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„Unter deutschen Betten“: Flotte Feger wirbeln im Schlafzimmer Staub auf

Von Angeregt von einem Buch des Autors Holger Schlageter folgt Regisseur Jan Fehse dem Abstieg eines Starlets ins Reich der Reinigungskräfte.
Schlagersängerin Linda (Veronica Ferres, links) muss sich mit Putzfrau Justyna (Magdalena Boczarska) gutstellen. Foto: Hagen Keller (Twentieth Century Fox) Schlagersängerin Linda (Veronica Ferres, links) muss sich mit Putzfrau Justyna (Magdalena Boczarska) gutstellen.

Unter deutschen Betten findet sich neben angesammelten Staubflusen und fallengelassener Reizwäsche auch sonst so manches, das Auskunft gibt über den Lebenswandel der Matratzennutzer. Das Schlafzimmer als Fahndungsort für Seelenkundler und Gesellschaftswissenschaftler: Das hat was. Ganze Kinosatiren könnten sich hier auftun oder Episodenwerke nach Art von „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ über die Momente, in denen die Liebe oder das Ruhebedürfnis ihr Recht verlangen und sich doch nur Peinlichkeit einstellt, wenn nicht eine stille Verlegenheit, gut geeignet für die Beobachtungsgabe eines einfühlsamen Filmemachers.

Sobald freilich Veronica Ferres unter die Betten schaut, sieht man: gar nichts! Weil Veronica Ferres die Sicht versperrt. Sie ist zu blond, zu schön, zu schick, als dass man den Blick von ihr wenden und zu Boden richten könnte, auf das, was dort liegt. Das Beweisstück eines fröhlichen ehelichen Betrugs etwa, das Indiz einer quälenden Schlaflosigkeit oder die Hinterlassenschaft eines kühnen Traums, der in der Wirklichkeit begonnen hatte und in einem Alb sein jämmerliches Ende fand.

Skandale einer Nation

Notgedrungen „Unter deutschen Betten“ nachgeguckt hatte einst die Putzfrau Justyna Polanska, deren Buch sich als Skandalbericht über eine ganze schmuddelige Nation verkaufte. Hinter der vermeintlichen polnischen Verfasserin, die 1989 nach Offenbach gekommen sein soll, steckte allerdings ein Autor aus Groß-Umstadt, Jahrgang 1973: Holger Schlageter. Er notierte, was ihm verschiedene Reinigungskräfte erzählt hatten und machte ein mehr oder minder stichhaltiges Protokoll daraus. Irgendwann wurde es zum Teil eines Drehbuchs und nun, unter der Regie des Münchners Jan Fehse („Storno“), zur Kinokomödie.

Darin spielt Veronica Ferres zunächst die Schlagersängerin Linda Lehmann, die nach dem Vorbild von Helene Fischer im Glitzerkleid von „Tausend Sternen über dir“ trällert. Nach dem ersten Hit aber stürzt Lindas Karriere so ab wie die künstliche Rakete, auf der sie über die Bühne flog. Zudem hat ihr Produzent und Lebensgefährte was Jüngeres aufgetan. Er ist ein Vulgär-Macho wie aus dem Dieter-Bohlen-Reich (Heiner Lauterbach als Sehenswürdigkeit). Linda muss folglich aus der Kitsch-Villa ausziehen und sich mit der polnischen Putzfrau Justyna Polanska (Magdalena Boczarska) verbünden, um noch an den Schlüssel fürs Tonstudio zu kommen. Die Gegenleistung: ein paar Stunden Hausreinigung.

Als Putzfrau wie gesagt ist Veronica Ferres ein allzu flotter Feger, und auch schauspielerisch schafft sie es nicht, sich von der verwöhnten Sangesfee in die illegale Sauberfrau aus dem Sozialwohnungsbau zu verwandeln. Dass Hochmut vor dem Fall kommt, dient grundsätzlich als Vorlage für die Dramaturgie dieses Films. Doch geht es in ihm auch zwischendurch etwas ungelenk rauf und runter. Oben zeigt sich pointierter Witz, für den etwa Milan Peschel und Simon Schwarz als ausgebuffte Musikprofis sorgen, unten lauert die Klamotte, in der sich Veronica Ferres erneut als großer Zweifelsfall des deutschen Films erweist. Sie ist beliebt wie sonst was und gut für mancherlei Liebesfilme im Fernsehformat, aber ihr Talent zur Charakterkomödiantin ist eher für den Wischeimer bestimmt.

Rache mit Schrubber

Seit Inge Meysel in „Ein Kleid für Dior“ die Londoner Putzfrau Doris Harris mit Schrubber und Schlagfertigkeit ausstattete, gilt ja die Haushaltshelferin als ebenso resolute wie herzliche Kämpferin gegen eine sittlich verwahrloste Oberklasse. Sogar Jennifer Aniston ist in „Freunde mit Geld“ schon als Putzfrau durch die Luxuswohnungen von Los Angeles gewedelt. Insofern muss mit „Unter deutschen Betten“ noch nicht die letzte Klappe für diesen Berufsstand gefallen sein. Es gibt noch viel zu tun für Filmleute, denn Neugier ist die Rache der Reinigungskraft. Annehmbar

In diesen Kinos

Frankfurt: Cinestar, E-Kinos, Metropolis. Sulzbach: Kinopolis. Limburg: Cineplex. Offenbach: Cinemaxx. Hanau: Kinopolis. Mainz: Cinestar

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