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Über die Zukunft von Städel, Schirn und Liebieghaus: Frankfurter Museumsdirektor Philipp Demandt spricht über die Zukunft

Im Oktober vergangenen Jahres begann Philipp Demandt seine Arbeit als Dreifach-Direktor von Städel, Schirn und Liebieghaus. Mit Dierk Wolters hat er sich über seine Vorhaben unterhalten. Dazu zählen auch große bauliche Projekte an allen drei Häusern.
Philipp Demandt am Schreibtisch seines hellen Arbeitszimmers im Frankfurter Städel. Den Blick in den Museumsgarten, sagt er, genieße er jeden Tag. Foto: Salome Roessler Philipp Demandt am Schreibtisch seines hellen Arbeitszimmers im Frankfurter Städel. Den Blick in den Museumsgarten, sagt er, genieße er jeden Tag.

Herr Demandt, bei Ihrem Amtsantritt hatten Sie gesagt, Sie wollten die drei Museen, die Sie nun leiten, erst einmal gründlich von innen kennenlernen. Was ist Ihnen aufgefallen?

PHILIPP DEMANDT: Viel Positives! Vor allem: An allen drei Häusern gibt es eine große Identifikation der Mitarbeiter und eine gute Stimmung. Wenn Sie so wollen, ist das ein großer Geschäftsvorteil.

Was unterscheidet die Frankfurter Häuser von denen in Berlin?

DEMANDT: Das Städel ist eine private Stiftung aus dem frühen 19. Jahrhundert und damit deutlich älter als die meisten Berliner Museen. Die Idee des Bürgermuseums wird hier in Frankfurt wirklich gelebt. Der Museumsverein hat rund 8000 Mitglieder, und immer wieder erlebe ich, dass Förderer und Freunde des Hauses in der „Wir“-Form reden, wenn es um das Städel geht. In der Schirn begeistert mich die große Bereitschaft von allen Seiten, sich auch auf ungewöhnliche Themen einzulassen.

Museen planen langfristig, bis 2018 oder länger. Wie finden Sie da eine Lücke für sich selber?

DEMANDT: In der Flughöhe, in der sich Frankfurt international positioniert hat, müssen Sie, um bedeutende Leihgaben zu bekommen, drei oder vier, teilweise fünf Jahre im Voraus mit den Kollegen weltweit sprechen. Aber es gibt durchaus auch kurzfristigere Slots für meine Ideen. Das begann dieses Jahr mit der Ausstellung über Provenienzen im Liebieghaus und setzt sich 2018 fort: unter anderem mit einer großen Victor-Vasarely-Retrospektive gemeinsam mit dem Centre Pompidou, und einer Ausstellung über die Malerin Lotte Laserstein, von der wir kürzlich zwei Bilder erworben haben. Ihr „Junge mit Kasper-Puppe“ war meine erste Erwerbung als Städel-Direktor.

Wie gehen Sie vor bei Erwerbungen? Wollen Sie neue Akzente setzen?

DEMANDT: Natürlich, und wir sind schon dabei: Erst vor wenigen Tagen haben wir ein Hauptwerk des deutschen Surrealismus erwerben können, welches gerade in der Restaurierungswerkstatt für die Präsentation vorbereitet wird. Mir liegt aber neben prominenten Zuwächsen immer auch daran, abseits der großen Namen Vergessenes neu zu betrachten. Und letztlich muss man die Erwerbungen immer aus der DNA der Sammlung verstehen.

Wie gefällt Ihnen denn diese DNA, nach näherer Durchsicht?

DEMANDT: Die ist etwas anders als in Berlin. Die Nationalgalerie hat immer versucht, große Werkgruppen zusammenzustellen: denken Sie an Menzel, Böcklin, Leibl oder Liebermann. Das Städel konzentriert sich jenseits der „Hausgötter“ wie Max Beckmann stärker auf ausgewählte Meisterwerke vom 14. Jahrhundert bis zur Jetztzeit. Wie an einer Perlenkette aufgereiht finden Sie in Frankfurt wichtige Werke aus nahezu allen Epochen der europäischen Kunstgeschichte. Auch fällt auf, dass die Formate der Bilder in der Regel nicht sehr groß sind. Hier zeigt sich der bürgerliche Ursprung der Städelschen Sammlung – auf feinste Art und Weise.

Die Außenfassade des Städels ist am Main der Witterung besonders stark ausgesetzt und soll komplett saniert werden.  Fotos (3): Archiv, Miguletz Bild-Zoom
Die Außenfassade des Städels ist am Main der Witterung besonders stark ausgesetzt und soll komplett saniert werden. Fotos (3): Archiv, Miguletz

Und Sie wollen an dieser Strategie nichts ändern?

