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20. Todestag von Rio Reiser: Ein Rebell und Musikpoet

Am 20. August 1996 starb der „Ton-Steine-Scherben-Sänger Rio Reiser. Sein Bruder Gert Möbius erinnert in einem Lebensbericht an die gemeinsame Zeit.
„Geliebt und unvergessen“ steht auf dem Grab von Rio Reiser in Berlin. Am 20. August vor 20 Jahren starb der „Ton-Steine-Scherben“-Sänger. Sein Bruder und langjähriger Weggefährte Gert Möbius hat aus diesem Anlass eine Biografie geschrieben. Foto: Britta Pedersen (dpa-Zentralbild) „Geliebt und unvergessen“ steht auf dem Grab von Rio Reiser in Berlin. Am 20. August vor 20 Jahren starb der „Ton-Steine-Scherben“-Sänger. Sein Bruder und langjähriger Weggefährte Gert Möbius hat aus diesem Anlass eine Biografie geschrieben.

Manche sahen in ihm den „König von Deutschland“ und den „ersten deutschen Rock-’n’-Roll-Hero“, aber auch einen „zerbrechlichen Iggy Pop“. Der „Ton-Steine-Scherben“-Sänger Rio Reiser, der vor 20 Jahren am 20. August 1996 überraschend früh starb, war einer der bedeutendsten Musikpoeten und -rebellen der 60er bis 80er Jahre in der Bundesrepublik. Er schrieb mit Songs wie „Keine Macht für niemand“ und „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ auch bundesdeutsche Kulturgeschichte.

1994 veröffentlichte Reiser den ersten Teil seiner Erinnerungen, die (bis auf einen Nachtrag) in den 70er Jahren abbrechen. Jetzt hat sein Bruder, der Drehbuchautor Gert Möbius, eine komplette Biografie (samt eigener Geschichte) veröffentlicht („Rio Reiser – Halt dich an deiner Liebe fest“, Aufbau-Verlag). Der 1950 in Berlin geborene Rio Reiser, der mit bürgerlichem Namen Ralph Möbius hieß, fühlte sich der damals aufbegehrenden Jugend, aber keiner ideologischen Richtung wirklich verbunden.

Eine Krone ziert das Grab Reisers, des „Königs von Deutschland“. Bild-Zoom Foto: Britta Pedersen (dpa-Zentralbild)
Eine Krone ziert das Grab Reisers, des „Königs von Deutschland“.

Mit der Studentenrevolte der 68er hatte er wenig am Hut. „Lange Haare, Kiffen und Schwulsein“ war besonders bei den dogmatischen sogenannten „K-Gruppen“ seinerzeit „völlig inopportunes bourgeoises Gehabe“, wie Gert Möbius schreibt, was für den homosexuellen Reiser ein zusätzliches Problem bedeutete. Aber ebenso wie die ideologischen und sexuellen Differenzen machte Reiser auch die Erwartung der Linken an die deutschen Rockmusiker zu schaffen, fühlte er sich doch zwischen künstlerischem Anspruch und den kommerziellen Erwartungen der Musikindustrie sowieso schon hin- und hergerissen. Prompt nahmen ihm viele Linke seine spätere „Popularisierung“ übel.

Keine Studenten

Reiser wollte auch bewusst populär und dennoch gesellschaftlich engagiert sein, im besten Sinne eben ein „Volkssänger“ nach seinem Verständnis. „Die Lieder waren zum Großteil auch nicht für die Studentenbewegung gemacht. Das hätten wir auch gar nicht machen können. Wir waren keine Studenten.“ Auch ein „Pausenclown der Grünen“ wollte er nicht sein. Aber es blieb der Interessenkonflikt, wie er ihn einmal beschrieb: „Wie bekommt man eine Platte hin, die die Linken akzeptieren, unterstützen“, aber „dass sie trotzdem die breite Masse, für die sie ja eigentlich gemacht wurde, erreicht“.

Der Titel des Bruder-Buches, „Rio Reiser“, mit der nach eigenen Worten „brudergetrübten“ Sicht auf Rio, gibt nicht den ganzen Inhalt wieder. Denn Möbius erzählt einerseits natürlich die Geschichte des Sängers mit erstmals veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen Rios (die auch einige Kürzungen vertragen hätten). Er ruft aber auch mit lebhaften Bildern die eigene kleinbürgerliche Familiengeschichte in der frühen Bundesrepublik in Erinnerung, mit „Tante-Emma“- oder „Kolonialwaren“-Läden, Tretrollern für 50 Pfennig leihweise, wo Zarah Leander, „Lili Marleen“ und „Landser“-Groschenhefte immer noch populär waren und wo die Nazi-Vergangenheit und auch die DDR „keine große Rolle“ spielten.

