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Alice Cooper in der Jahrhunderthalle: Er kann’s nicht lassen, aber er kann’s

Mit Tempo, Tricks und Opulenz bot der amerikanische Horror-Rock-Musiker bei seinem Auftritt alles, was ihn schon immer berühmt-berüchtigt gemacht hat.
Totenköpfe leben länger: Alice Cooper zelebriert  alles, was laut und wahnsinnig ist, und so konnte auch die Jahrhunderthalle wieder was erleben. Foto: Julian Sajak Totenköpfe leben länger: Alice Cooper zelebriert alles, was laut und wahnsinnig ist, und so konnte auch die Jahrhunderthalle wieder was erleben.

In gigantischer Größe starrt ein von schwarzem Kajal umrandetes Augenpaar mit Spinnen in den Pupillen vom Bühnenvorhang in die Menge. Eine von Fotograf Dave Griffith geschaffene Rock-Ikonografie, die sich erstmals im aufklappbaren Cover vom dritten Studioalbum „Love It To Death“ (1971) fand und einen ebenso hohen Wiedererkennungswert wie Elton Johns Brillentick, Lemmy Kilmisters Warzen oder Rod Stewarts Fransenfrisur besitzt. „You are invited to the nightmare world of Alice Cooper“, lässt eine elektronisch verzerrte Off-Stimme zu unheimlicher Klangcollage wissen. In der nahezu ausverkauften Jahrhunderthalle nimmt die Gemeinde noch rasch einen tiefen Schluck aus dem Bierbecher, und los kann’s gehen.

Schaurige Skelette

Zwei schaurige Skelettmänner reißen die Sichtblende weg, um den Blick auf eine gespenstische Szenerie freizugeben. Wie von Zauberhand taucht urplötzlich in bodenlangem schwarzem Seidenumhang jene Gestalt auf, die längst auch im Ausweis diesen für einen Mann eigenartigen Vor- und Nachnamen stehen hat, geliehen von einer Figur der amerikanischen Fernsehserie „Mayberry R.F.D.“: Alice Cooper. Zu den wüsten Thrash-Metal-Klängen von „Brutal Planet“ startet die vom „Fürsten der Finsternis“ mit verächtlicher Geste und Spazierstock dirigierte Kombination aus Geister- und Achterbahnfahrt. Ein auf die Sekunde getimtes Spektakel aus Höllengeburt, Kunstblut und Zwangsjacke. Nur die legendäre Boa Constrictor fehlt. Mit nach wie vor mächtigem Charisma gewährt der noch reichlich agile 69-Jährige im hautengen Outfit, über das er jeweils zum Sujet passende Jacken wirft, einen kompakten Auszug aus seinem überreichen Repertoire. Auch in der aktuellen Produktion „Spend The Night With“ mit zugunsten der Musik leicht zurückgenommenen Showeffekten bleiben die experimentell psychedelischen Songs aus den Alben „Pretties For You“ (1969) und „Easy Action“ (1970) unter der Führung des einstigen Bürgerschrecks Frank Zappa tabu. Ebenfalls gestrichen wurde für die Stippvisiten in Deutschland jener nostalgische Programmpunkt, den noch vor wenigen Tagen die Engländer genießen durften: Für fünf Songs vereinte sich der Bühnenunhold noch einmal mit Bassist Dennis Dunaway, Gitarrist Michael Bruce und Schlagzeuger Neal Smith, einst Mitglieder der Urformation „Alice Cooper“, als der Sohn eines Laienpriesters aus Arizona noch seinen bürgerlichen Namen Vincent Damon Furnier trug. Allerdings lässt auch das aktuelle Begleitquintett keinerlei Wünsche offen und spielt die sauber abgemischte Überblendung aus harschem Proto-Metal und Hardrock mindestens ebenso echt wie die einstigen Weggefährten.

Dollars für alle

Kreuz und quer blättert Alice Cooper im Poesiealbum seiner Karriere, die sich nochmals beschleunigte, als er sich 1975 auf Solopfade begab. Schon im saftigen Riffrockkracher „Under My Wheels“ brilliert das von Nita Strauss angeführte Gitarrentriumvirat. Später darf die virtuose Gitarristin noch ein langes Solo vom Stapel lassen. Sowohl in „No More Mr. Nice Guy“, als auch in „Department Of Youth“ zeigt die Truppe Doo-Wop-Wurzeln. Beim Titelsong des Albums „Billion Dollar Babies“ hantiert der seit 1976 mit Tänzerin Sheryl Goddard verheiratete Entertainer mit Geldscheinen, die allesamt in die Hände der Fans wandern. Im nekrophilen „Cold Ethyl“ mit der Zeile „She’s cool in bed. Well she oughta be ’cause Ethyl’s dead“ zerrt Tante Alice wüst an einer Lumpenpuppe herum, die wenig später in der einzigen Verschnaufpause, der Ballade „Only Women Bleed“, lebendig wird und von Cooper-Töchterlein Calico gemimt wird. Optimal zum Thema passt auch der patente neue Song „Paranoiac Personality“. Zum Glanzstück gerät die knapp zehnminütige Songsuite „Halo Of Flies“ inklusive Bass- und Schlagzeugsolo.

In der Zwangsjacke

Als Fall für die Pathologie erweist sich „Feed My Frankenstein“, wenn Cooper im blutverschmierten Arztkittel unter Funkensprühen auf elektronischer Apparatur ein riesiges Monstrum reanimiert. Abermals assistiert Calico ihrem Papa als groteske Karikatur einer Irrenanstaltsschwester in „The Ballad Of Dwight Fry“. Versunken ins Rollenspiel als Psychopath, irrt Cooper wie ein Besessener in Zwangsjacke umher. Nach einem Würgeangriff auf das Anstaltspersonal droht dem Unhold die gerechte Strafe. Es folgt das Unvermeidliche unter frisch geschärftem Fallbeil. Ein Trommelwirbel noch, dann trennt die Guillotine Kopf von Körper. Schaurig jubiliert der Bandchor „I Love The Dead“, bevor der Scharfrichter den Schädel verächtlich in eine Kiste wirft.

Wieder auferstanden von den Toten, behauptet der Delinquent „I’m Eighteen“, bevor sich beim finalen „School’s Out“ riesige Bälle, Konfetti und Luftschlangen in den Saal entsorgen. Zum ersten wie einzigen Mal richtet Mr. Cooper Worte ans Publikum. „Merry Christmas and sick twisted nightmares for you“, wünscht die noch immer schaurig unterhaltsame Kunstfigur der jubelnden Besucherschar.

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