DEMANDT: Ich möchte sie fortsetzen und natürlich weiterentwickeln, denn wir exponieren uns ja seit einigen Jahren stark auch im Bereich der Kunst nach 1945. Schon jetzt können wir in den Gartenhallen einen eindrucksvollen Überblick über die deutsche Malerei und Fotografie im internationalen Kontext zeigen. Aber immer gilt: Je konzentrierter, ernsthafter und großgedachter Sie sammeln, desto mehr empfehlen Sie sich nicht nur für Erwerbungen, sondern auch für Nachlässe und Schenkungen. Über ein Drittel aller gezeigten Städel-Werke sind Schenkungen aus Privatbesitz. Selbst unser wohl prominentestes Werk, Tischbeins „Goethe in der römischen Campagna“, kam einst als Schenkung ins Haus. Dieser Vermächtnisgedanke wurde uns von Johann Friedrich Städel auf den Weg gegeben und ist nach wie vor höchst lebendig.

Lassen Sie uns über die Veränderungen sprechen, die Sie planen – da ist zunächst die Sanierung der Städel-Fassade.

DEMANDT: Die Sandsteinfassade zum Main stammt aus den 1870ern, die Seitenrisalite von Johannes Krahn aus den 1950er Jahren. Direkt am Mainufer ist sie stark der Witterung ausgesetzt. Eine solche Fassade können Sie nicht einfach kärchern – Sie müssen das Gebäude in gewisser Weise restaurieren wie eine Steinskulptur. Die Schadenskartierung haben wir inzwischen abgeschlossen, in den nächsten Monaten werden wir mit der Sanierung der rechten Seite beginnen. Großartigerweise ist es uns gelungen, eine edle Spenderin zu finden, die die gesamte Fassadensanierung finanzieren wird – ein siebenstelliger Betrag. Solches Engagement ist überwältigend!

Auch den Städel-Vorgarten werden Sie verändern. Warum – und wie?

DEMANDT: Die sinnliche Qualität des Hauses ist mir wichtig, und für mich beginnt ein Museumsbesuch schon mit dem ersten Blick auf das Haus. Denkt man diesen Gedanken weiter, so ist der Vorplatz mit seinen Außenskulpturen schon der erste Ausstellungsraum. Dort sammelt man sich, setzt sich vielleicht auf eine Bank, stimmt sich auf die Kunst ein. Im Zuge dieser Sanierungen denken wir auch darüber nach, wie wir die Barrierefreiheit optimieren könnten.

Das Liebieghaus ist ein Frankfurter Kleinod, aber besonders kompliziert zu bespielen. Philipp Demandt will das Skulpturenmuseum neu denken. Bild-Zoom
Das Liebieghaus ist ein Frankfurter Kleinod, aber besonders kompliziert zu bespielen. Philipp Demandt will das Skulpturenmuseum neu denken.

Was haben Sie mit der Graphischen Sammlung vor? Sie ist der erste Bereich, wenn man das Städel betritt, gleich links . . .

DEMANDT: Die Graphische Sammlung ist ein großer Schatz. Ihre Bedeutung ist enorm. Da haben Sie die großen Werkgruppen, die bei den Gemälden eher selten sind, mit allen Möglichkeiten für spektakuläre Sonderausstellungen aus eigenen Beständen. Und diese Sichtbarkeit zu stärken, erscheint mir wichtig. Dafür wollen wir den Vorlegesaal, der jedem Besucher offen steht, attraktiver machen. Außerdem möchten wir die Verbindung mit den anderen Sammlungsteilen stärken, so dass die Grafik nicht nur in ihrem Bereich bleibt.

Wie steht es denn um die anderen Abteilungen des Hauses?

Mir wäre wichtig, dass wir in Zukunft zu einem Farbkonzept gelangen, das die unterschiedlichen Teile des Hauses mehr zusammenbringt. Im Moment steht jeder Sammlungsbereich zu sehr für sich.

Auch im Liebieghaus wollen Sie die Generalsanierung angehen.

DEMANDT: Dafür hat ja schon mein Vorgänger gekämpft. Es gibt Signale der Stadt, dass wir das bald angehen können. Das ist auch dringend nötig, denn manches an der Technik ist derart veraltet, dass wir da handeln müssen: die Fenster, die Strom- und Wasserleitungen, das Dach. In diesem Zusammenhang wollen wir auch grundlegend über das Konzept des Liebieghauses nachdenken. Das Haus ist unglaublich charmant und liegt vielen Menschen sehr am Herzen, birgt aber in seiner Mischung aus Villa und Ausstellungshaus viele Herausforderungen.

