Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige LS Lederservice Sie suchen einen Spezialisten aus Rhein-Main? Frankfurt am Main 29°C

Musiker Moritz Eggert dabei: Frankfurt liest wieder ein Buch

Der Komponist Moritz Eggert ist der Sohn des 1999 gestorbenen Schriftstellers Herbert Heckmann und beim Festival „Frankfurt liest ein Buch“ als Musiker dabei.
Der Komponist Moritz Eggert (51) glaubt, dass er seinen dritten Vornamen nicht von ungefähr nach dem „Benjamin“-Roman seines Vaters Herbert Heckmann erhalten hat. Kennengelernt hat er ihn aber erst als siebenjähriger Junge. Bilder > Der Komponist Moritz Eggert (51) glaubt, dass er seinen dritten Vornamen nicht von ungefähr nach dem „Benjamin“-Roman seines Vaters Herbert Heckmann erhalten hat. Kennengelernt hat er ihn aber erst als siebenjähriger Junge.
Frankfurt. 

Dem Festival „Frankfurt liest ein Buch“ vom 24. April bis 7. Mai blickt auch Heckmanns Sohn Moritz Eggert mit seiner Mutter, der Theaterfotografin Mara Eggert, entgegen. Der Pianist und Komponist Moritz Eggert zählt zu den renommiertesten deutschen Vertretern zeitgenössischer Musik. Seine Werkliste umfasst neben Opern und Kammermusik ein Fußballoratorium zur WM-Eröffnung 2006, „Die Tiefe des Raumes“, und ein „Fußballett“. Eine Vielfalt, die ans Werk seines Vaters in Belletristik und Wissenschaft, Sach- und Kinderbuch erinnert. War Heckmann Professor in Offenbach, Akademiepräsident in Darmstadt und sehr gegenwärtig in Frankfurts Kulturleben, so lehrt Sohn Moritz (51) als Professor Komposition in München und ist mit seinen Opern auf internationalen Bühnen präsent. Mit Moritz Eggert sprach Marcus Hladek.

Herr Eggert, „Frankfurt liest ein Buch“, zum achten Mal. Was bedeutet Ihnen die Themen-Widmung an Ihren Vater?

MORITZ EGGERT: Sehr viel. Das Festival hält die Erinnerung in Frankfurt wach.

In „Benjamin und seine Väter“ wird der abwesende und unbekannte Vater als „Dompteur, Preisnasenboxer, Tonnenheber“ ausfantasiert. Auch Ihr Vater war vieles zugleich: Künstler, Professor, Gelehrter, Journalist. Wie haben Sie ihn erlebt?

EGGERT: Das erste Mal sah ich ihn erst, als ich sieben war. Wöchentlichen Kontakt bekam ich, als meine Mutter mit mir nach Frankfurt zog, da war ich zehn. Viele sprechen ja mit einem Leuchten über ihn. Zu einfachen Menschen redete er nie von oben herab, anderen zeigte er sich als Intellektueller. Er hatte diese Masken, was ein Thema der Bücher ist. Das gibt mir und den Halbgeschwistern bis heute Rätsel auf. Sie haben vielleicht einen anderen Vater erlebt als ich.

Lesen Sie „Benjamin und seine Väter“ auf sich selbst hin? Obwohl der Roman drei Jahre vor Ihrer Geburt entstand?

EGGERT: Ja, ich habe ein besonderes Verhältnis zu Benjamin. Immerhin nannte meine Mutter mich nach ihm Peter Moritz Benjamin, zog also Parallelen zum Buch. Ich war das Buch meines Vaters. Der sie, als sie schwanger war, verließ. Wie Benjamin war mir unbekannt, wer mein Vater ist; wie er hatte ich viele Väter, nämlich Mutters Partner. Umso erstaunlicher wurde es, plötzlich den richtigen Vater kennenzulernen. Erst war das von Fremdheit geprägt, dann spielte er eine wichtige Rolle auf meinem Weg zur Musik. Beim Klavierspielen hielt er mich bei der Stange und brachte seine Geige mit, damit wir Barocksonaten spielen. Er gab mir viele Anregungen, die sich noch als sehr wertvoll erwiesen. Er war als Musiker sehr begabt, lebte es aber nicht aus. Je älter ich wurde, umso mehr prägte uns das Gespräch über Kunst. Darin war er mir sogar näher als den Geschwistern, die in die wissenschaftliche Richtung gingen.

