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Theater: Eine richtige Familie wird das bestimmt nicht mehr

Von Katrin Plötners Inszenierung platziert das Schauspiel um Mutter, Vater, Kind sehr unentschieden in schaurige Zeiten von Machtmissbrauch.
Seelische Grausamkeit vor den Kindern: Karin Klein als Herzogin mit Robert Lang als Antonio und Mathias Znidarec als Bosola (rechts). Foto: Robert_Schittko_Copyright Seelische Grausamkeit vor den Kindern: Karin Klein als Herzogin mit Robert Lang als Antonio und Mathias Znidarec als Bosola (rechts).

Stücke des Shakespeare-Zeitgenossen John Webster stehen nicht allzu oft auf deutschen Spielplänen. Immerhin hat es Webster für eine kurze Szene in den Film „Shakespeare in Love“ geschafft: als Junge, der Mäuse quält und auf die Frage, welches Stück von Shakespeare er am liebsten möge, ausgerechnet „Titus Andronicus“ antwortet. Shakespeares wohl blutrünstigstes Stück. Kein Wunder also, dass Webster, der die Grenzen des Zeigbaren auf den Bühnen seiner Zeit geprüft hat, heute gewissermaßen als Quentin Tarantino des englischen Renaissance-Theaters gelten kann. Seine „Herzogin von Malfi“ führt das vor. In den fünf figurenreichen Akten um die sexuelle Selbstbestimmung der Frau in einer korrupten und patriarchalen Gesellschaft, in der Machtmissbrauch an der Tagesordnung ist, führt Webster einige Figuren in einen blut- und schmerzensreichen Untergang, begleitet von kraftvoller, bildmächtiger Sprache.

Heimliche Heirat

Die verwitwete Herzogin heiratet Antonio heimlich und gegen den Willen ihrer Brüder, Ferdinand und ein Kardinal. Durch Bosola, einen ehemaligen Auftragsmörder des Kardinals, spionieren die Brüder das Leben der Herzogin aus. Später werden die Herzogin, Antonio und deren Kinder gefangengenommen, gefoltert und hingerichtet. Das Ende des Stücks ist das noch nicht – und auch nicht das Ende des Tötens. In 105 Minuten und mit fünf Schauspielern (plus zwei Kinder) macht Regisseurin Katrin Plötner vergleichsweise kurzen Prozess mit Stück und Sterben. Allerdings weiß man nicht immer, ob man diese seltsam künstliche und dekadente Hof-Schickeria, die da letztlich vom Tanz zu einer Geburt (fast eine Witznummer) taumelt und von dort zu Hinrichtung, Tod und kurzen Wiederauferstehung, ernst nehmen soll.

Das Schlafgemach der Herzogin, um das sich zunächst fast alles rankt, liegt auf einer Art Podest, das in seiner Form an ein Mausoleum erinnert. Und wie lebende Tote sieht das kleine Ensemble mit den weiß geschminkten, maskenhaften und an das elisabethanische Zeitalter erinnernden Gesichtern auch aus. Quintett und Stückskelett, auf das die Regisseurin Websters Werk zusammengeschrumpft hat, bleiben seltsam fremd und fern. Obwohl einige Ingredenzien durchaus heutig oder sogar hochaktuell sind: Verquickung von Sex und Gewalt, Mechanismen der Macht oder Aufstiegswünsche um jeden Preis.

Unheimliches Verlangen

Gefühlskalt und berechnend ist der Ferdinand von Daniel Scholz – zumindest, solange er nicht von inzestuösem Verlangen getrieben ist. Was Karin Kleins Herzogin veranlasst, sich Antonio (Robert Lang) zu holen, bleibt unklar. Ihre Worte deuten anfangs Liebe an. Doch was auf der Bühne passiert, legt nah, dass Antonio keine große Bedeutung hat. Langs Antonio lässt munter sein Becken zu dröhnendem Pop zucken, oder Kleins Herzogin legt eines ihrer in blauen Overknee-Stiefeln steckenden Beine lüstern um ihn. Wenn die beiden nicht gerade miteinander beschäftigt sind, betatschen sich hier fast alle mal. Schwer auszumachen auch, was Antonio und die Herzogin weiterhin zusammenhält. Zwar wirken sie am Ende kurz wie eine Familie, aber der Nerz, mit dem Antonio zuvor über die Bühne lief, ließ ihn eher wie einen Zuhälter oder zumindest Emporkömmling erscheinen. Auch woher die Würde und Gefasstheit kommt, die Klein überraschenderweise für ihre Figur im Angesicht des Todes findet, gibt Rätsel auf.

Die Kostüme von Johanna Hlawica helfen nicht, solche Rätsel zu lösen. Verweisen sie einerseits auf das elisabethanische Zeitalter, wirken sie andererseits schäbig oder grotesk überzeichnet.

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