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Jubiläum: Endet der Bossa Nova auf einer traurigen Note?

Vor 60 Jahren wurde in Rio de Janeiro der Bossa Nova geboren. Sein von Mythen umwobener Erfinder Joao Gilberto (87) ist zum Jahrestag vom Weltruhm in die Altersarmut abgestürzt.
Der brasilianische Musiker Joao Gilberto (hier bei einem Auftritt 2008) gilt als Erfinder des Bossa Nova. Heute ist er verarmt. Foto: Marcos_Hermes_/_Divulgacion_/_Ho (DIVULGACION) Der brasilianische Musiker Joao Gilberto (hier bei einem Auftritt 2008) gilt als Erfinder des Bossa Nova. Heute ist er verarmt.

Anfang Juli 1958 nahm Joao Gilberto in den Odeon-Studios in Rio seine Single „Chega de Saudade“ (Schluss mit der Sehnsucht) auf. Er war nicht der erste, der das Stück vertonte. Doch sein synkopisches Gitarrezupfen war ebenso neu wie sein nasaler Flüster-Singsang. Wie eine leichte Sommerbrise schwebten die neuartigen Klänge vom Copacabana-Strand in die weite Welt hinaus, machten den „Bossa Nova“, umgangssprachlich für „der neueste Schrei“, zum Sensations-Rhythmus – und Joao zum Papst des brasilianischen Swing.

Um den als verschlossen und skurril geltenden Joao ranken sich bis heute Mythen. Er hielt sich für den weltbesten Sänger, als er 1950 nach Rio kam. Dort lachte man ihn aus; mit Depressionen verkroch er sich in das Haus seiner Schwester im Städtchen Diamantina. Das ganze Jahr 1957 soll er dort im Pyjama Gitarre gespielt haben. Im gekachelten Badezimmer entdeckte er schließlich jenen neuartigen Sound, den er 1958 den verblüfften Kollegen in Rio präsentierte. Der Rest ist Musikgeschichte.

Launiger Schöngeist

Der Pianist Tom Jobim und der Poet Vinicius de Moraes, Autoren von „Chega de Saudade“, zauberten „Girl From Ipanema“ aus dem Ärmel, das Joao 1963 mit seiner Frau Astrud am Mikrofon verewigte. Joao, der launige Schöngeist, wurde ein Star in den USA, galt als Brasiliens Frank Sinatra – und Bossa Nova als Soundtrack für Hoffnung und Aufbruch.

In den 70er Jahren zog sich Joao aus der Öffentlichkeit zurück. Seine sporadischen Konzerte brach er auch mal ab, wenn im Publikum gehustet wurde oder die Klimaanlage zu kalt war. Joao igelte sich ein; wo genau, das blieb ein gehütetes Geheimnis. Mehrere Adressen in Rios Südzone wurden als sein Rückzugsort gehandelt.

Daheim spielte er wohl den ganzen Tag im Pyjama Gitarre; nachts rief er Freunde an, um am Telefon Monologe zu halten. Lud er die Freunde mal ein, ließ er sie stundenlang vergeblich vor der Tür warten. Der Restaurantbesitzer, bei dem Joao 42 Jahre lang sein Essen per Telefon bestellte, hat ihn in all den Jahren nur einmal gesehen. Er musste es stets vor der Haustür abstellen.

Nur Tochter Bebel, ebenfalls Sängerin, und seine junge Managerin hatten in all den Jahren Zugang zu ihm. Besagte Managerin schenkte ihm in hohem Alter noch eine Tochter. Und sie soll seine Konten geplündert haben – sagt zumindest die Familie. Sie habe 2011 Verträge über eine Fünf-Städte-Tour abgeschlossen und Vorschüsse in Millionenhöhe kassiert, obwohl der bereits verwirrte Joao gar nicht mehr auftreten konnte.

Auch hinter einem 2013 aufgenommenen Millionenkredit soll die Managerin stehen. Dafür verpfändete sie Joaos Rechte an seinen ersten vier LPs, um die er sich jahrelang mit der Plattenfirma EMI stritt. Die hatte ohne Joaos Genehmigung ein Best-Of-Album veröffentlicht und seine genialen Stücke neu abgemischt. Und damit verhunzt, meint der Meister mit dem angeblich absoluten Gehör. Für sein vermeintlich zerstörtes Lebenswerk verlangte er vor Gericht umgerechnet 40 Millionen Euro. Der Prozess ging im Frühjahr verloren; Joaos Gläubiger standen Schlange.

Vor dem Ruin

Er sei komplett pleite, teilte Tochter Bebel mit, die den Vater kurzfristig entmündigen ließ. Damit der nicht noch mehr Unheil anstellen könne. Sohn Joao Marcelo verklagte den Vater derweil auf Unterhalt für die kleine Enkeltochter; angeblich aber nur, um dadurch Einsicht in die Finanzen zu erlangen. Zum Jubiläum des Bossa Nova steht sein Schöpfer vor dem Ruin seines Lebenswerks.

Der deutsche Journalist Marc Fischer machte sich 2010 auf die Suche nach Joao. Mit der in dessen Liedern mitschwingenden Sehnsucht wollte Fischer erfahren, was Lohn und Preis der Kunst sei. Auch von der Warnung, von Joao gehe eine zerstörerische Energie aus, schreckte Fischer nicht zurück. Kurz bevor sein Buch „Hobalala – Auf der Suche nach Joao Gilberto“ 2011 erschien, starb Fischer auf mysteriöse Weise.

Ein Fluch? Vor wenigen Wochen verließ Joao erstmals seit zehn Jahren seine Wohnung; zwangsweise. Die Polizei war wegen Mietrückständen angerückt. Er sei nun bei Freunden untergekommen; es gehe ihm gut und er plane ein neues Album, raunt man in Rio. Es gibt Mythen, die sterben wohl nie.

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