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Kino: Frankfurter Fantasy-Filmfest: Der Horror kommt nach Hause

Von Das Frankfurter Fantasy-Filmfest zieht ins Harmonie-Kino zurück. Als Vorspeise gibt es bei den „White Nights“ wieder neuen Grusel erster Güte.
Auf einem Leuchtturm in der eisigen Welt des Südpols spielt Xavier Gens’ Schocker „Cold Skin“ um den Überlebenskampf eines Einsiedlers. Auf einem Leuchtturm in der eisigen Welt des Südpols spielt Xavier Gens’ Schocker „Cold Skin“ um den Überlebenskampf eines Einsiedlers.

„Es lebt!“ Doktor Frankensteins Freudenschrei hatten die Frankfurter Fans des Fantasy-Filmfests auf den Lippen, als sie die frohe Kunde hörten: Das internationale Festival für Horror und Thriller wird künftig wieder in der „Harmonie“ in Sachsenhausen präsentiert. Vorbei sind die Jahre im Exil der Multiplex-Kinos, wo Grusel-Freunde ein Schattendasein fristen mussten. Nicht selten wurden sie in die kleinsten Lichtspielsäle verbannt und fühlten sich während der Pausen verloren im Gedränge des sonstigen Publikums. Plakate, Aushangfotos oder themengerechte Dekoration suchte man vergeblich im nüchtern eingerichteten Foyer. Die Atmosphäre eines Festivals wollte selten aufkommen.

Gänsehaut-Schau

Doch nun kehrt das Fantasy-Filmfest zurück zu seinen Wurzeln, in das Programmkino-Ambiente der guten alten „Harmonie“. Dort nahm die Gänsehaut-Schau vor mehr als 20 Jahren ihren Anfang mit Klassikern wie „Braindead“ und „Two Evil Eyes“. Traditionell steigt das Filmfest zwar erst im Sommer, aber als Appetitanreger gibt es bereits am 20. und 21. Januar die „White Nights“.

Der Titel bezieht sich ausschließlich auf die kalte Jahreszeit, denn weiß wie Schnee wird die Leinwand an jenem Wochenende garantiert nicht bleiben. Der Fokus des Programms liegt nach wie vor auf Horrorfilmen, bei denen es durchaus blutig zur Sache gehen kann. Allerdings finden sich unter den zehn Premieren auch provokant inszenierte Produktionen, die auf allzu drastische Gewalt verzichten und sich jeglicher Genre-Konvention entziehen. Darunter ist der heiß gehandelte Oscar-Kandidat „Shape of Water“.

Im Amerika der 60er Jahre verliebt sich die stumme Putzfrau Lisa, eindringlich gespielt von Sally Hawkins, in ein Amphibienwesen, das von der Regierung gefangengehalten wird. Guillermo del Toro („Pan’s Labyrinth“) erzählt die Liebesgeschichte zweier Außenseiter auf märchenhafte Weise, angereichert mit Versatzstücken des Monster-Meilensteins „Der Schrecken vom Amazonas“. Wunderschön komponierte Bilderfluten wechseln sich ab mit schockierenden Szenen, in denen der Mensch als die mitunter schlimmste Bestie erscheint. Gleichnishaft hält „Shape of Water“ einer Gesellschaft den Spiegel vor, die Äußerlichkeiten huldigt und das Andersartige zum Feind erklärt.

Außerweltliche Kreaturen, denen jeglicher Sympathiewert fehlt, bevölkern dagegen die spanisch-französische Koproduktion „Cold Skin“. Während des Ersten Weltkriegs wird ein britischer Offizier auf eine Insel am Südpol abkommandiert. Das einzige Relikt menschlichen Lebens ist ein verlassener Leuchtturm, ausgebaut zu einer Festung. Aus gutem Grund, denn des Nachts rütteln Ausgeburten der Finsternis an der Tür. Den Überlebenskampf des Einsiedlers schildert Xavier Gens („The Divide“) anhand grandioser Impressionen zerklüfteter Landschaften und klassischer Elemente des Schocker-Kinos – wobei der Tonspur eine besonders markerschütternde Bedeutung zukommt.

Mysteriöser Besucher

Freilich gibt es Zuschauer, die vor Monstern keine Angst haben, weil sie ihrer Meinung nach in der Realität nicht existieren. Derselben Ansicht ist Professor Goodman (Andy Nyman) in „Ghost Stories“. Der TV-Star hat sich darauf spezialisiert, übernatürliche Phänomene als Zaubertricks zu entlarven. Dann taucht ein mysteriöser Besucher bei ihm auf, glänzend besetzt mit dem aus „Sherlock“ und der „Hobbit“-Trilogie bekannten Martin Freeman. Professor Goodman wird gebeten, drei unerklärliche Vorfälle zu untersuchen. Was er dabei aufspürt, lässt nicht allein dem skeptischen Wissenschaftler das Blut in den Adern gefrieren. „Ghost Stories“ kommt ohne Effektgedonner aus und setzt auf eine gediegene, typisch britische Spukhaus-Stimmung, die sogar die abgebrühtesten Naturen das Fürchten lehrt.

