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Literatur: Eine junge Frau tanzt sich frei: „Swing Time“, der neue Roman von Zadie Smith

Zadie Smiths fünfter Roman „Swing Time“ ist eine multikulturelle Coming-of-Age-Novel, die elegant alte Motive mit neuen Inhalten verbindet.
Zadie Smith, 1975 in London geborene Schriftstellerin mit jamaikanischen Wurzeln, gehört seit ihrem Debüt „Zähne zeigen“ im Jahr 2000 zu den bedeutendsten Autoren der britischen Gegenwartsliteratur. Foto: Dominique Nabokov (rbb/Dominique Nabokov) Zadie Smith, 1975 in London geborene Schriftstellerin mit jamaikanischen Wurzeln, gehört seit ihrem Debüt „Zähne zeigen“ im Jahr 2000 zu den bedeutendsten Autoren der britischen Gegenwartsliteratur.

Das Leben der farbigen Migranten im Londoner Nordwestbezirk Willesden lässt die Autorin seit ihrem Erfolgsdebüt „Zähne zeigen“ bis zu „London NW“ nicht los. In „Swing Time“, benannt nach dem Filmklassiker mit Ginger Rogers und Fred Astaire, begleitet Smith eine junge Ich-Erzählerin durch die ersten drei Lebensjahrzehnte. Dieses „Ich“ verbringt seine Kindheit in den 80ern zwischen armseligen, engen Sozialblocks, lausigen Schulen und improvisierten Tanzstunden am liebsten mit seiner gleichfalls „braunen“ besten Freundin Tracey. Sie lieben den Tanz, Fastfood und TV-Musicals. Beide Mädchen sind Lichtjahre von jenen Mittelschicht-Kids entfernt, die in „richtigen Häusern“, in scheinbar heilen Familien leben und die richtigen Marken tragen. Das Klassenzimmer ist kein „Raum voller Kinder“, sondern eine „soziale Versuchsanordnung“. Auch die Insignien der intellektuellen Kaste sind seit „Über die Schönheit“ (2005) bei Smith die gleichen geblieben: viele Bücher, kleine, versteckte Fernseher, Herbstlaub im Garten.

Neu ist die Art des Erzählens. Denn Smith schaut jetzt durch die Augen des ihr so ähnlich scheinenden Mädchens auf eine Kindheit und Jugend zurück, deren Tristesse beide hinter sich gelassen haben. Sie spricht die Sprache einer Namenlosen. Smith’ Sinneswechsel weg von der allwissenden hin zur suchenden Ich-Perspektive hat Konsequenzen. Der Roman setzt im Prolog mit einem Geständnis ein: „Es war der erste Tag meiner Schmach.“ Die junge Frau schaut in zwei großen Erzählsträngen auf ihr Leben zurück. Da ist die geteilte Jugend mit der begabten, aber dominanten Intima Tracey; die Freundschaft versandet, als die beiden Teenager sich in Fehden und auf krummen Lebenswegen verlieren. Zu diesem Strang gehört auch die Auseinandersetzung mit der ehrgeizigen Anti-Mutter, die sich trotz ihre jamaikanischen Wurzeln als eiserne Autodidaktin bis ins Parlament hochschuftet.

Der zweite Erzählweg beginnt, wo der um Tracey zu enden scheint. Nach dem Abschluss eines mittelmäßigen Colleges und ersten Jobs gerät „Ich“ an den Superstar Aimee, ein leicht retuschiertes Madonna-Double.

Übelste Leibeigenschaft

Gut zehn Jahre gibt die junge Londonerin als persönliche Assistentin der Diva ihr Leben hin. Während Tracey sich als Tänzerin aus dem Elend zu winden sucht und die Mutter politisch Karriere macht, begibt sich die junge Frau, die einfach nicht zu einem eigenen Namen kommen will, bei der Überfrau Aimee in übelste Leibeigenschaft.

Immer verfügbar und den Launen des Stars ausgesetzt, der Säuglinge kauft oder nach Gutsfrauen-Art in Gambia eine Mädchenschule sponsert, bleibt kein Raum für ein eigenes Leben. Im Zweifel schläft „Ich“ wie ein Hund auf dem Boden vor dem Bett der Herrin. Wenn sie auf Tracey, ihre Mutter, Aimee oder auch den jungen Afrikaner Lamin schaut, der sein Land mit defektem Handy, aber weißen Hemden in die Zukunft führen will, dämmert der jungen Frau und dem Leser, dass dieses „Ich“ keinen Namen hat, weil die junge Frau als Spielball von Überfrauen noch kein Ich entwickeln konnte.

„Neben ihrem Gefühl von persönlicher Bestimmung sah ich aus, als wäre ich überhaupt nur durch Zufall auf der Welt, als hätte ich mir . . . noch keinen einzigen Gedanken darüber gemacht, was ich eigentlich repräsentiere.“

Solche Reflexionen der Heldin sind selten, denn mit dem Wechsel zur Ich-Perspektive ihres sozialen Shooting-Stars bezahlt Smith über weite Strecken einen hohen erzählerischen Preis. Smith’ Romane glänzen durch eleganten Stil und eine pointierte Gesellschaftskritik. Beides gibt die Autorin in der Naivität ihrer Heldin auf, die durchaus auch zum Kitsch neigt. Das schafft Unmittelbarkeit, kostet den verwöhnten Smith-Leser aber einige Lesefreude.

Verlagert wird der gesellschaftliche Durchblick auf die unbeugsamen Frauen. Auf die Mutter, die „die Politik zum Beruf machte“, um aus dem „NW“ herauszukommen, indem sie sich um „NW“ kümmert: „Die Leute sind nicht arm, weil sie schlechte Entscheidungen getroffen haben . . . sie treffen schlechte Entscheidungen, weil sie arm sind.“ Tracey, deren Karriere abbricht, als sie schwanger wird, verwandelt ihren berechtigten Frust geschickt in den anonymen Internethass unserer Tage, den sie gegen die alte Freundin, deren Mutter und den Rest des „Systems“ aufteilt.

Dynamik des Körpers

Ihrer Heldin schenkt Smith eine sprachlose Kunst zur Selbstbesinnung. Die Besuche der „persönlichen Assistentin“ in Gambia gehören zu den schönsten Abschnitten des Romans. Sie gipfeln in einer Tanznacht, bei der die Namenlose in den Kreis der Tänzerinnen tritt. Die sprach-, zeit- und ortlose Kunst des Tanzes durchzieht den Roman und gibt ihm Rhythmus.

Ein Sprichwort des Volkes der Haussa steht dem Buch voran: „Wechselt die Musik, ändert sich auch der Tanz.“ In der afrikanischen Nacht ertanzt sich die Protagonistin den Respekt der Frauen: „Sie sagen toobab – und das heißt . . .: ,Obwohl du weiß bist, tanzt du wie eine Schwarze‘“. Im Tanz und den anderen Dynamiken des Körpers lernt die junge Frau, dass ihre Identität zwischen den Lagern der Gesellschaft liegt und nicht in einem Lager. Was am Beginn nach „Schmach“ klingt, schwingt am Ende zwischen Abnabelung und zweiter Geburt. Die führt die Figuren wie in einer Pirouette am Ende an ihre Anfänge zurück.

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