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Fantastische Winterreise endet in der Hotel-Lobby

Von Das Hessische Staatsballett tanzt unter der Choreografie von Tim Plegge in Wiesbaden die Geschichte des Wanderers aus Franz Schuberts Liederzyklus.

Er ist ein rastloser Wanderer. Doch in Tim Plegges Ballett „Eine Winterreise“ findet die Begegnung mit dem Protagonisten aus Franz Schuberts berühmtem Liederzyklus nicht irgendwo in der Natur, sondern in der Lobby eines in die Jahre gekommenen Hotels statt. Hier hat ein koboldhafter Portier (Masayoshi Katori) das Sagen, der sich in seiner violetten Pagen-Uniform aalglatt windet, sich für die Wünsche der Gäste verrenkt und doch derjenige ist, der dank der Schlüsselgewalt die Macht innehat.

Die von Sebastian Hannak entworfene Szenerie, die der Choreograf des Hessischen Staatsballetts für sein neues Werk im Großen Haus von Wiesbaden gewählt hat, drängt sich bei den Worten Wilhelm Müllers und den Klängen Schuberts nicht unbedingt auf. Sie nimmt der Vorlage sogar etwas von der eindringlichen Romantik. Gleichzeitig steht sie für die Situation des Umherirrenden, der ankommt, ohne bleiben zu können, den es weiterzieht, ohne zu wissen, wohin. Den Mann, der sich erst von seiner Liebe und dann von seinem Leben verabschiedet, gibt es gleich zweimal. Der Tenor Simon Bode leiht ihm seine lyrische Stimme, nicht am Rande stehend, sondern mittendrin, in die Handlung, die Bewegungen der anderen einbezogen und doch in ihnen ruhend. Die Verkörperung des unglücklichen Suchenden übernimmt Ramon John. Mit seiner für einen Tänzer hochgewachsenen Figur, seiner großen Flexibilität in den langen Extremitäten und der daraus resultierenden Eleganz hebt er sich von den anderen Gestalten auf der Bühne deutlich ab. Im Pas de Deux mit Katori verschmelzen die beiden so ganz unterschiedlichen Körper zu einer harmonischen Einheit.

Die meisten der anderen Künstler stellen die inneren Eigenschaften des Wanderers dar, die leichtfüßige Unschuld (Elisabeth Gareis) etwa oder die beißende Kälte (Tatsuki Takada), die in seinem gebrochenen Herzen herrscht. Man kann sie bekämpfen, zurückdrängen, hinter die gläserne Eingangstür verbannen, doch der Herbststurm weht sie wieder herein. Immer wieder taucht auch das Mädchen (Kristin Bjerkestrand) auf, mehr blasser werdende Traumfigur als lebendige Erinnerung.

Der knapp zweistündige, aber wie eine Nachtgestalt vorbeihuschende Abend ist zweigeteilt: Den noch lichten Momenten folgen dunklere, Schwarz und Grau übernehmen in Gestalt von Visionen die Herrschaft. Plegge formt aus seinem Ensemble schaurig-schöne Bilder, lässt seinen traurigen Helden im schillernden Regen stehen. Doch bei aller Fantastik, die sich in dem Werk widerspiegelt, hat der Berliner das reine Versinken in märchenhaften Illusionen doch gescheut. Nicht Schuberts Original, sondern eine „komponierte Interpretation“ des Frankfurters Hans Zender bildet unter der musikalischen Leitung von Benjamin Schneider die Basis für diesen poetischen Abend. Sie lässt den Schnee knirschen, die Zähne klappern und den Wind heulen. Den Wanderer aber begleitet sie damit auf gutem Weg in die Moderne.

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