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Ausstellung: Frankfurter Museen erzählen vom Umgang mit jüdischem Raubgut

Von Wie kamen Objekte ins Museum, die einst jüdischen Privatleuten gehörten? Und wie war der Fiskus an der Ausplünderung von Juden beteiligt? Darüber informiert ein museumsübergreifendes Kooperationsprojekt anhand zahlreicher Fallgeschichten.
Der Sessel aus dem Besitz des geflohenen Journalisten Artur Lauinger gelangte auf Umwegen ins Historische Museum. Der Sessel aus dem Besitz des geflohenen Journalisten Artur Lauinger gelangte auf Umwegen ins Historische Museum.
Frankfurt. 

Zunächst war da nur ein prächtiges Silberservice: Kannen, Teller, Besteck und Kerzenständer – dazu die Notiz „abgewaschen“ oder „abgefallen“. Dass es sich bei dem wertvollen Depotfund um jüdisches Raubgut handeln könnte, war 1952 nicht unwahrscheinlich: Juden hatten ihre Besitztümer vor ihrer Flucht ins Exil abgeben müssen und wurden dafür allenfalls mit einem Teil des Materialwerts vergütet. Entsprechend günstig konnten sich Museen in den Darlehenskammern eindecken. Die brieflichen Notizen von Museumseinkäufern und -direktoren, die um die Finanzierung „günstiger Gelegenheiten“ bitten, sind in den 40er Jahren inflationär.

Kiddusch-Becher aus der zerstörten Börneplatz-Synagoge. Bild-Zoom
Kiddusch-Becher aus der zerstörten Börneplatz-Synagoge.

Der Kurator, der das Service 1952 fand, ging dem Hinweis nicht nach, sondern schrieb in ein neues Inventarbuch den Vermerk: „erworben 1952“. Wollte er eine ihm bekannte Geschichte nicht erzählen, hat er die Objektgeschichte bewusst verfälscht? Oder war ihm sein Unrecht gar nicht bewusst?

Ungeklärte Fragen

Das ist bis heute ungeklärt. Das Service mitsamt Inventarbuch ist eines der Ausstellungsstücke, mit denen das Historische Museum zeigt, was Provenienzforschung zutage fördern kann. Viele Museen begannen erst nach der Washingtoner Erklärung, deren 20-jähriges Bestehen dieser Tage zu feiern ist, sich damit zu beschäftigen, wie zweifelhaft die Herkunft vieler Objekte in ihren Sammlungen ist. Dass dies erst jetzt geschieht, mehr als 70 Jahre nach Kriegsende, hat auch damit zu tun, dass die Generation der Täter und Verschleierer nicht mehr lebt.

Das gilt für Museen, ist aber in privaten Haushalten nicht anders. Nicht zuletzt deswegen tourte 16 Jahre lang die Ausstellung „Legalisierter Raub – der Fiskus und die Ausplünderung der Juden 1933–1945“ durch Hessen. Jetzt hat sie ihre letzte Station im Historischen Museum. 140 Fälle im ganzen Bundesland spürten die Ausstellungsmacher in dieser Zeit nach. 25 Beispiele zeigt die Schau anhand von Objekten, Fotografien und ausführlichen Erläuterungstexten: die wertvollen Silberbecher der jüdischen Familie Pappenheimer aus Dreieich etwa, die sie vor der Flucht ihrem Nachbarn übergaben. Auf Umwegen kamen die Becher in ein Museum, wurden dort als religiöses Gebrauchsgut ausgestellt – und waren auf diese Weise abermals verschollen.

Ein Silberservice, Herkunft ungeklärt. Das Inventarbuch behauptet fälschlich: „Erworben 1952“.  Fotos : Dierk Wolters (2), Jüdisches Museum Bild-Zoom
Ein Silberservice, Herkunft ungeklärt. Das Inventarbuch behauptet fälschlich: „Erworben 1952“. Fotos : Dierk Wolters (2), Jüdisches Museum

Die Wege, auf denen solche Geschichten ans Tageslicht gelangen, sind verschlungen, was sie erzählen, ist oft düster. Die Perfidie der jüdischen Enteignung bestand darin, dass sie legal war: von Gesetzen gedeckt, an die Finanzämter und Verwaltung sich brav hielten: „Das waren nicht fanatische Nationalsozialisten oder Antisemiten“, sagt Gottfried Kößler, stellvertretender Direktor des Fritz-Bauer-Instituts, der die Tour über Jahre organisierte. Nur selten allerdings, sagt er, nutzte die Administration ihre Spielräume zugunsten der Verfolgten.

Herzenskälte nach 1945

Der Andrang zu Versteigerungen des Raubguts war riesig – sowohl Museen als auch private Käufer profitierten davon. Das Historische Museum hatte dazu aufgerufen, den Privathaushalt mit misstrauischen Augen zu durchforsten – welche Objekte passen vielleicht nicht? In einem Glasschrank kann man jetzt manche begutachten: die Seidendecke eines Frankfurters, die seine Urgroßmutter angeblich von Juden geschenkt bekam, ein Ikonenbild, ein Spiegel. Bei der Erforschung von deren Herkunft will das Museum die Besitzer in seinem „Stadtlabor“-Projekt unterstützen. Der Schrecken hatte 1945 kein Ende. Erschütternde Briefdokumente zeugen vom kühlen Empfang, der den aus dem Exil oder dem KZ Zurückgekehrten zuteil wurde. Ihnen etwas wiederzugeben, wurde als Zumutung empfunden. Vielen wurden immer wieder bürokratische Hindernisse in den Weg gelegt.

Das Museum Judengasse erzählt anhand von zehn ausgewählten Objekten, für die es eigens ein Handbuch angefertigt hat, von der abenteuerlichen Kriegs- und Enteignungsgeschichte ihrer Sammlung. Sie steht, wie Direktorin Mirjam Wenzel sagt, unter ganz anderem Fokus als die der städtischen Museen: Denn die Schätze des Museums selber sind nur die Reste des Reichtums, den das 1920 von der Familie Rothschild privat gegründete Haus einmal besaß.

Vom 6. Juni an stößt das Museum Angewandte Kunst hinzu, das die Geschichte der Sammlung Pinkus / Ehrlich erzählt. Provenienzforscherin Katharina Weiler hat einen erschütternden Betrug aufgedeckt. Es sei „immer ein großes Erschrecken“, sagt Gottfried Kößler, wenn Museen solcherart mit ihren Verfehlungen konfrontiert würden.

Ab Mitte August wirft das Weltkulturen-Museum einen Blick auf den nationalsozialistischen Teil seiner Sammlungsgeschichte und auch auf die koloniale Herkunft vieler Stücke. Besonders schwierig ist Aufklärung in diesem Fall, weil das gesamte schriftliche Archiv des Hauses im Krieg zerstört wurde.

Gekauft. Gesammelt. Geraubt?

Historisches Museum, Saalhof 1, Di–Fr 10–18, Mi bis 21 Uhr, Sa + So 11–19 Uhr. Eintritt 8 Euro.
Museum Judengasse, Battonnstraße 47, Di 10–20, Mi–So 10–18 Uhr. Eintritt 12 Euro.
Museum Angewandte Kunst: ab 6. Juni.
Weltkulturen-Museum: ab 15. August

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