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Exhibitionismus in zerwühlten Betten

Von Die Kunsthalle Schirn zeigt 30 Positionen zum Wandel dessen, was unter Intimspäre verstanden wird – eine Geschichte der Entblößung.
Privates öffentlich machen: Tracey Emins berühmtes "Bett" (1998), Kondome, zerknüllte Papiertücher und Unterwäsche inklusive.	Foto: Schirn Privates öffentlich machen: Tracey Emins berühmtes "Bett" (1998), Kondome, zerknüllte Papiertücher und Unterwäsche inklusive. Foto: Schirn
Frankfurt. 

Führt die Tür hinein oder heraus? Und wenn, dann wohin? Eine verschlossene Tür von Christian Marclay am Eingang, der auch der Ausgang ist, gibt Rätsel auf. Konfrontiert uns mit dem Wunsch, den jede verschlossene Tür weckt: sie zu öffnen. Immer lockt das Geheimnis, auch wenn es, was wahrscheinlich ist, banal wäre. Was erkennen wir, wenn wir uns für die privaten Dinge anderer interessieren? Wahrscheinlich nichts. Und doch sind die Klatschspalten dieser Welt voll intimer Beichten. Die Menschen geben im Internet ihr Leben preis, entblößen sich ohne Scham und Rücksicht, auch auf sich selber. Was ist es, was uns so unwiderstehlich zum Privaten hinzieht?

Die Frankfurter Schirn ruft "das Ende der Intimität" und die Epoche der "Post-Privacy" aus. Spätestens seit Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg, sagen Kunsthallen-Direktor Max Hollein und Kuratorin Martina Weinhart, ist das Ende der Privatheit mitten unter uns. Privatheit sei "nicht mehr länger eine soziale Norm" lautete Zuckerbergs lapidare Antwort auf Kritik an seiner Viele-Freunde-Plattform.

Alte Heimeligkeit

Ach, wie war es früher doch so schön: So traut das eigene Heim! Die Familie ein kuscheliges Nest! Jeder kennt sie, die verwackelt-zittrigen 16-Millimeter-Filme von glücklichen Urlauben und Kindergeburtstagen – Dokumente aus den in den 60ern und 70ern wie ein Bollwerk der Zufriedenheit gegen eine unwirtliche Außenwelt. So gut geht es uns – bitte nicht stören!

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten, und jene demonstrative "Wir-sind-wieder-wer"-Zufriedenheit, mit der die Schirn beginnt, schürt auch Unbehagen: bei denen, die ausgeschlossen sind, bei Randgruppen, Stigmatisierten, in unbürgerlichen Künstlerkreisen. Sie waren es, die ihre Privatleben zuerst nach außen kehrten, als Akt demonstrativen Protests, als Beunruhigungs- und Störtaktik wie bei Stan Brakhage, der 1959 die Geburt seines ersten Kindes filmte und daraufhin in Amerika mit der Pistole verfolgt wurde. Oder Andy Warhol, der seinen Freund John fünf Stunden lang beim Schlafen filmte.

Neue Gemeinschaft

Am Anfang der Entprivatisierung stand also der Protest derer, denen satte Behaglichkeit nicht in die Wiege gelegt war. Doch dann schlägt alles um, und damit hatte wohl niemand gerechnet: Zuerst wird es zur Lust, andere bloßzustellen wie bei Merry Alpern, die es in den frühen 90er Jahren fasziniert, in ein Wall-Street-Badezimmerfenster zu fotografieren. Kurz darauf wird die Selbst-Zurschaustellung zum Bedürfnis und zur Lust – ob in Chatrooms oder mit digitalen Fotoalben und Filmen.

Was aber geschieht, wenn Privatheit so selbstverständlich wird, dass die Öffentlichkeit keinen Anstoß mehr daran nimmt? Möglicherweise, das legen Ai WeiWeis fotografische Weblogs ebenso nahe wie jene Internet-Fotografien von Menschen, denen in U-Bahnen schlafend die Gesichtszüge entgleisen (Mark Wallinger, 2010), schafft die Preisgabe persönlicher Momente neue Gemeinschaft und Wärme. Wer sich bloßstellt, ist nicht länger allein. Ist das eine neue Geborgenheit jenseits der Intimität?

Möglich ist dies, und die aktuelle Schirn-Schau regt mannigfach an, darüber nachzudenken. Sie selber legt sich nicht fest, sondern stellt Fragen: Wie reagiert die bildende Kunst auf die neue Privatheit im öffentlichen Raum? Und wie sind wir überhaupt dorthin gekommen? Mit exemplarischen Positionen zeichnet die Ausstellung Wege nach. Ihre Interpretation überlässt sie jedoch den Betrachtern. Mit guten Gründen: Denn wohin die Tür ins Reich der Privatheit führt, ist nach wie vor unklar. Dass sie verlockend ist, steht jedoch außer Frage.

Kunsthalle Schirn, Römerberg, Frankfurt. Bis 3. Februar 2013, Di bis So 10–19 Uhr, Mi und Do 10–22 Uhr. Eintritt 7 Euro. Telefon (069) 299 88 20.

Internet www.schirn.de

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