damit konnte ich etwas festhalten und später wieder dahin zurückkehren, wenn ich wollte.“ Eine Zeitreise also, aber mit Pause-Taste.

 

Kunsthalle Jesuitenkirche, Pfaffengasse 26, Aschaffenburg. Bis 11. Juni, dienstags 14–20 Uhr, mittwochs bis sonntags 10–17 Uhr. Eintritt 6 Euro. Telefon (06021) 21 86 98. Internet www.museen-aschaffenburg.de

 

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