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Liebieghaus: Ein pausbäckiger Prachtkerl

Von Frankfurts Skulpturenmuseum hat eine Jesusfigur aus der Werkstatt Michel Erharts erstanden – von außergewöhnlicher Größe und Qualität.
Das Christuskind entstand um 1470 in Ulm. Das Christuskind entstand um 1470 in Ulm.

Als ihm dieses Christuskind angeboten wurde, habe er es erst gar nicht glauben können, sagt Stefan Roller, Sammlungsleiter der Mittelalter-Abteilung im Liebieghaus. Seit langem war so etwas sein inniger, aber unerfüllbarer Wunsch. „Auf dem Markt wird so etwas nicht gehandelt.“ Nur zwei Figuren von ähnlicher Qualität gibt es in Deutschland, in München und in Hamburg. Auch das Metropolitan-Museum in New York besitze eine. Trotz Gebrauchsspuren ist die Skulptur, die er jetzt mit der Ernst-von-Siemens-Stiftung kaufen konnte, außergewöhnlich gut erhalten. Mit 63 Zentimetern ist sie ungewöhnlich groß. Die leicht geöffnete Mundpartie und die Augen lassen das Kind (um 1470–1475) lebendig wirken. Zuzuschreiben ist es dem Bildhauer Michel Erhart.

Die Arme sind abgeschnitten. Das verweise darauf, dass Christuskinder im 15. Jahrhundert nicht ausgestellt, sondern verehrt wurden, sagt Roller. Frauen, die als Nonnen ins Kloster gingen, waren bis ins 15. Jahrhundert hinein fast ausschließlich Adelige. Sie nutzten die Figuren, um sie zu verehren, zu behüten, anzuziehen und zu lieben. Viele hatten Ganzjahres-Garderoben, früher aus Leinen, im Barock dann aus schwerem Brokat. Um die Figur leichter an- und auskleiden zu können, habe man ihr wohl die Arme abgeschnitten. Nach dem Ankleiden habe man sie wieder aufgesteckt. Im Lauf der Jahrhunderte gingen sie verloren.

Deutliche Spuren küssender Verehrung zeigt die Figur auch um die Gegend des Geschlechts. Als Zeichen der Menschwerdung Gottes war dessen Sichtbarkeit besonders wichtig. „Der Schniedel muss gesehen werden“, so Roller.

Mit drei weiteren kleinen Christusfiguren gehört das wertvolle Stück nun zur Sammlung. 50 Gulden mag es gekostet haben, was nach Roller dem Jahresgehalt des gutbezahlten Ulmer Stadtpfarrers entsprach.

Später soll der „Prachtkerl“ saniert werden. Das kann ein ganzes Jahr dauern. Der Rücken zeigt Spuren des häufigen Umkleidens. Die Haare, jetzt bräunlich, sind aus Blattgold.

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