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Zehnjähriges Bestehen: Frankfurts Caricatura-Museum hat unruhige Tage hinter sich

Vor zehn Jahren wurde das Museum im Leinwandhaus eröffnet. Nun plädiert Museumschef Achim Frenz für ein eigenständiges Haus und für Neuankäufe, die schon lange überfällig sind.
So erheiterte Besucher, wie sie hier die Karikaturisten-Duo Greser & Lenz vor dem Frankfurter „Caricatura“-Haus zeichnet, wünscht sich wohl jedes Museum für komische Kunst.  Abb.: Caricatura So erheiterte Besucher, wie sie hier die Karikaturisten-Duo Greser & Lenz vor dem Frankfurter „Caricatura“-Haus zeichnet, wünscht sich wohl jedes Museum für komische Kunst. Abb.: Caricatura

Zum Feiern ist derzeit wohl niemand zumute. Doch der Termin am 30. September steht. Da soll das kleine Jubiläum des Frankfurter Caricatura-Museums ordentlich gefeiert werden, im Mousonturm mit einer „Groß-Gala der komischen Kunst“. Aber ob der Abend wirklich so lustig wird? Vermutlich taugt er eher zum allgemeinen Wunden lecken, nach all dem erbitterten Streit der vergangenen Wochen. Vor allem Jan Gerchow und Ina Hartwig machten dabei keine gute Figur. Denn der Direktor des Historischen Museums und die Kulturdezernentin hatten kein Gespür dafür, wie es um das Caricatura-Museum bestellt ist.

Gerchows Versäumnis

Das hätte Gerchow wissen müssen, der die Caricatura schon seit 18 Jahren als Abteilung zum Historischen Museum zählt. Im Jahr 2000 wurde nämlich auf Betreiben des damaligen SPD-Kulturdezernenten Hans-Bernhard Nordhoff das Caricatura-Museum gegründet, aber mit dem Ziel, bald ein selbstständiges Institut zu werden. Freilich kam es dazu nach Nordhoffs Abwahl 2006 nicht mehr. So blieb es vor zehn Jahren bei einem eigenen, aber viel zu kleinen Gebäude im wieder aufgebauten Leinwandhaus, einem der ältesten Bauten Frankfurts.

Freilich hat das Museum „einige Geburtsfehler“, wie die „F.A.Z.“ schon bei der Eröffnung des Hauses treffend meinte.

Das größte Problem ist das nicht ganz ausgereifte Konzept. Derzeit ist es ein Museum für Karikaturen, aber mit dem Schwergewicht auf die „Neue Frankfurter Schule“ (NFS) um F. W. Bernstein, Robert Gernhardt, Chlodwig Poth, Hans Traxler und nicht zuletzt F. K. Waechter, dessen Nachlass aber im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover liegt. Von diesen Zeichnern und Autoren um die Satire-Zeitschriften „Pardon“ und „Titancic“ besitzt das Haus mehr als 7000 Originale, von weiteren Karikaturisten noch rund 3500 Originale.

Frenz’ Wünsche

Das Museum ist also, trotz überregionaler Ausstellungen, in der Sammlung zu regional und zu rückwärtsgewandt auf die vergangenen 50 Jahre aufgestellt. Das Geld für Ankäufe der jüngeren Generation fehlt, obwohl das mehrfach von Achim Frenz angemahnt wurde, der das Haus seit 2000 leitet. Frenz erhofft sich zudem von einem eigenständigen Museum mehr Schlagkraft – eine Rechnung, die er ohne Jan Gerchow gemacht hat. Denn der verbot ihm, solche Pläne öffentlich zu machen und verpasste ihm kurzerhand, mit Rückendeckung des Kulturamtes, ein Sprechverbot. Das ist natürlich kompletter Unsinn, denn neue Ideen müssen öffentlich diskutiert werden. Dann kann man auch ihre Vor- und Nachteile in Ruhe abwägen.

Ob das Caricatura-Museum tatsächlich mehr Geld zur freien Verfügung hat, wenn es unabhängig vom Historischen Museum wird, bleibt erst einmal auszurechnen. Derzeit schwirren viele Zahlen umher, die für Außenstehende kaum zu beurteilen sind. Sicher aber ist, dass das Caricatura-Museum schon seit langem chronisch unterbesetzt ist. Und es braucht, wie alle anderen Museen in Frankfurt, endlich einen eigenen Ankaufsetat. Wer A sagt, muss auch B sagen – das weiß jeder Politiker. Wer ein Museum gründet, welcher Art auch immer, kann es auf Dauer nicht bei einem Grundstock belassen. Er muss nach vorne sammeln und jüngere Generationen ins Haus holen.

Und jetzt?

Das ist jetzt beim Caricatura-Museum dringend geboten, wenn es nicht den nationalen und internationalen Anschluss verlieren will. Offensichtlich hat das auch Kulturdezernentin Ina Hartwig verstanden und plötzlich vom Konfrontations- in den Kuschelmodus gewechselt. Nun lobt sie öffentlich die Arbeit von Achim Frenz und forderte ihn auf, ein Konzept zu erarbeiten, „in welche Richtung sich das Museum inhaltlich entwickeln möchte“. Das hätte man auch früher haben können, ohne wochenlangen Streit. So werden Jan Gerchow und Achim Frenz wohl nicht mehr beste Freunde werden.

Aber das ist auch nicht nötig. Denn fraglich ist der Verbund mit dem Historischen Museum ohnehin. Die Caricatura wurde dort nur angedockt, weil das Historische Museum selbst eine große Karikaturensammlung hat, vor allem aus der Zeit um 1848. Auch das Institut für Stadtgeschichte besitzt Karikaturen – aber abgeben ans Caricatura-Museum will niemand etwas. So hätte man die Caricatura auch einem Kunstinstitut zuschlagen können, geht es doch ebenso um die hohe Kunst der Zeichnung.

Aber könnte die Caricatura noch mehr leisten und damit endlich ihre „Geburtsfehler“ korrigieren? Das ist die Frage, die jetzt Pit Knorr aufgeworfen hat, der 79-jährige Mitbegründer der „NFS“. Knorr meint, das „Museum für komische Kunst“, wie es sich im Untertitel nennt, müsste auch andere Medien wie Theater, Kabarett, Film und geschriebenes Wort vertreten. Denn es ist gar nicht so selten, dass Künstler in mehreren Sparten brillieren. Der vor zwölf Jahren gestorbene Robert Gernhardt etwa – Mitglied von „Deutschlands erfolgreichster Boygroup“, wie die „NFS“ auch ironisch genannt wird – hatte eine solche Doppelbegabung als Zeichner und Lyriker.

Doch eine Ausweitung der Museumsaufgaben würde ein viel größeres Haus voraussetzen, mit entsprechendem Etat. Achim Frenz findet Knorrs Idee sehr begrüßenswert, denn das Museum veranstaltet schon alljährlich im Sommer das dreitägige „Festival der Komik“ mit satirischer Bühnenkunst vom Feinsten. Aber warten wir das genaue Konzept von Frenz ab, ohne Sprechverbot.

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