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Marlene-Dietrich-Biografin: Eva Gesine Baur über den Menschen hinter dem Mythos

Marlene Dietrich war der Inbegriff der selbstbewussten Diva. Autorin Eva Gesine Baur zeigt in einer neuen Biografie, dass das Leben der Schauspielerin viele Schattenseiten hatte.
Marlene Dietrich: Diva, Femme fatale, einsam. Bilder > Foto: dpa (dpa) Marlene Dietrich: Diva, Femme fatale, einsam.

Sie galt als kühle Verführerin und laszive Femme fatale. Zuletzt lebte sie völlig zurückgezogen in ihrem Pariser Appartement. Marlene Dietrich ließ selbst enge Freunde nicht mehr zu sich. Sie starb am 6. Mai 1992 im Alter von 90 Jahren an einem schönen Frühlingstag in ihrer Wohnung in der Avenue Montaigne unweit der Seine – umgeben von Fotos ihrer Freunde. Ihr Grab befindet sich auf dem Städtischen Friedhof in der Stubenrauchstraße in Berlin-Friedenau.
Der Rückzug aus der Öffentlichkeit war der Preis, den sie dafür zahlte, ihr perfektes Bild nicht zu beschädigen. Eva Gesine Baur hat unter dem Titel „Einsame Klasse“ (C. H. Beck, 576 Seiten, 24,95 Euro) jetzt eine beeindruckende Biografie der Dietrich vorgelegt. Der vielleicht einzige deutsche Weltstar war 1929 mit dem Film „Der blaue Engel“ von Josef von Sternberg auf einen Schlag berühmt geworden. Darin singt Marlene Dietrich das Lied „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Zu ihren erfolgreichsten Filmen zählen „Herzen in Flammen“ (1930), „Shanghai-Express“ (1932) und „Der große Bluff“ (1939). 1939 nahm die Schauspielerin, die 1929 mit von Sternberg nach Hollywood gegangen war, die US-Staatsbürgerschaft an. Während des Zweiten Weltkriegs sang sie in amerikanischer Uniform vor US-Soldaten an der Front. Als Gegnerin des Nationalsozialismus lehnte sie Filmangebote der Nazis konsequent ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte sie große Charakterrollen zum Beispiel in „Eine auswärtige Affäre“ (1947/48) und „Zeugin der Anklage“ (1957). Wer war der Mensch hinter dem Mythos? Elke Vogel hat mit der Kunsthistorikerin, Literatur- und Musikwissenschaftlerin Eva Gesine Baur (56), die auch Biografien über Chopin und Mozart geschrieben hat, über Marlene Dietrich gesprochen.

Frau Baur, war Marlene Dietrich ihrer Zeit voraus?

EVA GESINE BAUR: Marlene Dietrich war ihrer Zeit in jeder Hinsicht voraus. Sie gehörte zu einer Gruppe von Frauen, die Role Models waren und sich einfach alles getraut haben. Marlene war eine Projektionsfläche für die Wünsche anderer Frauen. Das waren Frauen, die am Fließband ackerten und deren größter Wunsch es war, vielleicht mal irgendwo Privatsekretärin zu werden.

War Marlene eine Feministin?

BAUR: Sie hat sich interessanterweise ein Leben lang dagegen gewehrt, mit solchen Begriffen bedacht zu werden. Marlene hat gesagt: Bleiben Sie mir von der Hacke mit diesem Gewäsch von Emanzipation. Aber gelebt hat sie das sehr wohl. Marlene Dietrich brach in Berlin nur in Begleitung eines Dienstmädchens in die USA, in ein neues, unbekanntes Leben auf. Ohne Mann oder Manager bestieg sie einen Dampfer nach New York, servierte dort knallhart einen aufdringlichen Film-Bonzen ab und fuhr mit dem Zug weiter nach Hollywood.

Welche Eigenschaften musste eine echte Diva damals mitbringen?

BAUR: Außergewöhnlichkeit. Marlene war eine Aufbrecherin. Sie trug Hosen zu einer Zeit, in der man dafür als Frau auf offener Straße bespuckt und verprügelt werden konnte. Marlene hatte das Zeug zu einer Diva, weil sie etwas Neues verkörpert hat. In „Der blaue Engel“ verkörperte sie eine Frau mit einer sehr selbstbewussten Sexualität. In „Marokko“ trug sie einen Smoking und küsste eine Frau. Das war in den USA damals provozierend.