Ebenso erinnert Möbius an das soziokulturelle Leben im isolierten und später sogar eingemauerten West-Berlin, wo Reiser 1950 auch geboren wurde. Die Familie war lange auf beruflicher Wanderschaft des Vaters wegen. Auch ins Rhein-Main-Gebiet verschlug es die Familie. Dort brach Reiser die Schule ab, später auch eine Fotografenlehre in Offenbach. Er lernte mehrere Instrumente im Selbststudium: Cello, Gitarre und Klavier.

In Frankfurt fand er seine erste Band, eine Beatband, die Stücke coverte, gründete eine weitere Gruppe, zog mit Gefährten wie R.P.S. Lanrue und seinen ebenfalls musizierenden Brüdern nach Berlin. Rio wollte eigentlich nicht zurück, in diesen „spießigen Trümmerhaufen“, in die „Stadt der verlorenen Seelen“, die im Westen in den späten 70er und in den 80er Jahren auch „eine einzige Disco“ gewesen sei.

Erfolge und Selbstzweifel

Das Kreuzberg jener Jahre, das alte SO 36, war Sanierungsgebiet („Einzimmerwohnung mit Klo auf halber Treppe, ohne Dusche und Telefon“) und eigentlich zum weitgehenden Abriss freigegeben und damit auch Sammelpunkt der alternativen bis anarchistischen Szene, die Rio Reiser und seine Freunde magisch anzog („allet echte Proleten“).

„Macht kaputt, was euch kaputt macht“ fiel vor allem hier auf fruchtbaren Boden. Hausbesetzer, Bethanien, Mariannenplatz, Oranienstraße, Türken, Naunynstraße und ein Tempodromzelt am menschenleeren Potsdamer Platz hießen jetzt die Schauplätze und Stichworte auch in Rio Reisers Leben, das bald auch von ersten Schallplattenerfolgen (und -misserfolgen) und Tourneen geprägt war.

Sein Song „König von Deutschland“ machte ihn auch über die engere Szene hinaus bekannt und damit auch für Funk und Fernsehen interessant. Schließlich zog sich die Gruppe aber in einen alten Bauernhof im nordfriesischen Fresenhagen zurück, misstrauisch beäugt als möglicher „Terroristenunterschlupf“ in den aufgeheizten RAF-Baader-Meinhof-Fahndungszeiten.

Gert Möbius schildert aber auch einfühlsam und berührend die zunehmende Vereinsamung seines Bruders inmitten des beruflichen Trubels mit dem Auf und Ab von Erfolgen und Selbstzweifeln. „Die Droge, der Shit, der Alkohol“, Depressionen wurden seine Begleiter. „Es ist niemand neben mir“, notiert Rio. Die ewige Angst, nicht geliebt zu werden inmitten seiner wechselnden Männerfreundschaften. In dunklen Tagen wünschte er sich seine Grabinschrift „Verhungert auf der Suche nach Liebe“, fügte dann aber auch relativierend nüchtern hinzu: „Aber es gibt schon genug Menschen, auf deren Grabstein man das schreiben kann“.

Der „König von Deutschland“ starb, zwar gesundheitlich bereits angeschlagen, aber dennoch völlig überraschend im Alter von erst 46 Jahren am 20. August 1996 in Fresenhagen, wo er zunächst auch beigesetzt wurde. 2011 fand seine Umbettung auf den Berlin-Schöneberger St.-Matthäus-Kirchhof statt, jener Kirchengemeinde, wo Ralph Möbius 1950 getauft wurde.

Teilnehmer der Trauerfeier im Berliner Tempodrom am 1. September 1996 waren unter anderen Herbert Grönemeyer, Blixa Bargeld, Marianne Rosenberg, Tim Fischer sowie die Gruppen „Einstürzende Neubauten“ und „Keimzeit“. Ulla Meinecke sang einen der berühmtesten Rio-Reiser-Songs, „Junimond“, mit den Zeilen „Jetzt tut’s nicht mehr weh . . . Es ist vorbei, bye bye Junimond“.

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