Eine weitere Zerreißprobe für das Nervenkostüm bietet „The Lodgers“. Die Zwillinge Rachel und Edward haben das Anwesen ihrer verstorbenen Familie noch nie im Leben verlassen. Zu groß ist die Gefahr, von den „Untermietern“ des altehrwürdigen Gemäuers bestraft zu werden. Die Regeln der Schreckgespenster sind eindeutig: rechtzeitig vor Mitternacht im Bett sein, niemals einen Fuß außerhalb des Grundstücks setzen und keinem Menschen Eintritt gewähren. Als Rachel zur Frau erblüht und sich in einen jungen Mann verliebt, nimmt das Unheil seinen Lauf. Schon mit „Let Us Pray“ hat Filmemacher Brian O’Malley seine Lust am Okkulten unter Beweis gestellt. Jetzt begibt er sich abermals auf das Terrain des „Gothic Horror“ nach Art des literarischen Meisters Edgar Allan Poe. Sehenswert sind die beiden frischen Gesichter Bill Milner und Charlotte Vega als Geschwisterpaar, das dem Fluch der Pubertät auf brachiale Weise zu entkommen sucht.

Verschleppte Kinder

Die Einsicht, dass Gewalt nicht die beste Lösung für Konflikte ist, beschert der brutale Thriller „A Beautiful Day“. Im Mittelpunkt steht ein seelisch vernarbter Kriegsveteran namens Joe, für dessen intensive Darstellung Joaquin Phoenix bei den Filmfestspielen in Cannes als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde. Joe lässt sich von reichen Klienten anheuern, deren Kinder von Sexhändlern verschleppt worden sind. Bei der Befreiung lässt er seiner Aggressivität freien Lauf und prügelt sich notfalls mit einem Hammer durch Horden voller Gegner. Bis ihn die Begegnung mit der jungen Nina (Ekaterina Samsonov) zum Nachdenken über seine Taten zwingt.

Wer Action mit weniger Tiefgang bevorzugt, sollte einen Blick auf „Let The Corpses Tan“ werfen. Das Ballerspektakel im Tarantino-Stil hat pure Unterhaltung im Sinn, obgleich inmitten des Kugelhagels doch eine Botschaft herauszulesen ist: Geld macht nicht glücklich. In einem verfallenen Gemäuer lagern 250 Kilo puren Goldes. Ein Gangstertrio, zwei Polizisten, eine Künstlerin und arglose Touristen liefern sich einen erbarmungslosen Kampf um den Schatz. Das Regieduo Hélène Cattet und Bruno Forzani sorgt durch einen gekonnten Einsatz von Farben und Licht dafür, dass die anhaltenden Schießereien in diesem Neo-Western nie langweilig werden.

Ein Fantasy-Filmfest wäre nicht komplett ohne eine deftige Zombie-Invasion. Diesmal ist die kanadische Provinz als Schauplatz an der Reihe. In „Les Affamés“ frisst sich die Menschheit gegenseitig auf. Zu den letzten Überlebenden zählen eine Kriegerin im blutverschmierten Kostüm und ein alterndes Lesben-Paar. Auf der Suche nach Schutz streifen sie durch die Wälder, während die Untoten zum Angriff blasen, scheinbar gelenkt von höheren Mächten. Trotz Weltuntergangsstimmung lässt Regisseur Robin Aubert den Humor nicht zu kurz kommen. Der vielversprechende junge Künstler findet seinen eigenen Zugang zu einem bewährten Genre, wobei er gleichzeitig Altmeistern wie Brian Yuzna die Ehre erweist. Mit einer ähnlichen Kombination aus Witz und Gemetzel hat Yuznas „Return of the Living Dead 3“ bei seiner Premiere vor 25 Jahren Szenenapplaus eingeheimst – natürlich im „Harmonie“-Kino, der Wiege des gepflegten Grauens.

Fantasy-Filmfest „White Nights“

Harmonie-Kino Frankfurt, Dreieichstraße 54, 20. und 21. Januar.
Telefon (069) 66 37 18 36. Karten zu
10 Euro ab 12. Januar im Internet unter www.arthouse-kinos.de

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