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Jubiläum: Frankfurter Cäcilien-Verein wird 200 Jahre alt

Von Der Cäcilienchor Frankfurt zählt zu den ältesten und traditionsreichsten Oratorienchören Deutschlands. 2018 feiert er sein 200-jähriges Bestehen. Wir beleuchten, wie der Gesangsverein die bürgerliche Kultur veränderte und welche Rolle Felix Mendelssohn Bartholdy dabei spielte.
Die Heilige Cäcilie ist die Patronin der Kirchenmusik – und Namensgeberin des Frankfurter Cäcilienvereins. Dieses Gemälde, das die Jungfrau und Märtyrin der frühen Kirche zeigt, stammt aus der Mitte des 17. Jahrhunderts und wird Giovanni Andrea Sirani zugeschrieben. Abbildung: Wikipedia Die Heilige Cäcilie ist die Patronin der Kirchenmusik – und Namensgeberin des Frankfurter Cäcilienvereins. Dieses Gemälde, das die Jungfrau und Märtyrin der frühen Kirche zeigt, stammt aus der Mitte des 17. Jahrhunderts und wird Giovanni Andrea Sirani zugeschrieben. Abbildung: Wikipedia

Die Berliner Philharmoniker und Helene Fischer, Jazzkeller, Clubs und Streichquartette haben eines gemeinsam: Sie geben und veranstalten Konzerte. Jeder, der eine Eintrittskarte kauft, kann hingehen und zuhören. Diese Selbstverständlichkeit gäbe es nicht, hätten nicht zur Zeitenwende um das Jahr 1800 herum Bürger die Sache in die Hand genommen. Musik, bisher ein Privileg der Kirche und der Höfe, wurde ein für jedermann zugängliches Gut, eine Keimzelle des modernen Kulturlebens überhaupt. Dies festzustellen ist kein Pathos, sondern historische Wahrheit. Sie geht noch weiter: Wer damals mehr als Opern – für sie etablierten sich feste Institutionen – hören wollte, musste Musik sogar selbst machen.

Unter diesen Voraussetzungen entstand in Frankfurt im Jahr 1818 der Cäcilienverein. Ein gewisser Johann Nepomuk Schelble, Sänger am bereits existierenden Opernhaus, scharte Damen und Herren der „besseren“ Gesellschaft um sich, um mit ihnen, wie man damals sagte, Gesangsstücke einzustudieren. Zunächst zum privaten Vergnügen, bald auch für öffentliche Darbietungen in den Kirchen und Etablissements der Stadt; ein Konzerthaus, den „Saalbau“, gab es in Frankfurt erst seit 1861.

Vielfältige Kontakte

Im Jahre 1830 stand mit der Frankfurter Premiere von Johann Sebastian Bachs „Matthäuspassion“ ein erster Höhepunkt auf dem Programm des jungen Chores; erst im Vorjahr war dieser Meilenstein der Musikgeschichte in Berlin wieder zum Leben erweckt worden, auf intensives Betreiben eines gerade 20 Jahre jungen Mannes namens Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Familie Mendelssohn pflegte vielfältige Kontakte in die Stadt am Main (siehe Text unten); und wenn Felix im Jahre 1832 an seine Mutter schreibt, im Cäcilienverein seien die Frauen am eifrigsten, während es bei den Männern ein bisschen fehle („sie haben Geschäfte im Kopf“!) scheint sich in Frankfurt nicht viel verändert zu haben.

200 Jahre Tradition sind aber kein Selbstzweck, sondern müssen sich in der Gegenwart bewähren. Natürlich kann der immer noch vitale Verein, der sich seit etwa 30 Jahren „Cäcilienchor“ nennt und rund 100 Mitglieder zählt, mit Stolz zurückschauen. Auf künstlerische Leistungen wie etwa die Teilnahme an der Uraufführung von Carl Orffs „Carmina Burana“ 1937 im Opernhaus. Auf bürgerschaftliches Engagement, wie der Finanzierung der Orgel im schon genannten „Saalbau“. Auf populäre Großtaten wie einige Aufführungen klassischer Werke vor Tausenden von Zuhörern in der Frankfurter Festhalle nach 1900.

Musikalische Weihestunde

Man sieht: Der Vergleich mit Helene Fischer hinkt nicht! Selbstverständlich wirkte der Chor auch an den Eröffnungskonzerten der Alten Oper und des HR-Sendesaals mit. Auch die kriegszerstörte Paulskirche wurde nicht ohne Zutun des Cäcilienvereins wiederbelebt, geradezu symbolisch ist die engagierte Mitgestaltung des kulturellen Lebens doch auch Ausdruck einer funktionierenden Demokratie. Ältere Musikfreunde erinnern sich darüber hinaus gerne an musikalische Weihestunden der Nachkriegszeit, meist in der Dreikönigskirche am Sachsenhäuser Mainufer, unter charismatischen Dirigenten wie Theodor Egel und Enoch zu Guttenberg.

