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Interview: Felix Brummer von der Band "Kraftklub" über den Zusammenhang von Rockmusik und Rebellion

Mit ihrem neuen Album „Keine Nacht für Niemand“ ist die Rockband „Kraftklub“ derzeit auf Tour. Heute Abend macht sie in der Frankfurter Festhalle Station.
Die fünf Jungs der Chemnitzer Band „Kraftklub“ nehmen in ihren Songs kein Blatt vor den Mund. Die fünf Jungs der Chemnitzer Band „Kraftklub“ nehmen in ihren Songs kein Blatt vor den Mund.

„Kraftklub“ aus Chemnitz sind zur Stimme ihrer Generation geworden. Sie gelten als die letzten Helden der deutschsprachigen Rockmusik. Auf ihrem dritten Studioalbum „Keine Nacht für Niemand“ beziehen sie politisch unkorrekt Stellung gegen Wutbürger und Verschwörungstheoretiker. Sarkastisch versetzen die Mittzwanziger sich in die Gedankenwelt von Drogenabhängigen, Fans und Liebeskranken und unterhalten ihre Hörer charmant und böse zugleich mit brandneuen Geschichten. Olaf Neumann sprach mit Sänger Felix Brummer in Berlin. Heute Abend steht die Band in der Frankfurter Festhalle auf der Bühne: Ausverkauft.

„Keine Nacht für Niemand“ ist eine Anspielung auf den „Ton-Steine-Scherben“-Klassiker „Keine Macht für Niemand“. Sehen Sie sich in der Tradition von Musikern vergangener Generationen?

FELIX BRUMMER: Wir wollen in niemandes Fußstapfen treten. Die ganze Platte ist gespickt mit Reverenzen an Bands, die uns beeinflusst haben. Der Texter Rio Reiser und die Band „Ton Steine Scherben“ waren Wegbegleiter unserer eigenen musikalischen Sozialisation. Nur wenige haben in deutscher Sprache so großartige Sachen hervorgebracht wie er.

Die Musik der „Scherben“ wurde zum Soundtrack der Rebellion. Geht es in der Rockmusik heute noch um Rebellion?

BRUMMER: Auf unserem Debütalbum war ein Song, der davon handelte, dass man nichts mehr hätte, wogegen man rebellieren kann. Dass alle Schlachten schon geschlagen worden seien von unseren Eltern. Aber ehe man sich’s versieht ...

Müssen Künstler heute notwendig auch politisch Stellung beziehen?

BRUMMER: Schon am Anfang haben wir für uns festgestellt, es funktioniert nicht, eine unpolitische Band zu sein, wenn man aus fünf sehr politischen Menschen besteht. In diesen Zeiten keine Haltung zu zeigen, halte ich für entlarvend.

„Spring aus dem Fenster für mich“ ist ein Aufruf, sich zu engagieren. Wie kamen Sie auf diese Zeile?

BRUMMER: Die Texte auf diesem Album sind etwas drastischer als bisher. Natürlich ist diese Aussage verkürzt auf die Pointe: „Wenn du doch etwas erreichen willst für dein ach so geliebtes Vaterland, dann spring doch aus dem Fenster für mich!“ Das ist fies und gemein, aber in dem Kontext hat es für uns funktioniert. Darauf wurde uns geschrieben, wir könnten doch niemanden aktiv zum Selbstmord auffordern! Leider wird Kunst manchmal von Leuten anders aufgefasst, als sie gemeint ist.

Wobei nicht ganz klar wird, ob dieser Song ironisch oder im Subtext auch ein bisschen ernst gemeint ist.

BRUMMER: Das ist immer schwierig zu erklären. Der Song ist eigentlich ein Aufruf, sich zu engagieren, aber tatsächlich ist er das Gegenteil davon. Er nimmt die groteske Perspektive des Wut- und Reichsbürgers ein, der zu Hause Waffen hat und sich in den Kommentarspalten beim „Spiegel“ auslässt: „Die Staatsmacht unternimmt ja nichts mehr, aber irgendjemand muss doch mal etwas gegen diese ganzen Ausländer hier tun. Wie wär’s denn, wenn ich jetzt mal mit einem Molotowcocktail zum Asylbewerberheim gehe?“ Aber im Subtext ist der Text auch ein Aufruf, sich gegen Wutbürger zu engagieren.

Bekommen Sie auch Reaktionen von der falschen Seite?

BRUMMER: Ein AfD-Fritze hat sich bei Twitter bedankt für die inspirierenden Worte dieses Liedes. Ich weiß nicht, ob er es ironisch gemeint hat, aber wenn man breit Musik veröffentlicht, muss man sich bewusst machen, dass man auch von Idioten gehört wird.

„Dein Lied“ ist eine musikalische Abrechnung mit der Ex. Welche Reaktionen bekommen Sie auf diesen bitterbösen Song?

BRUMMER: Viele positive und viele negative. Ich habe das Gefühl, dass manche Leute mit diesem Lied überfordert sind, weil es nicht von einem bösen Rapper stammt, sondern von einer Band, von der sie höchstens ein romantisches Liebeslied erwartet hätten. In dieser Überforderung neigen sie dazu, den Song ernst zu nehmen und nicht zu dem naheliegenden Schluss zu kommen, dass es sich hierbei um Kunst handelt. Es gibt nämlich eine Abgrenzung zwischen dem Autor und dem Protagonisten.

Ist diese Abgrenzung in Ihren Songs immer offensichtlich?

BRUMMER: Wir sind ja vorher noch nicht als Sexisten oder Chauvinisten aufgefallen. Hier wird einfach nur die Perspektive eingenommen von einem verzweifelten, gebrochenen Typen. Er versucht, sich weis zu machen, dass er mit der Trennung erwachsen umgehen kann, auch wenn über ihm alles zusammenbricht. Und dann bricht sich die schlimmste Art Bahn, wie er seine Ex schmähen kann. Es gibt diese feministische Grundhaltung: Eine Frau als Hure zu bezeichnen, ist per se verboten.

Wie stehen Sie dazu?

BRUMMER: Bei Verboten stellen sich mir wiederum die Haare auf. Es kommt eben auf den Kontext an. Ein Schimpfwort an sich hat den Zweck, jemanden zu entmenschlichen. Mir geht es mit dieser Rachefantasie darum, die Gefühlswelt von so einem Typen zu zeichnen. Natürlich ist dieses Lied politisch unkorrekt, aber authentisch.

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