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Welterbe: Eritreas Bauten werden von der Unesco als schützenswert gewürdigt

Als Eritrea eine italienische Kolonie war, wurden kühne Bauten errichtet, die heute als einzigartig gelten. Nun könnte mit der Anerkennung als Weltkulturerbe ein längst überfälliger demokratischer Wandel beginnen.
Das Kino „Impero“ ist im Stil des Art déco errichtet. Außen nimmt der Bau Elemente technischer Ästhetik auf. Das Kino „Impero“ ist im Stil des Art déco errichtet. Außen nimmt der Bau Elemente technischer Ästhetik auf.

Eritrea ist weit weg? Stimmt nicht. Zwar reißt man sich in dem kleinen ostafrikanischen Land nicht gerade um Touristen. Und die politische Situation unter dem seit 1993 regierenden, autoritären Präsidenten Isayas Afewerki ist alles andere als demokratisch. Deshalb kommen auch immer mehr Eritreer nach Deutschland. Schätzungsweise 70 000 leben hier, davon weit mehr als 6000 in der Rhein-Main-Region. In Frankfurt sind es schon mehr als 2100 Menschen, laut der amtlichen Erfassung vom Juni 2015. Inoffiziell dürfte die Zahl noch höher liegen.

Eritrea liegt also doch nah, besonders im Frankfurter Bahnhofsviertel. Und das Land hat kulturell einiges zu bieten, was selbst Fachleute zum Staunen bringt. Moderne europäische Architektur vermutet wohl niemand dort. Tatsächlich aber beherbergt die Hauptstadt Asmara eines der größten Architekturensembles des 20. Jahrhunderts. Zu verdanken ist das, so grotesk das auch klingt, dem Faschisten Benito Mussolini, der 1922 in Italien die Macht übernahm. Ihm schwebte in Afrika ein italienisches Imperium vor. So verwandelte er Eritrea, das schon seit 1889/90 italienische Kolonie war, in einen strategisch wichtigen Militärstützpunkt. Zwischen 1934 und 1941 baute Mussolini die einst nur 5000 Einwohner zählende Kleinstadt Asmara zur Großstadt auf. „Piccola Roma“, kleines Rom, wurde sie genannt.

Auf das antike Rom sollten sich alle Bauten beziehen und damit einen neuen nationalen Stil ins Leben rufen. Mussolini beauftragte junge italienische Stadtplaner und Architekten, den kleinen Stadtkern von Asmara großflächig zu erweitern.

Zahn der Zeit nagt

An den neuen und riesigen Boulevards wurden vielerlei Verwaltungsbauten, Schulen, Fabriken, Tankstellen, Kinos und elegante Wohnhäuser errichtet. Innerhalb von acht Jahren verdoppelte sich die einheimische Bevölkerung auf 200 000, die italienische Bevölkerung erhöhte sich von 4000 auf 70 000.

Doch Asmara war nur der Ausgangspunkt für Mussolinis Feldzug im Jahr 1935 gegen das benachbarte Abessinien, das heutige Äthiopien. Die italienische Herrschaft in Eritrea endete 1941. Erst kamen die Briten, dann wurde das Land von Äthiopien besetzt. Seit 1993 ist Eritrea unabhängig, aber der später geschlossene Frieden mit dem Nachbarland ist brüchig.

Erstaunlicherweise hat Mussolinis gigantisches Bauprogramm die Kriegswirren relativ gut überstanden. Nur der Zahn der Zeit nagt an dieser Idealstadt der Moderne. Dank der großzügigen Stadtplanung und der kühnen Bauten ist Asmara nach wie vor die fortschrittlichste Stadt Afrikas. Politisch und wirtschaftlich aber herrscht seit langer Zeit Stillstand in Eritrea – das Land wird oft als „Nordkoreas Afrika“ bezeichnet. Die Bevölkerung teilt sich in Muslime und Christen (52 und 48 Prozent).

Seit 2001 steht die Altstadt von Asmara unter Denkmalschutz; 2005 hat sie sich mit den europäischen Bauten bei der Unesco um Aufnahme in das Weltkulturerbe-Programm beworben. Erst jetzt wurde das einzigartige Ensemble als eines von inzwischen 1073 erhaltens- und schützenswerten Stätten aufgenommen.

Futuristisches Streben

Asmara bietet also einiges – neben guter Luft und einem sanften Klima (um die 25 Grad Temperatur) auch viele kultur- und architekturhistorische Eindrücke. Der Palazzo Mutton etwa ist mit seiner Kombination von Zylinder und Kubus ein gutes Beispiel für den Rationalismus, die italienische Version der avantgardistischen Architektur. Die Fiat-Tankstelle von 1938 hingegen erinnert mit ihrer 30 Meter langen Betonschwinge an ein Flugzeug und zeugt vom futuristisch-technologischen Streben des Architekten Giuseppe Pettazzi.

Das Kino „Impero“ wiederum ist im Stil des Art déco errichtet. Außen nimmt der kantige Bau im Dekor einige Elemente technischer Ästhetik auf, innen ist er dynamisch geformt und geradezu spielerisch ausgeschmückt. Folglich begegnet man in Asmara auf Schritt und Tritt den unterschiedlichsten Stilen; auch zahlreiche historistische Gebäude gibt es, von der Neorenaissance bis zum Neobarock, vom Theater bis zur Universität. Und beim Anblick der Kathedrale wähnt man sich fast in Norditalien.

Natürlich finden sich all diese Bauten stilistisch so ähnlich auch bei uns oder in den USA. Vor allem die Art-déco-Bauten erinnern an das berühmte Miami-Beach-Viertel im US-Bundesstaat Florida, das ebenfalls in den 30er Jahren entstand und seine Anregungen auch aus Europa bezog. Stünde das Asmara-Ensemble in Florida oder Deutschland, würde es in der Masse untergehen. In Afrika jedoch hat das seinen ganz eigenen und unverwechselbaren Charme.

Aber wer wohnte zu Kolonialzeiten in diesen Bauten, wer konnte das Kino besuchen oder gar eine Tankstelle frequentieren? Das waren wohl eher die Italiener als die Einheimischen, achtete doch Mussolini auf strenge Rassentrennung. Heute ist man in Asmara stolz auf die erhaltene Baukunst, in der nun die Herrschenden und ihre willfährigen Helfer leben. Bleibt nur zu hoffen, dass sich das Land jetzt politisch öffnet und bald demokratisch wird.

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