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Ausstellung im Liebighaus: Ein schlechter Lohn für viele gute Taten

Von Zwischen 1933 und 1945 erwarb das Liebieghaus 471 Skulpturen – Jetzt fragt das Skulpturen-Museum: Alle rechtmäßig? Welche Werke könnten Raubkunst sein? Das Liebieghaus durchsucht seine Bestände nach unrechtmäßig erworbenen Werken. Die Schau „Eindeutig bis zweifelhaft“ lenkt ihr Augenmerk auf ausgewählte Stücke und auf die Schicksale ihrer Sammler. Eine Serie. Heute: Die Christusgruppe aus der Sammlung Weinberg.
Die Christus-Johannes-Gruppe aus der Sammlung von Weinberg. Die Christus-Johannes-Gruppe aus der Sammlung von Weinberg.

Die Christus- und Johannes-Gruppe aus der Sammlung von Weinberg im Liebieghaus ist wunderschön. Ein Andachtsbild, wie es typisch ist für die Zeit seiner Entstehung, um 1350, doch von außergewöhnlicher Anmut: Jesus und sein liebster Jünger sitzen eng nebeneinander, Johannes hat sein Haupt vertrauensvoll an Jesu Brust gelehnt. Die Augen hält er reicht er dem Gottessohn, der wiederum sie mit seiner Rechten hält, während seine Linke wie schützend auf Johannes’ Schulter liegt. Dabei ist es Jesus, der bald sterben wird, denn die Bibel bezeugt jene Episode beim letzten Abendmahl.

Jesus ist ernst, doch nicht ängstlich, und um den Mund von Johannes, der deutlich kleiner geraten ist als sein großer Beschützer, scheint im Zustand der Entspannung gar ein vertrauensvolles Lächeln zu spielen.

Die Szene war ein beliebtes Motiv, bestens geeignet, die christliche Vorstellung zu befeuern, im vollkommenen Vertrauen zu Jesus und seiner Lehre sei der Mensch geborgen und erfülle sich die christliche Lehre von einem Gott, dessen Liebe über alles geht. Doch wie kam diese herrliche Skulptur, entstanden am Oberrhein oder Bodensee, ins Liebieghaus?

Carl von Weinberg, verfolgter Mäzen.  Abb.: Liebieghaus Bild-Zoom
Carl von Weinberg, verfolgter Mäzen. Abb.: Liebieghaus

Die Spur führt direkt zu Carl von Weinberg und seiner „Sammlung Waldfried“, benannt nach seiner Villa, erbaut im Anfang des 20. Jahrhunderts so beliebten englischen Landhausstil südlich von Niederrad. Weinbergs Frau May kam aus Plymouth. Auf historischen Fotos erinnert das Anwesen mit seinen 100 Zimmern von fern an das Potsdamer Schloss Cecilienhof. Die Villa war ebenso prächtig in ihren Ausmaßen und ebenso filigran in der Fachwerkgestaltung.

Carl von Weinberg war einer der bedeutendsten Industriellen des Landes. 1861 war er in Frankfurt in einer jüdischen Familie geboren worden, ein Jahr nach seinem Bruder Arthur. Beide ließen sich 1880 evangelisch taufen. Beide wurden in jungen Jahren Teilhaber der Leopold-Cassella-Farbenfabrik, die später mit der I.G. Farbenindustrie AG fusionierte. Sie war führend war in der Entwicklung synthetischer Farben.

Ein einflussreicher Mann

Der einflussreiche Carl von Weinberg nahm auf deutscher Seite teil an den Friedensverhandlungen von Versailles. Mäzenatisch war er auf vielen Feldern tätig: Er unterhielt eine enge Bindung zur Universität, unterstützte die Gründung der nach ihm benannten Schule in Schwanheim, und auch die Gründung des Frankfurter Polo-Clubs und der Galopprennbahn geht auf den passionierten Pferdeliebhaber und -züchter zurück.

Nebenbei bauten sich Carl von Weinberg und seine Frau eine umfangreiche Kunstsammlung auf: 721 Objekte umfasste sie, als er sie 1938 mitsamt seiner Villa verkaufen musste. Der Katalog zur Liebieghaus-Ausstellung berichtet, dass der Kaufpreis bei 750000 Reichsmark lag. Das war nicht nur deutlich unter dem Schätzpreis von einer Million, sondern wurde noch dazu mit der Judenvermögensabgabe verrechnet.

De facto bedeutet dies, dass der auch seiner Ämter beraubte Carl von Weinberg, der sich zu seiner Schwester nach Italien absetzte, nicht viel von dem Geld erhielt. In Rom starb er im März 1943. Das Liebieghaus kam durch die erzwungene Transaktion 1938 in den Besitz von mehr als 200 Skulpturen.

Eine traurige Geschichte

Der weitere Niedergang der Familie Weinberg ist eine traurige Geschichte. Carls Frau May war 1937 gestorben. Sein Bruder Arthur wurde auf der Flucht in Bayern gefasst, verhaftet und starb im Juni 1943, 14 Tage, nachdem man ihn ins KZ Theresienstadt deportiert hatte. Schon im April hatte Carls und Mays einzige Tochter Wera ihrem Leben im Londoner Exil ein Ende gesetzt. Ihr Sohn, Carl von Weinbergs Enkel, Alexander von Szilvinyi, starb 1944 in Frankreich als Soldat. Ebenfalls 1944, wurde die Villa Waldfried durch Bomben zerstört.

Als einziger Erbe blieb der Schwiegersohn der Weinbergs, Baron Richard von Szilvinyi. 1948 machte er die Rückerstattung geltend. Zurückhaltend vermerkt der Katalog zur Ausstellung, dass die Verhandlungen „reibungsvoll“ verliefen, „denn die Stadt und auch das Museum verfolgten dabei eigene Interessen“. Schließlich wurde die Sammlung restituiert – einige Stücke aber stiftete von Szilvinyi dem Liebieghaus. So wurde die Christus-Johannes-Gruppe im Dezember 1950 zum rechtmäßigen Eigentum der Skulpturensammlung, ausgestellt mit dem Hinweis „Stiftung zur Erinnerung an Herrn Dr. Carl von Weinberg“.

Ausstellung

Liebieghaus Frankfurt, bis 27. August. Die Broschüre „Eindeutig bis zweifelhaft“ (9,90 Euro) ist auch im Online-Shop erhältlich: www.liebieghaus.de

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