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Familienroman gewinnt Deutschlands wichtigsten Branchenpreis

Zum ersten Mal seit fünf Jahren bekommt wieder eine Frau den Deutschen Buchpreis - für einen auf der Ferieninsel Teneriffa angesiedelten Roman. In ihrer Rede dankt die Gewinnerin ihrer entlassenen Verlegerin.
Die Autorin Inger-Maria Mahlke ist Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2018. Foto: Arne Dedert Die Autorin Inger-Maria Mahlke ist Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2018.
Frankfurt/Main. 

Inger-Maria Mahlke hat nach eigenen Worten keine große Rede vorbereitet. Als sie am Montagabend im Frankfurter Rathaus den Deutschen Buchpreis entgegennimmt, dankt sie dann aber doch all denen, die wissen, „dass es einen Unterschied zwischen Büchern und Joghurt gibt”.

Bücher - so die Überzeugung der 40-jährigen Autorin - können anders als Joghurt immer noch „existenzielle Erfahrungen” für Leser ermöglichen. Das hat Mahlke mit ihrem Buch „Archipel” versucht. Der Roman wurde in Frankfurt am Vorabend der Buchmesse von einer Jury zum besten deutschsprachigen Roman des Jahres gekürt.

Mahlke hat die Blumeninsel Teneriffa am Rande unseres Kontinents gewählt, um von dort aus die Geschichte mehrerer europäischer Familien miteinander zu verweben. Es geht darin um ein ganzes Jahrhundert, von 1919 bis zur Gegenwart.

Angesiedelt ist der Roman im Ort La Laguna, wo Mahlkes Mutter geboren ist. Im Buch geht es um drei Familien aus unterschiedlichen sozialen Klassen, in denen die Geschichte Spaniens Brüche und Wunden hinterlässt. Die Jury lobt die schillernden Details im Roman und spricht von einem „eindrücklichen Ereignis”.

General Franco hatte 1936 in Teneriffa seinen Putsch gegen die spanische Republik begonnen - dort hat Mahlke einen Teil ihrer Kindheit verbracht. „Gerade hier verdichten sich die Kolonialgeschichte und die Geschichte der europäischen Diktaturen im 20. Jahrhundert”, urteilte die Jury weiter.

Das Ungewöhnliche am Buch ist aber seine rückwärts gerichtete Erzählweise. Mahlke geht nicht chronologisch vor, sondern beginnt im Sommer 2015. Damit verstößt sie praktisch gegen alle literarischen Konventionen, was die Lektüre für den Leser zu einer Herausforderung macht. Auch wenn es viel Lob gab, konnte sie mit dieser Herangehensweise nicht alle Kritiker überzeugen.

Dass die Berlinerin letztlich den Preis bekommen hat, ist dennoch keine Überraschung. Sie gilt seit langem als außergewöhnliches Talent. Außerdem gab es unter den sechs nominierten Autoren in diesem Jahr keinen echten Favoriten. Über alle Bücher wurde aber in den vergangenen Wochen heftig in Feuilletons und Buch-Blogs gestritten.

Mit Mahlke gewinnt zugleich erstmals seit 2013 wieder eine Frau den wichtigsten Buchpreis des Landes. Schon auf Long- und Shortlist standen mehr Frauen als Männer. „Das war keine Absicht”, sagt bei der Verleihung Jurysprecherin Christine Lötscher - weist aber auch darauf hin, dass die meisten Leser Frauen seien.

Pech für Maxim Biller („Sechs Koffer”) und Stephan Thome („Gott der Barbaren”) - die beiden Männer, die auf der Shortlist standen. Thome sogar zum dritten Mal. Ebenfalls nominiert waren Maria Cecilia Barbetta („Nachtleuchten”), Nino Haratischwili („Die Katze und der General”) und Susanne Röckel („Der Vogelgott”).

Für Mahlke selbst, die in Lübeck aufwuchs, ist der Preis letztlich Lohn harter Arbeit. Sie hat eigentlich an der FU Berlin Jura studiert und dort schon am Lehrstuhl für Kriminologie gearbeitet, bevor sie alles hinwarf, um sich mit dem Schreiben ihrer Lieblingstätigkeit zu widmen. 2005 hatte sie an einer Werkstatt für Nachwuchsautoren mit der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller teilgenommen.

Fünf Jahre später erschien ihr hochgelobtes Debüt „Silberfischchen”. Mit dem historischen Roman „Wie ihr wollt” über die kleinwüchsige Mary Grey - einer Cousine von Königin Elizabeth I. - im England des 16. Jahrhunderts schaffte sie es bereits 2015 auf die Shortlist für den Buchpreis. „Archipel” ist ihr inzwischen vierter Roman.

In ihrer Dankesrede im Frankfurter Römer beschäftigt sich die Autorin aber nicht nur mit Joghurt, sondern auch mit ihrer geschassten früheren Verlegerin Barbara Laugwitz. Ihr dankt sie für ihre „harte Arbeit” und ihre Begeisterung für ihre Autoren. Es ist eine Solidaritätsadresse für Laugwitz, deren Entlassung zahlreiche prominente Rowohlt-Autoren in den vergangenen Wochen auf die Barrikaden gebracht hat.

(Von Thomas Maier, dpa)
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