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Elbphilharmonie: Nagano triumphiert mit Widmanns „Arche”

Tag drei in der Elbphilharmonie: Auch Kent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg geben einen umjubelten Einstand im neu eröffneten Konzerthaus - mit einer spektakulären Uraufführung von Jörg Widmanns Oratorium „Arche”.
Dirigent Kent Nagano (l), der Komponist Jörg Widmann (2 v l) und die Chor-Solisten. Foto: Christian Charisiu Dirigent Kent Nagano (l), der Komponist Jörg Widmann (2 v l) und die Chor-Solisten. Foto: Christian Charisiu
Hamburg. 

Nur keine Halbherzigkeiten, keine Kompromisse: Mit ihrem Kompositionsauftrag an Jörg Widmann für ein abendfüllendes Oratorium zur Eröffnung der Elbphilharmonie hatten Kent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester resolut alles auf eine Karte gesetzt - und damit triumphal gewonnen.

Der stürmische Beifall galt dabei am Freitagabend auch Naganos Mut zu wirkungsmächtiger Innovation für das gerade festlich eröffnete neue Konzerthaus.

Das für ein großes Orchester, drei Chöre, Orgel und Sänger-Solisten geschriebene, mythenschwere Weltendrama nahm die Schrecken und Verwüstungen biblischer und heutiger Zeit ebenso aufwühlend ins Visier wie das menschliche Flehen um Frieden und die damit verbundene Aufforderung für selbstverantwortetes Handeln.

Den Text für sein fast zweistündiges „Arche”-Fresko hatte sich der 43-jährige Widmann, einer der gefragtesten Komponisten seiner Generation, aus Bibel, Mess-Texten, Chorälen, Versen von Heine, Claudius, Klabund und anderen Stichwortgebern selbst zusammen gestellt. Von Schiller nahm er sogar aus der „Ode an die Freude” die von Beethoven nicht vertonten Verse der göttlichen Vergebungstat und ließ sie hell auflodernd auf Beethovens „Chorfantasie”-Noten tanzen.

So entstand ein musikalisches Credo von verwegener Viel-Stimmigkeit und anmutig spielerischem Witz. Vom naturhaft raunenden Schöpfungsbeginn mit dem göttlichen „Es werde Licht” spannte sich dabei der kühn verknotete Ideen-Strang über Sintflut-Katastrophe, Liebesglück und -leid, die drohende Apokalypse - mit „Dies irae”, dem Tag des Zorns - bis zu dem von Kinderstimmen eingeleiteten Friedens-Appell „Dona nobis pacem”.

Die Kinder als Zukunftsträger waren denn auch die eigentlichen Protagonisten des fünfaktigen Oratorienwerks, das selbst oft kindlich naiv wirkte mit seinen verwirrenden Stil-Manövern, doch stets von hohem, uneitlem Kunstverstand getragen war. Im dritten „Liebe”-Teil erschien vieles gar so burlesk, als habe Widmann eine Mozartsche Buffa-Oper im Hinterkopf gehabt. Doch neben flott verfremdeten Mahler-, Schumann- oder Orff-Anleihen floss auch Claudius' „Der Mond ist aufgegangen” ins gewaltige Klang-Tableau ein.

Nagano gab dem mal wuchtig aggressiven, mal lyrisch leisen, mal saloppen Geschehen an der Spitze der Philharmoniker, des Staatsopernchors, des Audi-Jugendchors, der Alsterspatzen und der im Saal umherschweifenden Solisten Marlies Petersen und Thomas E. Bauer mit Souveränität und Leidenschaft durchschlagende Wirkungskraft.

Alle agierten fabelhaft, auch die beiden Kinder, die die biblische Erzählung sprachen. Herausragend der Knaben-Sopran, der am Ende Widmanns Botschaft „Entzündet Liebe, wo Finsternis regiert!” verkündete, nachdem der Kinderchor erst noch ein wüstes Alphabet unseres aktuellen Vokabulars - von apple über download und fake bis zum Schuldenschnitt - ins Publikum geschleudert hatte.

(Von Barbara Sell, dpa)
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