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Emanzipation wider Willen

Den 90. Geburtstag der "Grande Dame der deutschen Karikatur" feiert das Haus mit einer umfangreichen Schau.
Marie Marcks	Foto: Britta Frenz Marie Marcks Foto: Britta Frenz

Dieses Kompliment hat jede Frau schon zu hören bekommen, auch wenn es umständlich als Frage formuliert ist: "Weißt du, dass du schön bist?" Was aber, wenn die Rollen vertauscht sind, eine kecke junge Frau mit dem Kompliment einen schüchternen Kerl verführen will? 1974 schlichtweg unmöglich. Als Karikatur freilich erlaubt – Marie Marcks war schon damals der Frauenbewegung weit voraus. Sie dachte über Geschlechterrollen, Umwelt, Frieden, Abrüstung und atomare Bedrohung nach, als das noch kaum jemanden interessierte.

Nun wird die "Grande Dame der deutschen Karikatur" in wenigen Tagen 90 Jahre alt. Und das Frankfurter Caricatura-Museum widmet ihr eine mit rund 300 Zeichnungen üppig bestückte Geburtstagsschau. Da ist es bedauerlich, dass Marie Marcks nicht zur Pressekonferenz kommen wollte. Am Alter, mit dem sie oft kokettiert, kann es nicht gelegen haben. Wer sie kürzlich erlebt hat, kennt sie als agile Frau, die immer klar Stellung bezieht. Zumindest aber kommt Marcks zur heutigen Eröffnung um 18 Uhr.

Marie Marcks bewahrt gern kritische Distanz und lässt sich nicht festlegen oder gar vereinnahmen. Die Berlinerin, seit 1948 in Heidelberg lebend, hat sich durchgesetzt. Von den 60er bis 80er Jahren war sie "in der Tagespolitik, der Weltpolitik, der deutschen Geschichte, der Abrüstung und Friedensbewegung einsam auf weiter Flur und bin es bis auf wenige Ausnahmen wie Hogli, Franziska Becker oder Barbara Henniger bis heute geblieben, leider. So wurde ich von der Frauenbewegung – ohne mein aktives Dazutun – vereinnahmt; ich war aber nie in der Frauenbewegung drin!" Um in der Männerwelt überhaupt zu bestehen, signierte sie anfangs nur mit "M. Marcks".

In die Nische gedrängt

So fällt ihr Fazit im Rückblick bitter aus: "Letztlich hat man mich genau in die Nische abgedrängt, in die Frauen immer geschubst werden: weg von der großen Politik, hin zu Sozial- und Frauenthemen." Begonnen hatte sie vor 60 Jahren mit dem Zeichnen für einen Jazzclub. Das Zeichnen war ihr in die Wiege gelegt: Der Vater war Architekt, die Mutter leitete eine Kunstschule, ihr Onkel war der Bildhauer Gerhard Marcks. Schon 1951 ließ sie aus Hitlers Kopf frische Eichenlaubtriebe sprießen. Dieses Wiedererstarken der Nazis beschäftigte sie, wie in der Schau zu verfolgen ist – aber viele andere partout nicht. So konnte sie ihre Skizze erst acht Jahre später verkaufen.

Erst in den 60er Jahren wurde sie bekannt, etwa mit dem Blatt eines verträumten Wissenschaftlers und einer Pusteblume. Die trägt statt harmloser Fallschirme kleine radioaktive Teile in die Welt. Die Karikatur erschien 1963 in der seriösen Zeitschrift "Atomzeitalter" – entsprechend harsch wurde sie verurteilt als "panikmachender, realitätsferner Unsinn". Die Entwicklung hat bekanntlich der Karikaturistin recht gegeben. Aber Marcks kommt nicht mit erhobenem Zeigefinger daher, sondern erfindet unscheinbare, fast kindlich-naive Szenen – "erzungemütlich" oder "grimmige Idyllen", meint Claus Koch, der Marie Marcks einst für das "Atomzeitalter" zeichnen ließ.

Doch die besten Geschichten schrieb ihr Familienleben, ein Leben mit "fünf Kindern, somit viele Jahre Ehe-/Hausfrauen-/Mutterdasein, davon etliche auch ehe- bzw. mannlos", wie sie ihre Zeit von 1944 bis 1961 beschreibt. "Papa braucht Ruhe für seine Arbeit" spielt wohl auf den zweiten Ehemann an, einen erfolgreichen Atomforscher, der mit einem Buch auf dem Sofa eingeschlafen ist, während an der Mutter drei Kinder hängen.

Marie Marcks liebt den feinen Strich mit Feder oder Tusche, hat aber auch vor Buntstiften keine Bange. Ihr Strich mutet so simpel an, dass man den ätzenden Biss erst beim zweiten Blick entdeckt. Ohnehin liebt Marcks das schlagfertige Antworten, bei Kindern wie Frauen. Letztere denken einfach praktischer: Wenn etwa Atlas, der Titan aus der griechischen Mythologie, noch immer die Weltkugel auf seinen Schultern trägt, kann nur eine Frau ihm raten: "Roll doch das Ding, Blödmann!" Treffender kann man tragische Helden nicht verulken. Zuweilen spürt man sogar eine leise Melancholie, wenn der ältere Verehrer seiner Angebeteten ein gewagtes Kompliment macht: "Niemand welkt so schön wie Du".

Das Glück ist weg

Marcks ist eine poetische Karikaturistin, eine starke Frau, die ihre Autobiografie gezeichnet hat: "Marie, es brennt", die 20er bis 60er Jahre, sind nun auf der Galerie ausgebreitet. Eine "Emanzipation wider Willen" hat sie ihr Leben genannt. Früh kann sie mit dem Zeichnen Geld verdienen – "aber das Glück ist weg". Da ist es eine gute Botschaft, dass das Museum neuerdings 46 Werke von ihr besitzt.

Caricatura. Museum für Komische Kunst, Frankfurt, Weckmarkt 17, Telefon (069) 21 23 01 61. Bis 21. Oktober. Geöffnet Di bis So 10–18, Mi bis 21 Uhr. Internet: www.caricatura-museum.de

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