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Frankfurts „Dramatische Bühne“: Englands König mutiert zum Drogen-Boss

Von Die „Dramatische Bühne“ in der Frankfurter „Exzesshalle“ brachte kurz nach ihrem 30-jährigen Bestehen einen doppelten „Richard III.“ heraus.
Julian W. Koenig, Marlene Zimmer, Thorsten Morawietz und Sarah Kortmann in der ersten Halbzeit von „Richard III.“ Foto: Uwe Dettmar Julian W. Koenig, Marlene Zimmer, Thorsten Morawietz und Sarah Kortmann in der ersten Halbzeit von „Richard III.“
Frankfurt. 

Genau 45 Minuten vor und 45 Minuten nach der Pause dauert das Historienstück William Shakespeares in dieser Regie. Man darf sie wohl dem „DramBü“-Impresario Thorsten Morawietz und dem Kollektiv zuordnen, obwohl sie mit Angaben, auch zu Bühne und Kostümen, nicht gerade hausieren gehen. Diesmal erzählt die Truppe die blutrünstige Geschichte des zynisch-nihilistischen Buckelprinzen Gloucester, der als Usurpator serienmordend Englands Thron erkämpft. Sie tut das gleich zweimal.

Version 1 läuft nach unverrückbarer „DramBü“-Methode als kalauerndes Volks- und Jahrmarkttheater ab, bei relativer Nähe zur nacherzählten Vorlage. Version 2 kopiert dieselbe Szenenfolge in genauer Parallele, wiederholt alle Abläufe, das Timing und die Figurenkonstellationen. Sie unterwirft das Macht-Ambiente, die sprachliche Staatsaffären-Höhe und die Kostüme aus der ersten Version aber einer radikalen, subversiven Übersetzung in ein privat-kriminelles Mix-Milieu. Der Machtkampf ist derselbe, nur streiten nun konkurrierende Drogenclans um die Marktherrschaft: ein trashiges Gangsterdrama à la „Pulp Fiction“ unter Punk- statt Barockklängen, strafverschärfend gespielt in Kostümen aus schwarzem Lack und Leder mit Sextoys und Satanisten-Gothica aus dem Sado-Maso-Katalog.

Vulgär-offenherzig

Alles Wesentliche ist damit gesagt. Und die Wertung? Die Exzesshallen-Bühne sagt ihrem neuen Stück nach, hier werde jeder bedient: „der Studienrat vor der Pause, der Junkie danach: Theaterkritiker sind begeistert vor der Pause und begehen Selbstmord im zweiten Teil“. Im Gegenteil, möchte man sagen. Vieles vor der Pause ist altvertraute „DramBü“-Methode im Zeitraffer, da überrascht allzu wenig. Interessanter wird es nach der Pause. Nicht, weil man partout S/M-Kostüme erleben oder vulgär-offenherzige Sprache hören möchte. Sondern weil die neue Erzählweise das Stück verfremdet und eine klare, alles durchleuchtende Interpretation nachliefert, die Shakespeares Reflexion dazu voraussetzt (Stephen Greenblatt führte das an „1+2 Heinrich IV./V.“ vor), wie Machtkämpfe ganz oben und ganz unten zynisch und amoralisch ablaufen, auch wenn dieselbe Geschichte im Großen moralische Urteile suggeriert und sich staatstragend gibt, während sie beim kleinen Volk „jenseits von Gut und Böse“ auf Legitimierungsverrenkungen verzichtet und nur die Interessen des Oberbosses im Blick hat.

„Richard III.“ ist das Shakespeare-Stück mit dem Sarg des Hohen Kadavers, über welchem „der Mörder die Witwe bespringt“: eine so starke Szene des Welttheaters wie der Kinderprinzen-Mord im Tower. In der „Exzesshalle“ steht das Erdmöbel schon auf dem Treppchen bereit, das auf der post-elisabethanisch armen Bühne hinten zentral zum tableauhaften Gruppenauftritts-Fenster führt. Die Hauptrollen verteilen sich auf Thorsten Morawietz als König Edward und Buckingham, den Julian W. Koenig als Richard im Ritterkostüm mit Schwert und Kettenhemd-Kopf nur mordet, um Morawietz gleich wieder als Helfer und Verräter (mutiert in Version 2 zum korrupten Cop) an der Backe kleben zu haben. So vergeblich bleibt die unentwegte Mordtour, ob als Gottesfeind mit Schwert oder hurend-koksend mit der Pumpgun.

Tarantino-Fantasien

Und auf Sarah Kortmann als Lady Anne, und Marlene Zimmer als Gegner Richmond und nymphomane Staatsanwältin Richmond. Sie treten nach der Pause als lesbisches Kinderkiller-Duo in rötlichem Latex auf: japanische Geisha-Girlies aus einer Quentin-Tarantino-Fantasie. Der Doppelwhopper-„Richard“ aber geht durchaus auf. Wenn uns die Eildurchgänge den Ruf „A Horse! A Horse! My kingdom for a Horse!“ ersparen, ist es umso besser.

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