Konkret?

EGGERT: Meine Schwester ist das Sprachengenie, sie hat als Übersetzerin gearbeitet und spricht eine ganze Reihe von Sprachen. Mein älterer Halbbruder ist Chemiker in einem Pharmakonzern. Der jüngere Informatiker in New York.

Vatersuche war schon ein Thema für Ihren Vater. Wie beziehen Sie das auf sich?

EGGERT: Meine Vatersuche hat nie aufgehört, weil wir über gewisse Dinge bis zuletzt schwiegen. Meine Halbgeschwister lernte ich ja praktisch am Totenbett kennen, und auch sie wussten lange nichts von mir. Mir hatte er erzählt, sie wollten mich nicht sehen. Das machte mich zornig und führte zu einer ewigen Vatersuche.

Im Roman entpuppt sich der leibliche Vater am Ende als ein Clown, und zwar mitten im Nazi-besetzten Paris. Auffällig sind auch religiöse Dinge im Roman. Wie ordnen Sie das in die Handlung und ins Verständnis ein?

EGGERT: Der Clown hat mit Vaters Vorliebe für das Absurde zu tun, was im Geist der Zeit lag – denken Sie an die „Blechtrommel“ von Grass. Das Katholische wiederum hat ihn sehr stark geprägt, während meine Erziehung ja eher antiautoritär und atheistisch war. Viel Rätselhaftes an ihm stammt für mich aus seiner katholischen Erziehung und der Haltung, dass man über manche Dinge nicht spricht. In der Beichte ja, sonst verschweigt man das oder lügt sogar. Mein Vater hatte eine verschlossene innere Welt, die keinem zugänglich war.

Lesen Sie den „Benjamin“ als Zeitroman? Das Buch spielt ja zwischen politischen Eckdaten (1919 bis 1941), nur wird die Nazipartei erst ganz spät erwähnt.

EGGERT: Mein Vater wollte nie den „großen deutschen Gegenwartsroman“ schultern. So karrieristisch war seine Themenwahl nicht, sein Interesse galt dem Erzählen. Er las auch oft sechs Bücher täglich. Darum fließen viele Themen ein, daher diese bibliophilen Züge. Später verlor er sich ein bisschen in Detailrecherchen, schrieb fast keine Romane mehr. Ich fragte, warum, beantwortet hat er das aber nicht mehr.

Wie Walter Benjamin schrieb er eine Dissertation über barocke Literatur. Glauben Sie, der Name im Romantitel ist von Walter Benjamin inspiriert?

EGGERT: Vielleicht. Vorstellbar wäre es, er schrieb ja auch diese Pflanzengedichte über Kollegen. Interessant fand ich, wie erfrischend er Adorno kommentierte. Er amüsierte sich zum Beispiel über dessen schlechtes Verhältnis zum Jazz, den mein Vater liebte.

Ist der „Benjamin“ ein Buch über Kindheit als verlorenes Paradies?

EGGERT: Mein Vater bewahrte sich eine kindliche Freude an den Dingen, blieb immer neugierig und besaß eine unglaubliche Fähigkeit, sich in Kinder zu versetzen. Waren wir zusammen unterwegs, lachte er sie an und sagte „Erzähl mir was“. Ich stelle mir vor, das basierte auf dem inneren Erleben der eigenen Kindheit.

Was machen Sie in Ihren drei Festival-Auftritten?

EGGERT: Ich bin jedesmal auch als Musiker dabei. In der „Romanfabrik“ mache ich mit dem Sänger Peter Schöne meinen Liederzyklus nach Aphorismen meines Vaters. Das entstand kurz nach seinem Tod und ist wichtig für mich. Der Chef der Romanfabrik, Michael Hohmann, war ja sehr befreundet mit ihm.

Schade, dass Ihr Vater, der 1999 gestorben ist, „sein“ Festival nicht mehr erlebt.

EGGERT: Ja. Ich werde aber oft an ihn denken und sehe auch meine Geschwister wieder. „Frankfurt liest ein Buch“ wird ein großes Ereignis für uns.

Veranstaltungen rund ums Buch

„Frankfurt liest ein Buch“ erstreckt sich in achter Auflage vom 24. April bis 7. Mai. Mehr als neunzig Lesungen, Spaziergänge, Ausstellungen, Konzerte verteilen sich in Frankfurt, Offenbach und Umgebung

clearing
Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse