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Klangerlebnis: Ensemble Modern spielt live zu Stummfilm-Klassikern von Charlie Chaplin

Von Frankfurts Ensemble Modern brachte im „Frankfurt-LAB“ Benedict Masons filmbegleitende „ChaplinOperas“ zur leicht überstürzten Auferstehung.
Charlie Chaplin war einer der größten Stars der Stummfilm-Ära. Zur Begleitung hat Benedict Mason Musik geschrieben. Charlie Chaplin war einer der größten Stars der Stummfilm-Ära. Zur Begleitung hat Benedict Mason Musik geschrieben.

Wer sich vor Beginn der Live-Orchesterstücke zu Charlie Chaplins „Easy Street“, „The Immigrant“ und „The Adventurer“ (1917) den Programmzettel durchlas, hätte sich, zumindest als blutiger Laie in Sachen Neuer Musik, als abgeschreckt empfinden können. Der darin zitierte Komponist ließ es sich 1989, anlässlich der Uraufführung in der Alten Oper, noch angelegen sein, die Modernität des Ansatzes zu betonen, als gelte es dem gefährlichen Missverständnis vorzubeugen, seine Musik könne, horribile dictu, lustig sein und insofern den komisch-dramatischen Stummfilmen Chaplins „eins-zu-eins“ nacheifern. Lustig und überaus lebendig hörte sich Masons Musik im „LAB“ durchaus an. Ihrem Ernst als Kunstmusik machte dies keineswegs den Garaus. Es ist immer misslich, aus kleinem Anlass große Hypothesen über Mentalitäten und künstlerische Richtungen in den Klangraum zu werfen, doch wenn „die“ Engländer kulturgeschichtlich eine gewisse Neigung zur Empirie, zum Common Sense und eben auch weniger auf Neuartigkeit fixierten Klangsprachen zeigen mögen, so taugen Masons „ChaplinOperas“ eher zur Bestätigung als Widerlegung dessen, und zwar in gutem Sinn.

Sehr entkrampft

Neue Musik hat sich seit 1989 ja sehr entkrampft und pluralisiert und die einstige Fetischisierung der „Autonomie“ als Grundbedingung gemildert; die absurde Bindung Neuer Musik an Rituale des Klassikkonzerts liegt ohnehin zertrümmert da wie eine Bastion des 17. Jahrhunderts im modernen Granatfeuer.

In einer akademischen Arbeit Bernhard Königs heißt es über Masons „ChaplinOperas“, sie folgten einer „Dramaturgie des Zickzack“, der Unvorhersehbarkeit und Zufallsassoziation: „In chaplineskem Tempo rast die Musik durch Jahrzehnte der Filmmusikgeschichte, springt innerhalb weniger Sekunden zwischen ,Übersynchronität‘ und völliger Autonomie hin und her, schwankt in kürzester Zeit zwischen Anklängen an biedere Stummfilmbegleitung und Auswüchsen anarchischen Krawalls.

Eine längere Tanzszene gerät musikalisch zur fröhlichen Kakophonie, die das Kracauersche Motiv des betrunkenen Pianisten aufs ganze Orchester überträgt – und ist doch gleichzeitig auch eine gelehrte Abhandlung über ein halbes Jahrhundert Tanzmusik im Film: Fred Astaire und Frank Sinatra geben sich mit Chaplin ein Stelldichein und werden von einer trommelnden Kinderhorde überrannt.“ In der Tat. Im „LAB“, wo Johannes Kalitzke das relativ groß besetzte Orchester (23 Instrumentalisten) inklusive Harfe, ungewöhnlichem Schlagzeug und so fort dirigierte, teilten sich Eva Resch (Sopran) und Holger Falk (Bariton) die Aufgabe des erzählend-kommentierenden Solosprechers, der im Verlauf der drei Filme alle Verkörperungen eines Kinoerzählers durchläuft: als komischer Geräuschemacher in flugs angenommenen und abgelegten Figurationen der Populärkultur, als Live-Filmstimmen zu stummen Sänger-Bildern im kirchlichen Gemeinderaum oder Wirtshausmusikern, in plaudernder Erzählerhaltung mit Sinn für Klatsch und Kalauer, als dozierende Radiostimme oder Dauerproduzenten belebter Sprachmusik.

Dem Kritiker hat Masons unendlich abwechslungsreiche Vertonung deutlich besser gefallen als, zum Beispiel, Giorgio Moroders „Metropolis“-Komposition von 1984. Von den handelsüblichen, im Fernsehen verbrochenen Stummfilmmusiken von heute, die sich in der Regel auf alberne Effekte und immergleiche Ragtimetöne beschränken, braucht hier gar nicht erst die Rede zu sein.

Durch die Täler Amerikas

Den vielen Musikern im Publikum, die laut Oliver Sacks ja anatomisch „andere“ Gehirne, bot die vielstimmig-polyrhythmisch begleitete Wanderung des Neueinwanderers Chaplin durch allfällige Täler Amerikas zweifellos eine schöne klingende Exkursion anstelle des kalendarisch angezeigten Höllenabstiegs am Karfreitag.

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