War die umschwärmte Dietrich ein einsamer Mensch, wie es der Titel Ihres Buchs nahelegt?

BAUR: Von außen betrachtet würde sie keiner für einsam halten, schon gar nicht, was Männer angeht. Im Besitz ihrer Tochter Maria Riva befindet sich eine Art Daily Reminder, in dem sie laut ihrem Enkel Peter Riva bis zu drei Liebhaber pro Tag aufgelistet hat. Dieses Notizbuch darf nach dem letzten Willen von Marlene Dietrich erst 25 Jahre nach dem Tod ihrer Tochter, die Jahrgang 1924 ist und noch lebt, veröffentlicht werden. Daran erkennt man das große Bedürfnis von Marlene Dietrich nach Diskretion. Aber: Die große Zahl ihrer Liebhaber widerspricht nicht ihrer großen Einsamkeit. Wir können Marlene in all ihren Reaktionen nur begreifen, wenn wir es annehmen, dass sie sich einsam fühlte – nicht zuletzt auch, weil sie ein Leben lang Heimweh hatte.

Warum war Marlene so einsam?

BAUR: Marlene war eine hochmoderne Netzwerkerin. Sie hatte in allen Städte ihre Freunde und Bekannten und wusste überall, in welches Restaurant man geht und wo sich wer mit wem trifft. Sie sorgte immer dafür, dass in dem Netz keine Löcher entstanden, durch die sie hätte fallen können. Deshalb hat sie auch den Kontakt zu ehemaligen Liebhabern nie abreißen lassen. Aber sie hat sich dennoch als ungeheuer einsam erlebt. Ihre Tochter meinte, das sei eine Attitüde. Nach ausgiebiger Vertiefung in Marlenes Briefwechsel komme ich zu einer anderen Ansicht. Durch ihre gesamte Korrespondenz zieht sich die Einsamkeit wie ein Leitmotiv. Niemand ist einsamer als ein extrem polygamer Mensch. Das Gefühl, einsam zu sein, erwächst auch aus dem Gefühl, unverstanden zu sein. Marlene war ihr ganzes Leben zutiefst verunsichert und von Selbstzweifeln geplagt. Das hat kaum einer nachempfinden können. Die wenigen, die das verstanden haben, denen hat sie sich anvertraut: Männer wie Erich Maria Remarque, Friedrich Torberg und Ernest Hemingway. Sie haben aber alle auch an Marlene gelitten, weil sie sehr sprunghaft und in einer gewissen Weise rücksichtlos war. Die drei wichtigsten Männer in Marlenes Leben – Gabin, Remarque und Hemingway – haben auch ihre Sehnsucht nach einem Vater bedient. Den, sagte sie, habe sie nie gehabt.

Nach einer späten zweiten Karriere zog sich Marlene Dietrich völlig zurück in ihre Pariser Wohnung. Warum?

BAUR: Das hatte mit dieser Unsicherheit zu tun. Sie war schon in den Erfolgsjahren der Grund für Marlenes Perfektionswahn: Sie fand sich weder schön noch schauspielerisch begabt. Als sie alt war, wollte sie sich nicht einmal den engsten Freunden zeigen. Sie dachte, sie sei nichts wert, als sie nicht mehr das Idol war, zu dem sie sich gemacht hatte – auch äußerlich. Der Rückzug war der Preis, ein hoher Preis, den sie dafür zahlte, ihr perfektes Bild nicht zu beschädigen.

Gibt es heute noch Stars, die den Namen Diva verdient haben?

BAUR: Eine Diva ist bereit, sich auf eine Weise zu stilisieren, die Distanz schafft. Heute will jeder Star als jemand gelten, der den Fans nahe ist. Ein Star zum Anfassen. In Wirklichkeit will das natürlich keiner. Niemand will auf der Rolltreppe von seinen Fans befingert oder am Flughafen mit Autogrammwünschen behelligt werden. Die Diva muss unerreichbar und unvergleichlich wirken.

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