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EZB-Kulturtge: Familientableau „Kein schöner Land“: Alles flüchtig, alles nichtig

Von Mit dem Familientableau „Kein schöner Land“ in Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt landeten die EZB-Kulturtage ein Glanzstück ihrer Deutschland-Auflage 2016.
Eine schrecklich nette Famillie im Frankfurter Schauspiel. Foto: Birgit Hupfeld Eine schrecklich nette Famillie im Frankfurter Schauspiel.
Frankfurt. 

Konzept und Titelliste des Liederabends mit Handlungsfaden stammen von Lydia Steier. Die in Deutschland lebende US-Opernregisseurin ließ sich ihren Dramen-Plot nach Michel de Ghelderodes absurder „Ballade vom großen Makabren“ von einem Jungdramatiker, Frederik Laubemann, schreiben. Wozu nur Opern inszenieren, wenn man sich sein Musiktheater selbst basteln kann?

Was in Steiers Ghelderode-Lesart passiert: Eine deutsche Kernfamilie aus Vater Helmut (Robert Gallinowski) und Mutter Rosi (Franziska Junge), Sohn Peter (Owen Peter Read) und Tochter Lilly (Carina Zichner) lebt zwar ohne Hund, doch eingerahmt von der schwarzen Haushaltshilfe Olfa (Yodit Riemersma) und dem Obdachlosen Hobo (Till Weinheimer), ein Schaufensterleben. Die Oberfläche: harmonische Kitschfarben, politische Korrektheit, fadenscheinige Weltoffenheit, soziale Umgänglichkeit, Erfolg im Beruf, Fatsuits, dazu veraltete Haar- und Kleidermoden für den Generationsunterschied. Gleich unter der aufgesetzten Fröhlichkeit rumort es. Rosi trinkt, wirft Pillen ein und ist frustriert. Papa Helmut muss sich sexuell fernhalten, wirft aber Olfa und der Tochter lüsterne Blicke zu. Peter mimt den markigen Sportler und zieht sich heimlich Frauenkleider an. Was mit Lilly los ist, zeigt sich, als die Apokalypse eintritt.

Enthemmtes Pärchen

Der anfliegende Komet, der die Erde zerstören wird, erweist sich zwar rasch als Internet-Scherz, der die ganze Welt zum Narren hielt. In Erwartung des Untergangs stellt sich zuvor aber Verzweiflung ein. Also wird der Hobo zum Propheten, die Tochter mit dem Vater zum enthemmten Liebespärchen, der Sohn zur Dragqueen – zur je passenden Musik. Aus einer Partynacht der Perfekten wird so erst die Apokalypse, vom Hobo besungen mit der Bassarie aus Bachs Kantate „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig“ („An irdische Schätze das Herze zu hängen,/ ist eine Verführung der törichten Welt.“), dann ein Karneval der Lüste, endlich – die Farce.

Vorab hatte Steier die Bühne Flurin Borg Madsens als Wohnhaus aus hingeschredderten Räumen umrissen. Kommt hin, allerdings ergeben die offenen, ans Publikum vorgerückten Räume mit gelackter Kachel-Küche in der Mitte, herzig-rosafarbenem Mädchenzimmer rechts, Jungens-Mansarde mit Fußball-Bettdecke links oben und Schlafzimmer plus Balkon eine freundliche Fassade: Familie Mustermann bis hin zum Mülltrenner vor der Tür, stets nett zu „ihrem“ Penner und Olfa, die dem Hobo als Brosamen vom reich gedeckten Tisch Bio-Reste zuschanzt. Zwar leuchten ab und zu die bunten Glühbirnen an den Raumkanten auf, auch strahlt ein himmelblauer „Simpsons“-Himmel mit starren Schäfchenwolken durchs Küchenfenster, sonst aber ist es mit der Comic-Assoziation nicht so weit her. Zu sehr ist alles auf Schein und Zerfall programmiert.

Genremäßig reicht „Kein schöner Land“ vom Volkslied über Bach bis zu Schlagern der Vor- und Nachkriegszeit und zur Operette, wobei die Arrangements Niclas Ramdohrs und seine kleine Kombo mit E-Kontrabass, Bass, leichter Percussion mit viel Jazzbesen und so fort jazzige sowie Klassik-affine und überfröhliche Tonlagen pflegen. Der faule Zahn Schlager wird erfolgreich gezogen.

Ein Song, „Lady Sunshine and Mister Moon“, stammt vom Frankfurter Jazzpionier Heinz Gietz, der später noch den Nachkriegsschlager mitprägte, ein anderer, „Glück/Fun in Acapulco“, aus dem Repertoire Elvis Presleys in deutscher Version. Die Idee zum deutschen Liederabend keimte auf, weil Intendant Oliver Reese eine Arbeit Steiers wollte und der Blick auf die „Kulturtage“ schon dabei war, Steier sich beschwatzen ließ und die Geschmäcker sich vermengten. Die Maßgabe deutschen „Liedguts“ wird mit musikalischem Geschmack und Humor erfüllt, was alte „Heintje“-Titel wie „Kleine Kinder, kleine Sorgen“ und Telefonseelsorge à la Vicky Leandros („Ich bin für dich da“) ebenso einschließt wie „Isoldes Liebestod“.

Gleichwohl kommt es in der Auswahl zu hintergründigeren Entscheidungen. Zarah Leanders „Davon geht die Welt nicht unter“ passt so sehr zum Stück, dass man kaum über die Leander als höchstbezahlten NS-Filmstar nachdenken mag. Doch stammt auch „Wir“ von einem Komponisten und „Kulturwart“ der Nazis (Lotar Olias), dem Letztere ebenso lieb und teuer waren wie umgekehrt, und der (außer für Freddy Quinn) zuvor einen „SA-Totenmarsch“ schrieb. Mit dem Operetten-Aussteiger „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“ von Paul Abraham sowie dem Intro „Irgendwo auf der Welt“ ergibt das eine wilde Mischung. Helge Schneiders „Käsebrot“ und andere motivieren ironisch konkret die Handlung und hellen alles auf. Schöner Abend voller Hintersinn.

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