Kommen wir zur Schirn, Ihrem dritten Wirkungsort.

DEMANDT: Die Schirn macht mir große Freude. Für mich persönlich ist das ein bisschen wie Standbein und Spielbein. Ohne eigene Sammlung ist die Schirn sehr viel freier in ihren Projekten. Und zugleich hat sie es geschafft, eine ganz eigene Identität zu entwickeln, für die wir intern das Adjektiv „schirnig“ benutzen (lacht). Künftig will ich die Schirn wieder stärker über drei Jahrhunderte, vom 19. bis ins 21., denken. In jüngster Zeit lag der Schwerpunkt eher auf den letzten beiden. Mit der großen Diorama-Ausstellung im Herbst ist hier schon ein Anfang gemacht.

Nächstes Jahr schließen Sie die Schirn für ein paar Monate.

DEMANDT: Auch die Schirn steht vor baulichen Herausforderungen. Wir sind sehr glücklich, dass die Stadt sich entschieden hat, in die Klimaanlage und den Ausbau des Fußbodens zu investieren. Und mittelfristig möchten wir die Fassade der Schirn reinigen lassen – dass es da Bedarf gibt, sieht man neben den blitzenden Fassaden der neuen Altstadt jetzt besonders.

Die Schirn am Frankfurter Römer, gleich neben der neuen Altstadt, wird für Renovierungsarbeiten im Jahr 2018 für ein paar Monate geschlossen. Bild-Zoom Foto: NORBERT-MIGULETZ
Die Schirn am Frankfurter Römer, gleich neben der neuen Altstadt, wird für Renovierungsarbeiten im Jahr 2018 für ein paar Monate geschlossen.

Was halten Sie denn von der neuen Altstadt?

DEMANDT: Ich habe das natürlich schon von Berlin aus verfolgt. Solch kritisch historische Rekonstruktionen mit allen Diskussionen herum gibt es ja dort zuhauf. Gerade zusammen mit der Schirn, der Rotunde und der neuen Terrasse, die dort entstehen, glaube ich, dass die neue Altstadt Potential für eine neue lebendige Stadtmitte hat. Auch das neue Historische Museum nebenan leistet dazu einen sehr gelungenen Beitrag.

Das Städel hatte 2015, im Jubiläumsjahr, 650 000 Besucher, im Jahr darauf waren es nur noch 310 000. Wie wollen Sie das stabilisieren?

DEMANDT: Das waren Extremjahre – und natürlich schwanken die Besucherzahlen je nach Ausstellungsprogramm. Wir glauben, dass wir 2017 wieder auf dem sehr erfolgreichen Stand von 2014 sein werden, das waren mehr als 400 000 Besucher. Die Matisse-Bonnard-Ausstellung im Herbst wird das Ihrige dazutun. Auch die Fotografie-Schau über die Becher-Klasse macht uns Freude und wird bis zum Ende sicherlich rund 70 000 Besucher begeistert haben. Und in der Schirn konnten wir erst vor Kurzem einen Rekord knacken: die große Einzelausstellung zu René Magritte verzeichnete 190 120 Besucher – das ist die zweitbesucherstärkste Ausstellung in der Geschichte des Hauses gewesen.

Wie geht es weiter mit der digitalen Erweiterung des Hauses?

DEMANDT: Wir gehen noch stärker in die Breite als vorher. Innerhalb der nächsten Jahre wollen wir – zunächst mit Ausnahme der Druckgrafik – alle 33 000 Unikate der Städel-Sammlung online stellen. Und neben den Digitorials zu Ausstellungen werden wir etwa im Städel auch solche über Künstler und Themen der Kunstgeschichte anbieten. Um den Bereich Film werden wir uns verstärkt kümmern – da gibt es in der Schirn schon wegweisende Formate. Idee ist, dass man einen Besuch optimal vor- und nachbereiten kann. Online soll man aber nicht nur die Bilder sehen, sondern auch Zusatzinformationen erhalten und Verbindungslinien erkennen können. Da ist sehr viel möglich, das kostet auch sehr viel Geld. Aber das wollen und das müssen wir uns auch leisten.

Und wo kommt das viele Geld her?

DEMANDT: Wie immer von vielen unserer engagierten Förderern, denken Sie allein an unseren Museumsverein und die vielen Stiftungen und Unternehmen, die uns unterstützen. Aber auch von privater Seite gibt es hier ein großes Engagement.

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