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Es macht boom, boom, boom, aber tut nicht weh

Thees Uhlmann nähert sich in den sehr eingängigen Songs seines zweiten Soloalbums „# 2“ auf sehr verschiedenen Wegen der Hölle.
Das Cover des neuen Albums von Sänger Thees Uhlmann. Sein neues Werk hört auf den Namen «#2» und verbindet Eingänigkeit mit enormen Facettenreichtum. Foto:  Ingo Pertramer / dpa Das Cover des neuen Albums von Sänger Thees Uhlmann. Sein neues Werk hört auf den Namen «#2» und verbindet Eingänigkeit mit enormen Facettenreichtum. Foto: Ingo Pertramer / dpa

Da ist er wieder, Bruce Springsteen. Auf dem Plattencover zum letzten Album war er von hinten zu sehen, die Gitarre schräg am Rücken hängend, jetzt, auf dem Plattencover zum neuen Album, sehen wir in sein ernstes Gesicht, die Haare fesch vom Wind durchlüftet. Die Uniform aus weißem T-Shirt und schwarzer Lederjacke sitzt akkurat, was wir von der Bluejeans auch annehmen, nur ist die dieses Mal nicht zu sehen.

 

Mief der Provinz

 

Der Mann auf dem Plattencover ist natürlich nicht Bruce Springsteen, sondern Thees Uhlmann, deutscher Adept des großen Meisters. Uhlmann möchte, nicht nur äußerlich, ein bisschen so sein wie Springsteen, der charismatische Geschichtenerzähler des Rock ’n’ Roll, ein Chronist des Alltags, bei dem das Private absichtsvoll ins Politische ragt.

Daran orientiert sich Thees Uhlmann, der sich als Musiker mehr als Arbeiter denn als Künstler versteht. Seine Songs verströmen den Schweiß der ehrlichen, einfachen Existenz oder den Mief der Provinz, aber nichts vom mondänen Duft der weiten Welt. Uhlmann, 1974 im niedersächsischen Kaff Hemmoor geboren, ist ein sympathischer Kumpeltyp, das Herz auf der Zunge, der sich als Befindlichkeitsrocker bei der auf Eis gelegten Hamburger Band „Tomte“ einen Namen machte.

Wie schon auf seinem Solodebüt vor zwei Jahren genießt der 39-Jährige auch auf dem Nachfolgealbum seine zahlreichen Bruce-Springsteen-Momente - wer sucht, wird finden. Er ist weiterhin als aufmerksamer Beobachter in eigenen und fremden Angelegenheiten unterwegs. Wo letztens noch die Lachse waren, geht es im neuen Album um die Zugvögel, statt piefigem Heimatort ist es nun ein piefiger Kurort, ohne Gäste, ohne Kurtaxe, ohne Leben, der im Song „Der Fluss und das Meer“ die tristen Überbleibsel einer verlassenen Gegend spiegelt.

Uhlmann heftet sich forsch an die Fersen eines Lokalpolitikers, der seit Jahren in Abgründe blickt. Dabei muckt die Mundharmonika mehrmals kurz und beängstigend auf. Oder er stimmt ein karges Klagelied über Kaffee und Wein an, zwei fiese Alltagsdrogen. In der als Hit angelegten Single „Am 7. März“ setzt es eine kleine Geschichtslektion mit Mama, Rudi Dutschke, der Maus, Ivan Lendl, Bret Easton Ellis, US-Army und FDJ.

 

Mit dem Feuer spielen

 

Thees Uhlmann wagt sich weiter vor als bislang. Er spielt mit dem Feuer, entweder mit der Fackel in der Hand, um die Wölfe zu vertreiben (und der Bass grummelt, die E-Gitarre ächzt, das Schlagzeug galoppiert), oder am Ende mit der Laterne. Doch das Licht geht in diesem munter quengelnden Rocksong aus, und alle gehen nach Haus. Flammen allerorten, die Hölle ruft: Im verhaltensauffälligsten Moment des Albums heißt es unter Marschrhythmus: „Die Bomben meiner Stadt machen boom, boom, boom“, während ein überforderter Jesus auf der Parkbank sitzend „AC/DC“ hört und den Weg in die Apokalypse weist. Auf die hitzigen Detonationen dieses Raps folgt der Sommer nach dem Krieg als leuchtender Pop, später dann Frieden in der Nacht als Feuerzeugballade.

Es lodert und knallt in den Texten des zweiten Soloalbums, schlicht „# 2“ betitelt, dass der Ausnahmezustand nicht weit scheint. Doch die Band, die Uhlmann auf seinen Ausflügen Geleitschutz gibt, verfällt nicht in Panik. Sie spielt zwar impulsiv und temporeich, verlässt aber nie das Feld klassischer Pop- und Rockmusik, selbst wenn sie hinüberschaut zu Orchester-Pop, Emo-Rock, Indie-Schlager oder Kinderlied.

Viel wird in Stellung gebracht, Mitsing-Refrains und Mitsumm-Melodien, Klavier, Orgel oder Synthie, jubilierende Chöre und protzige 80er-Jahre-Schlagzeugsalven, Streicher-Arrangement und Stimmen-Sample, verzückende Harmonien, Riffs und Effekte, die noch vertraut sind vom ersten Album.

 

Alles glatt

 

Produzent Tobias Kuhn, auch Gitarrist der Band, hat daraus elf sehr eingängige Songs gebaut, an denen nur zu kritisieren ist, dass sie manchmal zu glatt komponiert sind: zu sehr Pop, zu selten Rock, zu elegant und smart, zu selten rau und ruppig. Thees Uhlmann trägt ja schließlich Lederjacke und kein Sakko, verwaschene Jeans und keine gebügelte Stoffhose. Er verehrt den Boss, nicht Bono.

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