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Farewell-Tour: Folk-Legende Joan Baez gab ein bewegendes Konzert in der Alten Oper

Von Die Königin des Folk und der Protestsongs begeisterte ihr Publikum im ausverkauften Großen Saal auf ihrer Abschiedstournee mit Charisma, Herzenswärme und musikalischen Botschaften gegen Rassenhass, Umweltzerstörung und amerikanischen Waffenwahnsinn. Ein paar Geschenke für ihre deutschen Gastgeber hatte sie auch im Gepäck.
Die Gitarre und das Publikum fest im Griff: Joan Baez begeisterte  in der Alten Oper. Foto: Julian Sajak Die Gitarre und das Publikum fest im Griff: Joan Baez begeisterte in der Alten Oper.

Schlank und fit, in dunkler Jeans und weißer Bluse mit sportlichen Ärmelstreifen, kommt die 77-jährige Künstlerin mit „The Times They Are A-Changing“ ihres Ex-Geliebten Bob Dylan gleich zur Sache: „Ich widme dieses Lied den Überlebenden der Schießerei an der Stoneman Douglas High School – und ihren Kampagnen gegen die Waffenlobby der USA“, klinkt sie den alten Protestheuler flugs in die tagespolitische Agenda ein. Wie um zu zeigen, dass das hier kein Nostalgie-Abend für sentimentale Säcke ist und sie auch im Rentnerinnen-Alter relevant bleibt.

Monumentale Zeitzeugin

Als „Fare-Thee-Well-Tour“ hat sie ihre Konzertserie apostrophiert, auch wenn sie auf Zusatzkonzerten in Frankfurt, Hamburg und München im Februar 2019 noch einmal zu sehen sein wird. Das Feld für ihren Abgang mit Stil hat die „Queen of Folk“ bestens bestellt. Im vergangenen Jahr erhielt sie mit der Aufnahme in die „Rock ’n’ Roll Hall of Fame“ den längst überfälligen Ritterschlag der Branche und legte gerade mit „Whistling Down The Wind“ ein vielgelobtes Album vor, auf dem sie geschmackssicher die Lieder alter Meister wie Tom Waits und talentierter Nachwuchskräfte interpretiert.

Begehrte Interwiewpartnerin ist sie ohnehin; ob als leidenschaftliche Trump-Gegnerin oder monumentale Zeitzeugin, Weggefährtin Martin Luther Kings und Geliebte Bob Dylans und Steve Jobs’.

In Frankfurt beeindruckt Baez vor allem durch ihre Bühnenpräsenz und ihre Publikumsnähe, die die Alte Oper gefühlt zur Musik-Kneipe schrumpfen lässt. Das Erstaunliche: Zwar ist ihre einst glockenhelle Stimme um eine ganze Oktave gesunken, hat deutlich an Kraft und Umfang eingebüßt. Doch die Sängerin macht eine Tugend daraus; meidet meist weise die Höhen und bleibt im mittleren Register, das sie mit umso mehr Ausdruck und Wärme zu füllen vermag. Und falls es im Falsett dann doch mal kratzt, so berührt das ähnlich wie bei Emmylou Harris, der anderen großen Americana-Sängerin ihrer Generation.

So trägt der tiefergelegte Sopran im Zusammenspiel mit filigranem Folkpicking nach über 60 Jahren immer noch die mit sicherem Gespür ausgesuchten Friedenshymnen: moderne („The President Sang Amazing Grace“ von Zoe Mulford) wie klassische („There But For Fortune“ von Phil Ochs). Der Intimät förderlich ist auch die Wahl der Band: Denn wie schon vor eineinhalb Jahren im Hanauer Schlosspark stehen ihr lediglich Multi-Instrumentalist Dirk Powell, ihr Sohn Gabriel Harris und Sängerin Grace Stumberg zur Seite.

Alle dürfen sie glänzen und erhalten Szenenapplaus: Powell unterfüttert die Gewerkschaftshymne „Joe Hill“ mit majestätischen Klavierakkorden und bereichert den Folk-Klassiker „House Of The Rising Sun“ mit bedrohlichen Bass-Tupfern. Harris spendiert dem banjogetriebenen „Darling Corey“ ein Trommelfeuer auf der Cajon. Und Vokalistin Grace Stumberg beschwört in ihrer Solostrophe bei Kris Kristoffersens „Me And Bobby McGee“ mit rauem Timbre den Geist Janis Joplins.

Keine Oldie-Jukebox

Jedes Lied an diesem Abend ist ein Vehikel für die zeitlose humanistische Botschaft, die sich in Worten und Taten durch die Karriere und das Leben der Woodstock-Veteranin aus den 60er Jahren zieht. Und fast jeder Song gerät zur Einladung zum Mitsingen, die das Publikum, darunter viele Baby-Boomer, wenig Jungvolk, gerne und textsicher annimmt.

Dabei wird Baez nie zur Oldie-Jukebox, sondern kitzelt noch aus Altbekanntem neue Nuancen heraus. So klingt ihr „It’s All Over Now, Baby Blue“ wärmer als Bob Dylans zynisches Original, durchtränkt mit Humor und Humanität.

Besonders einnehmend sind ihre Ausflüge ins deutsche Liedgut in Würdigung ihres deutschen Publikums: Von „Sag mir, wo die Blumen sind“, der deutschen Fassung des Songs ihres Vorbilds Pete Seeger, über das deutsche Wiegenlied „Der Mond ist aufgegangen“ mit charmantem Texthänger bis hin zur a cappella vorgetragenen letzten Zugabe „Kinder“ der Ostberliner Liedermacherin Bettina Wegner mit den denkwürdigen Zeilen: „Grade, klare Menschen wär’n ein schönes Ziel. Menschen ohne Rückrat hab’n wir schon zu viel.“
So viel Lagerfeuer war selten in der Alten Oper: Stehende Ovationen und Gesang aus über 2000 Kehlen begleiteten Joan Baez bei ihren fünf Zugaben

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