Seit nun 30 Jahren steht Christian Kabitz an der Spitze des Chores. Mit dem 1950 geborenen Dirigenten – generationsmäßig ein 68er! – begann eine neue Ära, da sich die gesellschaftlichen Verhältnisse änderten. Junge Leute folgten nicht mehr den Spuren ihrer Eltern, sondern gingen ihre eigenen Wege. Die Popmusik veränderte musikalische Sozialisationen; Chorsingen, die Zugehörigkeit zu einem Verein, war, wie man heute sagen würde, nicht mehr „cool“ genug.

Kabitz selbst startete von Würzburg aus, wo er seit 1978 als Kantor an der evangelischen St. Johanniskirche wirkte, eine zweite Karriere als Inspirator und Leiter von „Rock-meets-Classic“-Konzerten. Mit Gary Brooker und Procol Harum etwa, großem Chor und großem Orchester, oder einem eigens komponierten Rock-Requiem, das gerade junge Musikfreunde ansprach. „Die gehen aber nicht in einen Oratorienchor“, weiß der Dirigent, „zwischen älteren Menschen singen, die zu dieser Musik auch keinen emotionalen Zugang haben, möchten sie nicht“.

Allerdings gibt es auch weiterhin Interesse für Chöre, die das musikalische Erbe hochhalten und zukunftsfähig machen: Bachs „Matthäuspassion“, die „H-Moll-Messe“, Messen und Oratorien von Haydn, Brahms und Beethoven, Mozarts und Verdis Requiem, die unsterblichen Werke Georg Friedrich Händels – und eben auch die Oratorien von Felix Mendelssohn Bartholdy. 1836 schrieb der – mittlerweile in Leipzig residierende – Komponist seinen „Paulus“ für den Frankfurter Cäcilienverein.

Klassisches Fach

Auch wenn das Stück aus Krankheitsgründen nicht in Frankfurt, sondern in Düsseldorf zur Uraufführung kam, gehört es in diesem Jubiläumsjahr doch ins Zentrum der Feierlichkeiten: Zusammen mit den anderen Frankfurter Oratorienchören – das Beispiel des Cäcilienvereins hat natürlich vielfach Früchte getragen – wird das Oratorium am 27. und 28. Mai in der Alten Oper aufgeführt, im Rahmen der Museumskonzerte.

Die 1808 gegründete Museumsgesellschaft, die die Konzerte des Opernorchesters veranstaltet, ist sozusagen der ältere Bruder des Chores und dem Schwesterinstitut seit dem 19. Jahrhundert eng verbunden.

Schon damals galt Frankfurt als internationale Stadt. Heute gibt es nicht wenige, die an den Main ziehen, hier arbeiten und zum Ausgleich gerne im Chor singen. Übers Internet kann man sich gut einen Überblick über die Angebote verschaffen. Pop, Gospel und Jazz stehen hoch im Kurs, aber auch gut gemanagte Männer- und Frauenchöre müssen nicht darben.

Der Cäcilienchor steht eher fürs klassische Fach. Versuche, moderne Musik ins Programm zu nehmen, bedeuten ein wirtschaftliches Risiko; die Saalsituation ist wesentlich ungünstiger als in vergleichbaren Städten wie Leipzig, Köln oder Stuttgart. Und es gibt nur wenige Komponisten, die für einen solchen Chor interessante Stücke schreiben. Musik, die Laien – um solche handelt es sich beim Cäcilienchor, Menschen also, die in ihrer Freizeit singen und ansonsten ihren Berufen nachgehen – in regelmäßigen, wöchentlichen Proben gerne, mit Engagement und Freude einstudieren und auch aufführen. „Was hilft es“, bedauert Christian Kabitz, „wenn hier elaborierte Noten stehen, aber dem Chor nicht klar wird, was der Komponist mit ihnen eigentlich sagen will!“

Basis für die Profis

Wie gut Traditionen einem Gemeinwesen tun, weiß jeder, der geschichtslose, künstliche Retortenstädte kennt. Dass der Bürger seine Sache in die Hand nimmt, ist seit über 200 Jahren ein Grundpfeiler der Demokratie. Und wenn das ganze noch mit Kunst, Kultur und insbesondere Musik zu tun hat – um so besser. Laien- und Amateurchöre bilden die Basis eines professionell strukturierten Musiklebens, vergleichbar dem Breitensport. Sie bieten musikliebenden Menschen eine Heimat.

Im besagten Brief an seine Mutter lobt Mendelssohn die Mitglieder des Cäcilienvereins: „Die Leute singen mit soviel Feuer dass es eine Freude ist“. Ob er auch zu Helen Fischer und in den Jazzkeller gegangen wäre, wissen wir nicht. Was eine Stadt an lebendiger Tradition hat, wird zum 200. Geburtstag des Cäcilienvereins jedoch besonders deutlich.

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