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Serie: Fotograf Peter Loewy vertraut auf das Bürgerliche Gesetzbuch wie auf die Zehn Gebote

Ein neuer Antisemitismus bedroht das friedliche Zusammenleben in Deutschland. Was bewegt Jüdinnen und Juden, die in Frankfurt und der Region leben? Woran arbeiten sie? Was bedeutet ihnen das Jüdischsein? In einer Serie stellen wir in den kommenden Wochen in loser Folge Menschen aus den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Religion vor. Heute: Peter Loewy.
Peter Loewy im Frankfurter Kunstverein. Dort hatte er seine erste Ausstellung als Fotograf. Peter Loewy im Frankfurter Kunstverein. Dort hatte er seine erste Ausstellung als Fotograf.

„Peter Weiermair hat mehrere Ausstellungen gleichzeitig gemacht, er hat das ganze Haus gefüllt.“ Der Fotograf Peter Loewy steht im Eingangsfoyer des Frankfurter Kunstvereins und erinnert sich an seine erste Ausstellung 1996. Der damalige Direktor Weiermair zeigte Loewys Fotoserie „Jüdisches“. „Ich habe versucht, in Wohnungen jüdische Gegenstände aufzuspüren“, erzählt Loewy. Es entstanden fotografische Stillleben, die Gegenstand und Umgebung gleichberechtigt einbezogen. Fast beiläufig steht da etwa ein Chanukka-Leuchter, in dem noch eine Kerze steckt, zwischen einer Blumenvase, einer Lampe und einem dekorativen Bild.

„Jüdisches“ war das erste fotografische Projekt, mit dem Peter Loewy an die Öffentlichkeit ging. Die Verlegerin Gina Kehayoff brachte die Serie als Buch heraus. „Ich fotografiere ja schon viel länger“, sagt Loewy. Für seine Projekte hat er inzwischen mehr Zeit. Seit zwei Jahren ist Loewy als Lehrer in Rente. Er unterrichtete an einer Sonderschule.

Sein aktuelles Vorhaben dreht sich um die israelische Stadt Tel Aviv. Für eine Ausstellung im Jüdischen Museum Hohenems, die im Frühjahr 2019 eröffnet werden soll, fotografiert er verborgene Facetten der Mittelmeermetropole. Wegen zahlreicher Bauten im Bauhaus-Stil gilt Tel Aviv als „Weiße Stadt“, zudem als Stadt der Start-ups und als Partymetropole. All dies möchte Loewy nicht einfangen. Stattdessen besuchte er etwa die Bialik-Rogozin-Schule, die sich um Flüchtlings- und Migrantenkinder kümmert.

„Ich und mein Migrationshintergrund“ heißt Peter Loewys jüngst in Buchform publiziertes und als Ausstellung präsentiertes Fotowerk. 2016 baute Loewy am Frankfurter Roßmarkt und an der Hauptwache ein mobiles Fotostudio auf. Passanten konnten sich vor einem Hintergrund ihrer Wahl fotografieren lassen. 26 Landschaften und Städte aus aller Welt standen zur Verfügung. Die Teilnehmer konnten gewissermaßen ihren Migrationshintergrund selbst wählen. „Eigentlich hat mich die Redewendung ,Migrationshintergrund‘ genervt“, sagt Loewy. Also hat er den Begriff einfach wörtlich genommen.

Die Fotos zeigen unterschiedliche Menschen vor ihren Sehnsuchtslandschaften. Eine Gruppe Jugendlicher posiert vor der Skyline von Dubai. Eine junge Ukrainerin wählte ausgerechnet den Moskauer Kreml als Hintergrund. „Ich glaube, keiner hat sein Herkunftsland gesucht.“

Loewy selbst wurde 1951 in der israelischen Stadt Petach Tikwa geboren. Die Eltern stammten aus Deutschland. Sie kamen in den 30er Jahren ins damalige Palästina. „Meine Eltern waren Flüchtlinge, keine Zionisten“, betont Loewy. „Sie hatten es mit dem Orient gar nicht“, erinnert er sich. Seine Mutter habe den Schwarzwald geliebt, der Vater habe Thomas Mann verehrt.

Liebe zur Musik

Mitte der 50er Jahre kehrten die Loewys nach Deutschland zurück. Ostdeutschland war ihr anfängliches Ziel. Die Eltern dachten, die DDR hätte die NS-Vergangenheit besser aufgearbeitet. Doch es kam anders. „Das Beste, was die DDR gemacht hat in ihrer ganzen Geschichte: Sie haben meine Eltern nicht reingelassen“, lacht Loewy.

So landete die Familie in Westdeutschland. Loewys Vater bekam eine Stelle an der Frankfurter Stadt- und Universitätsbibliothek, in der Judaica-Abteilung, weil er die hebräischen Bücherrücken entziffern konnte. Die Eltern hätten dann gemerkt, dass im Westen viel mehr diskutiert und aufgearbeitet wurde, berichtet Loewy. Dass er ein wacher und meinungsfreudiger Zeitgenosse ist, merkt man spätestens, als er über die neue Frankfurter Altstadt spricht. „Frankfurt war für mich eine Stadt, die eigentlich nicht schön war, aber kritisch“, sagt er. Die Altstadt ist für ihn eine Geschichtsklitterung: „Es soll heimelig sein, es soll etwas sein, womit man sich identifizieren kann, mit einer durchgehenden Geschichte.“ Es habe den Krieg und die Zerstörung gegeben, sagt Loewy. „Das war kein Unheil. Es war vorsätzlich. Die Deutschen wollten das.“ Damit müsse man sich abfinden.

Dass Loewy trotz seiner kritischen Haltung nicht verbittert wirkt, hängt vielleicht auch mit seiner Herkunft zusammen. „Der jüdische Humor ist sehr ironisch.“ Der Berliner Witz sei immer auf Kosten anderer, der jüdische Witz hingegen Selbstironie. Sein Judentum sieht er weniger als religiöses Bekenntnis. „Ich würde nie mit der Kippa rumlaufen“, sagt er und gibt zu, keine jüdischen Gesetze einzuhalten. „Für mich gilt das Bürgerliche Gesetzbuch.“ Dieses sieht er als eine Weiterentwicklung der Zehn Gebote. Seine große Liebe gilt der Musik. „Das Kol Nidre finde ich so schön“, bekennt Loewy, die Vertonung des Abendgebets zum höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur.

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