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Open Books: Europa ist plötzlich nicht mehr langweilig

Von Mit der Buchmesse eröffneten die „Open Books“, die das Blaue Sofa in die Deutsche Nationalbibliothek verpflanzten. Zu Gast: Buchpreisträger Robert Menasse, Didier Eribon, Eva Demski und Jürgen Becker.
Seit ein paar Tagen Buchpreisträger: Robert Menasse. Foto: Holger Menzel Seit ein paar Tagen Buchpreisträger: Robert Menasse.

Wenige Stunden zuvor hatte das frankophone Buch Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron und Kanzlerin Angela Merkel nach Frankfurt gelockt. Später am Abend zeitigte die Präsenz der beiden immer noch Spuren in der „Open-Books“-Eröffnung. Schwärmte Kulturdezernentin Ina Hartwig im Grußwort wie beschwipst von ihrer Begegnung vor drei Stunden mit Macron, so bekam man von Didier Éribon, dem französischen Soziologen, bald darauf analytisch scharfe Töne und Tiraden gegen sein Staatsoberhaupt zu hören. Befragt von Luzia Braun, Volker Weidermann, René Aguigah und Barbara Wahlster, boten er und die übrigen Autoren ein vielfältiges Bild vom Buch und dem, was es kann und will.

Absterben der Kultur

Den Chagallsaal im Schauspiel, wo die „Open-Books“-Eröffnung bislang stattzufinden pflegte, hätte Éribons Furor an dritter Stelle des Abends glatt gesprengt. Éribon („Gesellschaft als Urteil“, Suhrkamp) wünschte sich zu der halben Million Franzosen, die zur gleichen Zeit auf den Straßen gegen Macrons Politik protestierten. Dessen neoliberales Credo setze voraus, am besten gebe man den Reichen das Geld, das dann irgendwie nach unten sickern werde („Trickle-down“-Theorie). Die Folgen seien verheerend: ein Umsichgreifen prekärer Zustände, Absterben der Kultur durch ungleiche Bildungschancen, Blockade sozialen Aufstiegs nach Verdiensten („Meritokratie“), ein Ende des sozialen Wohnungsbaus. Sympathie und Neugier weckte seine Herkunft aus armen Schichten, die er auf Aguigahs Fragen hin ebenso umriss wie sein Konzept des sozialen „Urteils“, dem der einzelne ausgesetzt sei. Soweit der unbändigste Auftritt des Abends: nicht frei von teils sozialromantischen Schicksalsnoten.

Mit purer Literatur hatten Eva Demskis Erinnerungen („Den Koffer trag ich selber“, Insel) den Reigen begonnen. Im Genre des Langgedichts („Graugänse über Toronto: Journalgedicht“, Suhrkamp) sollte Jürgen Becker ihn beschließen. Dazwischen stand außer Éribon der aus europäischem Geist politisierende Brüssel-Roman Robert Menasses („Die Hauptstadt“, Suhrkamp).

Charmant und weise

Der Wiener war, natürlich, der Mann der Stunde. Was an seinem Auftritt berührte, war neben dem rührenden, ja missionierenden Europa-Enthusiasmus, den melancholischen Beobachtungen über das nationentypische Verhalten Brüsseler Eurokraten bis hin zum Radfahren und so fort die sehr spürbare Freude des Autors über seine Anerkennung in Form des Deutschen Buchpreises. Ob Österreich es an Anerkennung seinen Autoren gegenüber gebrechen lässt? Brüssel-Roman: Das sagt sich leicht. Mehr als ein Rezensent hat bemerkt, dass sich Menasse sein Genre erst erfinden musste, weil die EU die Dichter bislang langweilte. Seine Brüssel-Recherche, so Menasse, währte immer länger, zuletzt drei Jahre. Also musste er sich die gewonnenen Einsichten zunächst in Essay-Form vom Halse schaffen, in mehreren Vorläuferbänden nebst Gesprächen und einer Festrede: eine Parallelaktion von Graden. Einige Kritiker bewog sie gar, den Roman, der folgte, mit Musils „Mann ohne Eigenschaften“ zu vergleichen. Zum Clou der Handlung nur so viel: die „Hauptstadt“ meint nicht, oder nicht allein, Brüssel, noch eine Kapitale unserer Tage, wohl aber eine Stadt, die alle kennen.

Eingebettet in so viel Politik, muteten Demskis Erinnerungen und Beckers Gedichte angenehm unaufgewühlt an. Becker präsentierte sein Buch bereits im Juni auf den „Frankfurter Lyriktagen“, an der Seite und befeuert von Marcel Beyer. Demski zeigte sich so charmant und weise wie immer und zeichnete entlang der Fragen Luzia Brauns ihre Lebenslinien und also „Den Koffer trag ich selber“ nach. Lebensklug und selbstironisch führte sie ihre Uneitelkeit auf Umstände wie das Aufwachsen als „dickes“ Kind zurück. Erinnerte sich melancholisch gewitzigt an ihre Kindheit im Regensburger „Illusionistenhaushalt“ des Bühnenbildner-Vaters und ihre historisch groteske Berührung mit den RAF-Zeiten. Und philosophierte über ihren Hang zum Fatalismus. Manche ihrer aufgeschnappten oder selbstgemünzten Sätze, wie: „Ich bin Schriftsteller, ich brauch’ nichts zu erleben“, schwangen noch sehr lange durch den Abend.

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