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Ausstellung in Wiesbaden: Farbe ist wie flüssiges Licht - abstrakte Malerei von Joseph Marioni

Der Amerikaner konzentriert sich nur auf Farbe und Licht, wie seine erste europäische Übersichtsschau zeigt. Diese streng reduzierte Malerei wird deshalb auch als radikal bezeichnet.
Ein Blick in die Ausstellungsräume: Marionis fast monochrome Bilder leuchten aus sich heraus. Der Künstler will der Farbe ein Angesicht geben, sie zu ihrem je eigenen Ausdruck bringen. Ein Blick in die Ausstellungsräume: Marionis fast monochrome Bilder leuchten aus sich heraus. Der Künstler will der Farbe ein Angesicht geben, sie zu ihrem je eigenen Ausdruck bringen.
Wiesbaden. 

Farbe ist flüssiges Licht, meint Joseph Marioni. Folglich lässt der 75-jährige Künstler die Farben erst einmal laufen, damit sie am unteren Bildrand ausfransen oder Nasen bilden. Eine pure oder radikale Malerei, rein abstrakt, ohne jede erkennbare Figur. Dem Amerikaner gilt jetzt im Museum Wiesbaden eine Überblicksschau von 35 Bildern aus 48 Jahren, von 1970 bis 2018. Der Ausstellungstitel „Liquid light“ verrät schon sein starkes Interesse an der Farbe als flüssigem Licht.

Seltene Gelegenheit

Ausdrücklich bezeichnet Joseph Marioni die Schau nicht als Retrospektive, dafür sei sie zu klein. Ohnehin ist der Künstler nicht populär, seine letzte große Schau fand 1998 in Boston statt. Auch in Europa ist er zwar zahlreich in Sammlungen vertreten, er tritt aber kaum mit Soloschauen in Erscheinung. Die Wiesbadener Ausstellung ist folglich eine seltene Gelegenheit, sein Werk besser kennenzulernen – es handelt sich um die erste europäische Retrospektive, die bis 14. Oktober läuft.

Bei längerem Betrachten scheinen in den Bildern immer mehr Schattierungen auf, vor allem dank der in vielen Schichten aufgetragenen Farbe und der Hochglanzeffekte. Bild-Zoom
Bei längerem Betrachten scheinen in den Bildern immer mehr Schattierungen auf, vor allem dank der in vielen Schichten aufgetragenen Farbe und der Hochglanzeffekte.

Joseph Marioni geht es nur um die Farbe, um deren Verlauf und Ausdehnung auf der Leinwand. Und das Licht spielt dabei die wichtigste Rolle, bricht sich doch die Farbe bei Lichteinfall. Es ist ein Wechselspiel, das der Betrachter steuern kann durch wechselnde Positionen vor den Bildern, die von schmutzigem Weiß über Dunkelgrün bis Blutrot reichen. Zu sehen gibt es also außer 35 farbigen Flächen erst einmal nicht viel, wenn man keine Muße zum Sich-Vertiefen hat. Die stillen Gemälde bieten also einen Ort der Selbsterfahrung. Aber neben Farbe und Licht geht es auch um Bewegung, Struktur, Stofflichkeit, Raum und Zeit.

Chronologisch aufgebaut

Bei oberflächlichem Blick neigt vielleicht manch einer sogar zum vorschnellen Urteil, Marioni würde ja immer sehr ähnliche Bilder malen. Aber der Künstler ist ganz anderer Meinung, er sieht seinen Weg noch lange nicht als abgeschlossen an – der in der Schau glücklicherweise chronologisch dokumentiert wird. Marionis fast monochrome Bilder leuchten aus sich heraus, er will der Farbe ein Angesicht geben, sie zu ihrem je eigenen Ausdruck bringen. Das gelingt ihm, indem er sie mit der Walze aufträgt oder sie einfach die Leinwand von oben nach unten laufen lässt und erst auf den letzten Zentimetern aufhält. Der untere Rand ist folglich der interessanteste Teil des Bildes.

Marioni setzt auch noch andere kleine Tricks ein, um den Betrachter fast unbemerkt zu beeinflussen. Er neigt nicht nur leicht die Leinwand zum Betrachter, auch der Rahmen oder die Leinwand ist mal sanft abgerundet, mal voller scharfer Kanten. Gelegentlich wird sogar der Rahmen bemalt, damit sich das Bild in den Raum ausdehnt. Jedes der 35 Gemälde – die meisten kommen aus Marionis Studio – sieht folglich ganz anders aus.

Bei längerem Betrachten scheinen in den vermeintlich nur monochromen Bildern immer mehr Schattierungen auf, vor allem dank der in vielen Schichten aufgetragenen Farbe und der feinen Hochglanzeffekte.

Kein Tröpfeln

Es ist also kein unkontrolliertes oder spontanes Arbeiten, kein Tröpfeln oder Verschütten der Farbe, wie das der ungleich berühmtere Jackson Pollock machte. Vielmehr arbeitet Joseph Marioni eher kontemplativ. Und er muss viele Entscheidungen fällen vor dem nächsten Bild. Wenn er eine Farbe auswählt, wechselt er immer Format und Größe des Bildes, die Textur der Leinwand und den Auftrag der Farbe. Neuerdings tragen die Bilder auch Titel wie „Erde“, „Gold“ oder „Blut“, denn Farbe hat nicht nur für Marioni viel mit Emotionen zu tun. Und da er zeigen will, dass andere Künstler ähnlich arbeiten, lud er Peter Tollens, Michael Toenges und Ulrich Wellmann dazu ein, auch einige Werke auszustellen.

Ohnehin ist die ungegenständliche oder konzeptuelle Malerei ausführlich im Museum Wiesbaden vertreten, schon seit rund 30 Jahren, wie Kurator Jörg Daur anmerkt. Marioni ist also in Wiesbaden gut aufgehoben, auch noch aus einem anderen Grund. Sein Patenonkel war Walter Farmer, der nach 1945 den „Central Collecting Point“ der Amerikaner in Wiesbaden leitete und sich um die Rückgabe der Kunstwerke an ihre Besitzer kümmerte – so weit das eben damals bei den Nachkriegswirren möglich war. So lernte Marioni schon früh Wiesbaden kennen.

Museum Wiesbaden

Friedrich-Ebert-Allee 2. Bis 14. Oktober, geöffnet Di/Do 10 bis 20 Uhr, Mi und Fr–So 10 bis 17 Uhr. Eintritt
10 Euro. Katalog erscheint im August. Telefon (06 11) 3 35 22 50. Internet www.museum-wiesbaden.de

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