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„Der Mann aus dem Eis“: Erschlagen in den Gletschern

Von Filmemacher Felix Randau schildert, was sich in den letzten Tagen des berühmten Jägers abgespielt hat, der vor über 5000 Jahren in den Alpen lebte.
Kelab (Jürgen Vogel) geht in den Ötztaler Alpen (heute Südtirol) auf die Jagd. Das Überleben in den Bergen ist hart, vor allem in den langen Wintern. Foto: Martin Rattini (Port au Prince Pictures) Kelab (Jürgen Vogel) geht in den Ötztaler Alpen (heute Südtirol) auf die Jagd. Das Überleben in den Bergen ist hart, vor allem in den langen Wintern.

Am 19. September 1991 entdeckte der deutsche Hobbyalpinist Helmut Simon mit seiner Frau Erika beim Tisenjoch am Niederjochferner in den Ötztaler Alpen eine Gletschermumie aus der Kupferzeit. Über 5250 Jahre lang hatte sie 3200 Meter über dem Meeresspiegel im Eis gelegen. Weltweit kennt man sie unter dem Namen Ötzi. Nicht nur Wissenschaftlern gilt diese Mumie als sensationeller Fund. Schließlich pilgern bis heute jährlich etwa eine viertel Million Neugieriger zu dem Archäologiemuseum nach Bozen, um dort zu erfahren, wie Ötzi in Wirklichkeit aussieht. Fest steht, dass Ötzi eines gewaltsamen Todes gestorben ist. Der Mann mag Mitte 40 gewesen sein, als er von hinten mit einem Pfeil in die linke Schulter getroffen wurde. Wahrscheinlich ist er jedoch nicht an dieser Verletzung gestorben, sondern an einem ebenfalls diagnostizierten Schädelhirntrauma. Ötzi wurde also erschlagen.

Motiv des Mörders

Während der letzten Tage seines Lebens hatte er lange Wege durch verschiedene Vegetationszonen hinter sich gebracht. Vermutlich ruhte er sich gerade aus, als der überraschende Angriff auf ihn verübt wurde. Der Täter entwendete weder Ötzis Kleidung noch dessen Waffen. Ein Raubmord scheidet somit aus. Es liegt nah, dass das Motiv seines Mörders ein anderes war.

Einiges hiervon inspirierte den in Emden geborenen Regisseur und Drehbuchautor Felix Randau („Northern Star“), Absolvent der Berliner Filmhochschule, dazu, „Der Mann aus dem Eis“ zu drehen. In dem Film verkörpert Jürgen Vogel den Steinzeitmenschen Ötzi, der hier den Namen Kelab trägt. Er gilt als Oberhaupt einer kleinen Sippe, die friedlich in den Bergen lebt. Als Kelab auf der Jagd ist, wird seine Siedlung von drei Männern überfallen. Sie brennen das Dorf nieder und metzeln dessen Bewohner dahin. Lediglich ein Säugling überlebt den Angriff, bei dem die Schlächter auch eine heilige Schatulle stehlen, die bislang in Kelabs Obhut lag. Fortan hat Kelab nur noch eines im Sinn: Er will die Mörder finden, sein wertvolles Heiligtum zurückholen und sich rächen. Also macht er sich mit dem Baby und einer Ziege auf den Weg hinauf in die gefährlichen Berge des heutigen Südtirols…

Dialoge gibt es in „Der Mann aus dem Eis“ nur wenige. Wenn, dann hört man sie in einer Sprache, die eigens für den Film entwickelt wurde. Sie kommt einer Frühform des Rätischen nahe, welche in der Alpenregion vor 5000 Jahren gesprochen wurde. Untertitelt ist diese Fantasiesprache nicht, aber man versteht ihre Inhalte ob der leicht lesbaren Mimik und Gestik der Darsteller und Darstellerinnen.

Diese Sprache mag ebenso wie die detailverliebte Ausstattung, die aufwendige Maske und das stimmige Kostümbild für Felix Randaus Anspruch stehen, dem Kinobesucher eine Steinzeit zu zeigen, die er ohne sie zu hinterfragen als solche akzeptiert. Dass Randau an unberührt wirkenden Originalschauplätzen in Südtirol gedreht hat, lässt seinen Film, formal betrachtet, zudem authentisch wirken. Vor allem, weil sein Kameramann Jakub Bejnarowicz die verschiedensten Landschaften in überwältigenden Bildern einfängt. In ihnen werden Naturgewalten zu unbarmherzigen Gegnern, denen sich Kelab stellen muss. Sintflutartige Regenfälle, heftige Gewitter und eisige Schneemassen beherrschen das immer wieder bedrohliche Geschehen.

Gewalt der Steinzeit

Schaut man jedoch genauer hin, dann erkennt man, dass diese sorgfältige Inszenierung der Natur die recht überschaubare Handlung des Films vergessen machen soll. Auch fragt man sich: Waren die Menschen in der Steinzeit wirklich so extrem brutal, wie es Felix Randau einen glauben machen will? Oder unterwirft er seine Figuren und deren Handlungen schlichtweg nur den Gesetzen eines Rachethrillers? Ein Kelab, der zunächst nicht nur Wut über den Verlust seiner Gefährten gezeigt hätte, sondern auch tiefe Trauer, mag in Randaus Begriff des Genres nicht hineingepasst haben. Es hätte die Figur Kelab jedoch vielschichtiger und damit reizvoller gemacht.

Was somit übrig bleibt, ist ein erstaunlich aufwendig inszenierter Film, in dem Jürgen Vogel zwar als mutiger, zäher und harter Kämpfer brilliert. Aber genau deshalb wird „Der Mann aus dem Eis“ auch für jene entzaubert, die sich bislang ihre eigenen, fantasievollen Gedanken zu Ötzi gemacht haben. Annehmbar

In diesen Kinos

Frankfurt: Cinestar, Metropolis (D+E), Harmonie

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