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Schloss Philippsruhe: Ein Schulmeister als Satiriker: Zum 80. Geburtstag von F.W. Bernstein

Der einstige Frankfurter Kunsterzieher wird jetzt in Hanau als einer der Großmeister der Komik mit dem Grimm-Preis geehrt. Die Ausstellung dazu zeigt 200 Werke von den 80ern bis heute.
So sieht F. W. Bernstein die Evolution: Aus dem Wasser kommend, hat sich der Mensch vom Fisch zum vornehmen Mann mit Zylinder und Gehstock entwickelt. Die treffende Zeile liefert der Meister der Komik gleich mit: „Der Rest der Party findet an Land statt.“ Abb.: Caricatura, Britta Frenz Bilder > So sieht F. W. Bernstein die Evolution: Aus dem Wasser kommend, hat sich der Mensch vom Fisch zum vornehmen Mann mit Zylinder und Gehstock entwickelt. Die treffende Zeile liefert der Meister der Komik gleich mit: „Der Rest der Party findet an Land statt.“ Abb.: Caricatura, Britta Frenz

Der Zeichner zweifelt: „Ob Satire wirklich alles darf?“, hat er unter das erste Blatt geschrieben. Direkt darüber steckt der Zeichenstift in einer Birne, an der ein kleiner Stein hängt. Erst im zweiten Blatt hat der Zeichner die Antwort gefunden. „Spaß muss sein“, ist da zu lesen. Aber lustig geht es gar nicht zu, denn der Künstler wird just von einem Vermummten am Galgen aufgeknüpft. So schnell können einem die Witzeleien vergehen, scheint F. W. Bernstein sagen zu wollen. Der muss es ja wissen mit seiner Lebenserfahrung von nunmehr 80 Jahren.

Bernstein, mit bürgerlichem Namen F. W. Weigle, ist einer der wichtigsten deutschen Satiriker und zählt zum engsten Kreis der „Neuen Frankfurter Schule“ (NFS). Jetzt wird ihm eine besondere Ehre zuteil im Hanauer Schloss Philippsruhe. Denn bei der Eröffnung der Überblicksschau mit rund 200 Werken an diesem Mittwoch (14. März, 19.30 Uhr) erhält Bernstein den „Ludwig-Emil-Grimm-Preis für Karikatur“. Der jüngere Bruder der Märchensammler tat sich nämlich nicht nur mit Porträts, Märchenillustrationen, Familienszenen, Naturstudien und Heiligenbildern hervor, sondern auch mit bissigen Karikaturen.

Wie sehr das ungleiche Duo Grimm & Bernstein harmoniert, macht eine Gegenüberstellung im ersten Raum der bis 29. April laufenden Schau deutlich. Da schaut Grimms porträtierter Hund so treudoof drein, dass man erst beim Lesen des Titels den Hintersinn entdeckt. „Den Katzen zum Andenken“, heißt es warnend, als könnte der Schoßhund zum Löwen werden. Auch Grimms Tuschezeichnung der Lola Montez, der Geliebten des bayerischen Königs Ludwig I., schwankt zwischen Verehrung und Spott. Bernstein hingegen nimmt sich oft selbst auf den Arm. Unter seinem Bild steht: „Am Anfang schuf der Zeichner Himmel und Bär“ – als gäbe es nichts Wichtigeres zu tun.

Liebevolle Spöttelei

Ohnehin liebt Bernstein das Genre des Selbstporträts. Typisch sind die Selbstbildnisse mit übergroßer Brille, die ihm ständig von der Nase zu rutschen droht. „Er ist sich selbst sein liebster Gegenstand“, meint Kurator Thomas Kronenberg vom Frankfurter Caricatura-Museum, der die Schau überwiegend aus eigenen Beständen bestückt hat. Mehr als 3000 Werke besitzt das Museum von Bernstein und damit mehr als von den anderen NFS-Mitstreitern wie Robert Gernhardt, Hans Traxler, Chlodwig Poth und F. K. Waechter. Denn Bernstein ist ein Vielzeichner. Immer hat er Skizzenblock und Stift dabei und bringt rasch das Gesehene oder andere Einfälle zu Papier.

Vor zu viel Selbstbespiegelung bewahrt ihn seine leise, aber stets liebevolle Spöttelei. Auf einem Blatt zeigt er sogar, wo überall das Ich-Wort enthalten ist. Natürlich finden sich die drei Buchstaben im Dichter, aber auch im Teppich, im Licht und im Leichnam – so entsteht ein typisches Bernstein-Wimmelbild mit vielen kleinen Szenen auf dem Blatt. Der Besucher sollte also etwas Zeit mitbringen, zu sehen und zu lachen gibt es genug.

Auf Badematten

Über Bernsteins Kreativität kann man nur staunen, zumal er all das nebenbei gemacht hat. Im Hauptberuf war der gebürtige Schwabe nämlich Kunsterzieher, zuerst acht Jahre in Frankfurt und Bad Vilbel, dann zwölf Jahre in Göttingen, bevor er 1984 Professor für Karikatur und Bildgeschichte an der Berliner Hochschule der Künste wurde. Ein Schulmeister als Satiriker – morgens den Nachwuchs unterrichtet, nachmittags allerlei Schräges gezeichnet und gedichtet für die Magazine „Pardon“ und „Titanic“. Heute ist das kaum noch vorstellbar, die Eltern würden Sturm laufen über solch einen rebellischen Lehrer.

Aber Bernstein war es wichtig, sein Wissen und Können an Jüngere weiterzugeben. Auch hat er keine eigene Handschrift entwickelt, er wechselt Technik und Zeichenstifte gerade so, wie es passt. Und er malt auf alles, auf alte Briefkuverts, auf Pappe, Badematten und auf Postkarten, von denen er täglich ein paar an Freunde verschickt. Eine kleine Kostprobe: „Ein Rosaton aus dem Grammophon am Meer? Bitte sehr!“, dichtet Bernstein, zeichnet das Ganze – und ab geht die Nonsens-Post. Mit Politik hat er nicht viel am Hut, dafür arbeitet er sich an den menschlichen Schwächen ab.

Drei Tage kämpfte Bernstein mit sich im Herbst 1987: Am ersten Tag steht noch „Eigentlich . . .“ unter einer angebrochenen Tafel Schokolade, am zweiten Tag folgt unter der geschrumpften Tafel „. . . sollte ich . . .“, am dritten Tag ist die Verpackung zusammengeknüllt, darunter ein trotziges „Ach was!“ hingekritzelt. Treffender geht’s nicht.

Historisches Museum

Schloss Philippsruh e, Hanau,
Philippsruher Allee 45.
Vom 15. März bis 29. April,
geöffnet Di bis So 11–18 Uhr.
Eintritt 4 Euro. Telefon
(0 61 81) 2 95 17 99. Internet www.philippsruhe.hanau.de

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