Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Terrortragödie "Aus dem Nichts": Eine Bombe zerreißt die Familie

Von Diane Kruger spielt eine Frau, deren Kind und Ehemann bei einem Anschlag des NSU getötet werden. Ihr Schmerz sucht Linderung in der Rache.
Katja Sekerci (Diane Kruger) kann den Tod von Mann und Kind nicht verwinden. Nach dem Freispruch der Täter mangels Beweisen kann sie die aufsteigenden Rachegefühle nicht mehr unterdrücken. Foto: Warner Brothers/Gordon Timpen (Warner Brothers) Katja Sekerci (Diane Kruger) kann den Tod von Mann und Kind nicht verwinden. Nach dem Freispruch der Täter mangels Beweisen kann sie die aufsteigenden Rachegefühle nicht mehr unterdrücken.

„War Ihr Mann religiös? War er Kurde? War er politisch aktiv?“ So lauten die ersten Fragen des Kriminalbeamten an Katja Sekerci (Diane Kruger), deren Mann und deren kleiner Sohn gerade bei einem Nagelbombenanschlag ums Leben gekommen sind. Wenige Tage später steht die Kripo mit einem Durchsuchungsbefehl vor der Tür und durchkämmt das Haus nach Drogen. Und die Fragen gehen weiter: Woher hatte Ihr Mann das Geld, um das Haus zu finanzieren? Baut Ihr Schwiegervater in der Türkei etwas an? Was in Fatih Akins „Aus dem Nichts“ nur eine viertel Kinostunde in Anspruch nimmt, dauerte für die Angehörigen der Opfer der NSU-Morde mehrere Jahre. Jahre, in denen die Verstorbenen, deren Familien und Freunde nach kriminellen Verdachtsmomenten durchleuchtet wurden, weil die Ermittler ebenso wie die Presse die Täter in der türkischen Gemeinde suchten und sich einen rechtsradikalen Hintergrund der Attentate nicht vorstellen konnten oder aber wollten.

Kraft der Gefühle

„Aus dem Nichts“ ist den Hinterbliebenen gewidmet, sucht den emotionalen Zugang und nicht die politische Analyse zu seinem Thema. Vieles kommt dabei nicht vor: die Rolle des Verfassungsschutzes, die Hintergründe der Täter, die Reaktion der Medien. Beschränkung auf das Wesentliche ist hier der Schlüssel der Erzählung und nicht der Versuch, dem Sujet mit all seinen Facetten gerecht zu werden.

Verlust und Verletzung

„Aus dem Nichts“ beginnt mit einer Liebesheirat im Knast, wo Nuri (Numan Acar) wegen Drogenhandels einsitzt, und spult danach gleich acht Jahre weiter. Katja bringt ihren Sohn Rocco (Rafael Santana) zu seinem Vater, der mittlerweile in Hamburg ein Steuerberatungsbüro betreibt. Als sie den Kleinen wieder abholen will, wird sie an der Polizeiabsperrung aufgehalten und muss erfahren, dass beide bei der Bombenexplosion umgekommen sind.

Dieser erste von drei Teilen zeigt den Verlustschmerz, an dem Katja zu zerbrechen droht. Diane Kruger spielt das mit einer rohen Kraft, die man noch in keiner ihrer Rollen gesehen hat. Und der türkisch-deutsche Regisseur Akin bleibt mit zahlreichen Handkameraaufnahmen nah dran an dieser Leidensfigur. Katja hat die Frau, die das Fahrrad mit der Bombe vor dem Haus abgestellt hat, gesehen, was bald zur Festnahme des Täterpaares aus dem Neonazi-Umfeld führt. Die Trauer verwandelt sich in die Sehnsucht nach gerechter Bestrafung der Schuldigen, die Katja sich als Nebenklägerin von dem anstehenden Gerichtsverfahren erhofft. Im zweiten Teil wird der Film damit zu einem klassischen Justizdrama, in dem die Aufgewühltheit der Betroffenen auf die Nüchternheit eines Prozesses prallt.

Wenn die Sachverständige die Verletzungen der Opfer schildert, wird dieser Widerspruch deutlich sichtbar. Als der Verteidiger Zweifel sät und das Gericht schließlich „im Zweifel für den Angeklagten“ entscheiden muss, dann tut sich vor Katja eine riesige Kluft zwischen Recht und Gerechtigkeit auf, die sie fortan mit eigenen Racheplänen zu füllen versucht. Mit „Das Meer“ ist dieser letzte Teil überschrieben, der einerseits als Thriller angelegt ist und gleichzeitig in einigen Momenten eine gewisse kontemplative Ruhe ausstrahlt. Mit „Aus dem Nichts“ findet Fatih Akin zu jenem bedingungslos gefühlsstarken Kino zurück, mit dem er einst durch „Gegen die Wand“ oder „Auf der anderen Seite“ berühmt geworden ist. Man mag dem Film vorwerfen, dass er sein hochpolitisches Thema nicht tief genug auslotet. Aber Akin war noch nie ein kühler Gesellschaftsanalytiker, sondern ein Filmemacher, der für seine Figuren und das Kino brennt. Mit der blonden, blauäugigen Diane Kruger („Troja“) unterwandert Akin gezielt die Opferstereotypen und hat eine Schauspielerin verpflichtet, die alle Facetten der Figur, von der Szenebraut über die Schmerzensmutter bis zum Racheengel, auf sehr bodenständige Weise verkörpert. Dieser Hauptdarstellerin gehört der Film. Sehenswert

In diesen Kinos

Frankfurt: Berger, Cinema, Eldorado, Cinestar, Harmonie, Metropolis (D+E). Sulzbach: Kinopolis. Limburg: Cineplex. Offenbach: Cinemaxx.
Mainz: Cinestar

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse