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Fotoschau: Es lebe das Ding!

Von Studierende der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und der Frankfurter Goethe-Universität haben gemeinsam eine Ausstellung realisiert.
Felicitas von Lutzau, „Amerika“. Natur? Irgendwie schon. Aber die Punkte am Himmel oder die leuchtende Pflanze vorn: Ist das wirklich wirklich? Bilder > Foto: Felicitas von Lutzau Felicitas von Lutzau, „Amerika“. Natur? Irgendwie schon. Aber die Punkte am Himmel oder die leuchtende Pflanze vorn: Ist das wirklich wirklich?

Der Mensch ist schon ein rechter Plagegeist! Stets denkt er nur an sich und seinesgleichen, und alles betrachtet er aus seiner Warte. Wäre es nicht einmal an der Zeit, die Perspektive zu wechseln?

Das zumindest schlug der sowjetische Schriftsteller Sergej Tretjakow 1929 in seinem Essay „Die Biografie des Dings“ vor, und seine Idee war eine radikale Umwertung der Welt und eine Umdeutung von allem. Der Mensch, dieser aufgeblähte Popanz, der immer nur sagt: Ich sehe dies oder jenes, und weil ich das sehe, ist das auch so, dieser Mensch hielte endlich einmal seine Klappe, und die Dinge wären für sich. Und siehe da, sie sprächen ebenfalls, wenn auch deutlich anders: Was der Mensch aus ihnen macht, indem er sie anschaut, kauft, benutzt oder was auch immer, wäre eine Facette des Ding-Daseins. Aber eben nur eine neben vielen anderen.

Ein anderer Blick

Studierende der Hochschule für Gestaltung in Offenbach haben dieses durchaus komplexe Thema zur Grundlage einer Ausstellung gemacht, die wiederum Teilnehmer des Studiengangs Curatorial Studies an der Goethe-Universität entwickelt haben: von der Werkauswahl über ihre Hängung im „Cube“ bis zur Erstellung eines Katalogs. Vom 12. Februar bis zum 5. März wird außerdem die Ausstellung auf der C-Ebene der Frankfurter Hauptwache in den öffentlichen Raum hinein erweitert. Zwei Jahre lang haben die 26 Studenten an dem Projekt gearbeitet.

Das Ergebnis sind ausgesprochen vielfältige studentische Foto-Arbeiten in der zweiten Etage des Gebäudes, die dann im Erdgeschoss noch einmal einen Reflex in Werken aus der Sammlung der Deutschen Börse finden.

Rudi Weissbeck etwa mischt reale Situationen mit digital inszenierten Momenten: Nicht immer wird auf den ersten Blick deutlich, was echt ist und was sich technisch erzeugten Eingriffen verdankt.

Annika Grabold hat Ausschnitte aus weißen Räumen in Museen aufgenommen, was deswegen besonders schwierig ist, weil weiße Räume naturgemäß weiß sind. Der White Cube wird somit erfahrbar als rätselhafte Projektionsfläche mit einem ästhetischen Eigenwert. Viele Bilder werfen den Blick absichtlich aufs Nebensächliche und Unbeachtete: Urs Tilman Daun fotografiert eine Yucca-Palme, die, man möchte sagen ohne Sinn und Verstand, auf dem Bürgersteig neben einer Baustellenabsperrung herumsteht. Und welche Geschichte wohl verbirgt sich hinter dem Rollator, der verlassen mitten vor einer großen Toreinfahrt steht? Béla Feldberg hat diese menschenlose Szene fotografiert, in der der Mensch zwar eine Rolle spielt, jedoch eine, die wohl für immer geheimnisvoll bleiben wird.

Das Leben ist eine Abfolge von Momenten, eine Anhäufung von Zufällen, und oft meistern wir es, was immer wir unter „meistern“ verstehen, indem wir ihnen deutend eine Notwendigkeit zusprechen. In Wahrheit, dies zumindest wäre eine Überlegung wert, ist diese Kontingenz aber nur eine Folge unseres sehr subjektiven Blicks. Käme es also, um die Welt wirklich zu erfassen, nicht darauf an, diesen Blick einmal wegzulassen und, siehe Tretjakow, die Dinge für sich sprechen zu lassen?

Ganz wird dies womöglich nie funktionieren. Was wir aber können, ist, unserer eigenen Begrenztheit nachzuspüren und uns bewusst zu machen, dass wir uns selber betrügen, wenn wir so tun, als könnten wir stets alles verstehen.

Schräge Momente

„Die Wirklichkeit stellt eine Unwahrscheinlichkeit dar, die eingetreten ist“, formuliert ein wenig ungelenk und doch prägnant die Künstlerin Chantal Michel, und damit wären wir im Erdgeschoss der Schau, bei den sammlungseigenen Werken arrivierter Fotografen.

Wobei das mit dem Arriviertsein so eine Sache ist, denn nicht jeder will Teil des Betriebs sein: nicht der 1925 geborene Polizeifotograf Arnold Odermatt, der nach jeder Unfalldokumentation noch ein Bild für sich selber schoss, noch der famose Gerd Danigel, Jahrgang 1961, der seine Bilder vom untergegangenen DDR-Konsumleben bis heute auf Berliner Flohmärkten feilbietet.

Andere, wie Erwin Wurm, gehören längst zu den Ober-Arrivierten, auch wenn Wurm dem etablierten Kunstbetrieb, der auf Unvergänglichkeit setzt, mit jeder seiner One-Minute-Sculptures eins auswischt. Pfeif auf die Ewigkeit, lass die Dinge für sich sprechen, ruft er mit seinen lustigen Installationen, in denen der Mensch selber zum Objekt wird. Einfach mal die Perspektive wechseln – gar nicht so einfach.

The Cube, Eschborn

Mergenthalerallee 61. Termine für Führungen: 7. und 22. Februar, 6. und 23. März, 5., 16. und 26. April, jeweils 18 Uhr oder 18.30 Uhr. Anmeldung im Internet unter www.deutscheboersephotographyfoundation.org

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