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Premiere: Eine Oper mit Dolby Surround

Auf ein Wort im Orchestergraben mit dem Dirigenten Antonello Manacorda. Der italienische Maestro dirigiert am Sonntag die Premiere der Grand opéra „L’Africaine – Vasco da Gama“.
Der italienische Dirigent Antonello Manacorda brennt für die Musik Giacomo Meyerbeers. Am Sonntag ist Premiere von „L’Africaine“. Foto: Michael Faust Der italienische Dirigent Antonello Manacorda brennt für die Musik Giacomo Meyerbeers. Am Sonntag ist Premiere von „L’Africaine“.

Aha, so fühlt sich das also an, wenn man auf dem Stuhl des zweiten Bratschisten sitzt. Und die vielen Pulte im Orchestergraben sehen kann, auf denen die Noten zu Giacomo Meyerbeers Oper „L„Africaine – Vasco da Gama“ stehen. Eigentlich sehen die ganz harmlos aus, aber genau diese Notenmassen machen dem 47-jährigen Gastdirigenten momentan gewaltiges Kopfzerbrechen. Er hat jetzt Pause, trinkt Unmengen von stillem Wasser und gewährt Einblicke in seine Gemütslage kurz vor der Premiere.

Manacorda ist aufgewühlt. Gerade hat er mit Mezzosopranistin Claudia Mahnke das Opernfinale mit der Todesarie Selikas geprobt, die unter dem giftigen Duft des Manzanillobaumes ihr Leben opfert. Manacorda spricht schnell, drückt aufs Tempo: „Immer habe ich einen Soundtrack im Kopf. Selbst, wenn wir jetzt hier sprechen, höre ich die Selbstmord-Arie in mir.“ Bereits die zweite Nacht konnte er nur drei Stunden schlafen: „Ich weiß im Moment nicht, wie ich runterkommen soll von dieser Musik.“ Er hat alle Hausmittel ausprobiert, aber nichts hat geholfen: „Radio hören, ein Buch lesen, Beine und Füße kalt duschen – nichts.“

Rekonstruierte Fassung

Etliche dieser vielen Noten hat Manacorda in Absprache mit Regisseur Tobias Kratzer gekürzt, darunter ein ganzes Aktfinale. Der Dirigent hat da eine klare Ansicht: „In diesem Fall ist es einfach anders, als wenn man eine Bärenreiter-Partitur von der ,Zauberflöte‘ vor sich liegen hat. Sonst bin ich ein sehr partiturtreuer Dirigent, aber bei der Grand opéra darf man sich kleine Freiheiten herausnehmen.“ Zumal Meyerbeer während der Fertigstellung seines letzten Werkes starb, und François-Joseph Fétis die Oper 1865 vollendete – allerdings mit starken Strichen und massiven Eingriffen. Der Musikwissenschaftler Jürgen Schläder hat vor einigen Jahren eine rekonstruierte Fassung „Vasco da Gama“ vorgelegt, die 2013 erstmals in Chemnitz gespielt wurde. Diese historisch-kritische Ausgabe liegt auch der Frankfurter Erstinszenierung zugrunde.

Darum geht’s in der Oper ...

Zur Handlung: Der portugiesische Entdecker Vasco da Gama scheiterte beim Versuch, das Kap der Guten Hoffnung zu umsegeln. Eine weitere Expedition billigt ihm der Rat der Admiralität nicht zu.

clearing

Antonello Manacorda leitet seit 2010 die Kammerakademie Potsdam und hat sich mit den Gesamteinspielungen von den Sinfonien Schuberts und Mendelssohns einen großen Namen gemacht. Und jetzt ausgerechnet Meyerbeer, der einstige Star des Pariser Opernhimmels, der übel beschimpfte Effekthascher, der Mann, der stets zu viel des Guten machte, so das Vorurteil, ein Komponist, den Wagner so verachtete (und vielleicht auch beneidete?), dass er ihn anlässlich seiner Oper „Le prophète“ antisemitisch beschimpfte? Manacorda greift die Frage gerne auf: „Die Grand opéra war damals ein Blockbuster, so wie heute ,Spiderman‘. Mit Dolby Surround, voller musikalischer Effekte, Bühnentechnik und Balletten.“ Aber man dürfe nicht vergessen, dass Meyerbeer auch ein Schüler von Salieri gewesen sei. Er sei durch ganz Europa gereist und habe das Gehörte in seine Musik einfließen lassen. Es gebe so viele verschiedene Stilrichtungen in dieser Partitur und so viel Experimentelles, das sei wirklich ungewöhnlich.

„Meyerbeer hat nicht geklaut“, sagt der schmale Dirigent mit den lebendigen Händen, die viele verschiedene Anekdoten gleichzeitig zu erzählen scheinen, „er hat sich nur bemüht, die Leute für die musikalische Spannung der Oper wach zu halten.“ Die Todesarie der Selika gehe in der Instrumentierung so weit, das erinnert ihn an Berlioz und die Effekte der Impressionisten. Warum ist der Berliner Meyerbeer dann in Frankreich so erfolgreich gewesen und nicht in Deutschland? Frankreich sei ein Land, wo Übertreibung gerne gesehen werde, wo Träume über Grenzen gehen, meint er. Und dann sagt Manacorda, der in Turin geboren wurde, aber seit Jahren in Berlin lebt, mit Nachdruck folgenden Satz: „Wir Deutschen sind viel konkreter und intellektueller.“ Ernsthaft? Und weiter: „Ich bin ein Berliner wie Meyerbeer.“

Abbado als Mentor

Die deutsche Hauptstadt hat Manacorda regelrecht überwältigt. Er ist fasziniert von den immer noch sichtbaren Wunden des Nazi-Regimes und der ehemaligen DDR und vom quirligen Puls der Stadt. Und empfindet dort zum ersten Mal ein Gefühl, das er in Italien nie hatte: „Heimat“.

Obwohl er selbst so spannend erzählen kann, ist ihm Zuhören besonders wichtig, gerade als Dirigent. Das hat er von seinem großen Mentor Claudio Abbado im Gustav-Mahler-Jugendorchester gelernt, in dem er 1994 als Konzertmeister begann. Und die Rolle des Publikums schätzt er besonders hoch ein: „Das Publikum hört nicht nur uns zu, sondern wir hören auch dem Publikum zu. Wir hören, wenn das Publikum weniger atmet und die Luft dicht wird. Das spürt man sehr genau und spielt anders weiter.“ Ein Klang, der ihn jedes Mal zu Tränen rühren kann, ist der Applaus. Ein dankbarer, großer, anhaltender Applaus. Weil er in einem Elternhaus aufwuchs, in dem er selten gelobt wurde. Die Chancen, dass er am Sonntag genau diesen respektvollen Klang hören wird, stehen bestens.

Oper Frankfurt

Premiere 25. Februar, 17 Uhr.
Weitere Vorstellungen bis 2. April. Karten von 17 bis 165 Euro
unter Telefon (069) 21 24 94 94.
Internet www.oper-frankfurt.de

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