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Premiere: Frankfurts English Theatre zeigt den Ökonomie-Thriller „The Invisible Hand“

Von Jonathan Fox inszenierte am English Theatre in Frankfurt Ayad Akhtars „The Invisible Hand“: ein Stück über die Resonanzen von Terror und Finanzwelt.
Der Geiselnehmer-Boss und Imam Saleem (Mujahid Abdul-Rashid) wird in Ayad Akhtars Drama „The Invisible Hand“ selbst gefangengesetzt und somit zum Opfer seines eigenen Terrors. Foto: David Bazemore Der Geiselnehmer-Boss und Imam Saleem (Mujahid Abdul-Rashid) wird in Ayad Akhtars Drama „The Invisible Hand“ selbst gefangengesetzt und somit zum Opfer seines eigenen Terrors.

Hochkonzentriert, einfühlsam und immer noch packender gespielt, vollzieht sich Akhtars Drama über den Hedgefonds-Manager Nick Bright im glänzend naturalistischen Bühnenbild von Charlie Corcoran. Bright sitzt als Zufallsgeisel in Pakistan fest und muss sich das Lösegeld mit Börsenwetten für die Geiselnehmer selbst verdienen. Spielort ist ein verkommener Raum mit abblätterndem Putz auf Ziegeln, Spitzbogenfenster mit Aussicht auf Nachbardächer, verschmutztem Feldbett links, Tischen nebst Stuhl und Hocker rechts und Fußkette. Alle Szenenpausen erfolgen im Dunkel, unter orientalischer, gegen Ende auch westlich angerockter Musik oder auch Muezzin-Rufen. Zikaden und fernes Bellen können nächtlichen Szenen Stimmung geben (Licht: Jean-Yves Tessier, Sound: Rondall Robert Tico).

Prügelnder Fanatiker

Weil manch bequeme Wertung über Terrorismus und die segensreiche Rolle der Weltwirtschaft durch Umgang und Gespräch von Geisel und Geiselnehmern hier in Frage gestellt ist, findet das Saison-Motto des englischsprachigen Theaters, „Das Monster in uns“, auf interessant-unbehagliche Weise Bestätigung. Nick (John Tufts), na klar, ist das Opfer: ein Mann mit Robinson-Bart, den es in die fremde Welt verschlagen hat wie auf eine Insel, wo er um sein Leben kämpft. Als Hedgefonds-Manager, der für seine Firma an der Privatisierung des Trinkwassers werkelte, ist er aber auch Teil der Finanzwelt und unterliegt der von Bashir (Jameal Ali) geübten Kolonialismus-Kritik. Die nicht so leicht von der Hand zu weisen ist.

Als Nicks Gegenpol und gebürtiger Londoner in Adidas-Klamotten führt sich Bashir zunächst als prügelnder Fanatiker und Islamist ein, wird in seiner Lernfähigkeit aber immer komplexer oder gar sympathischer. Sein Vergleich des internationalen Zustroms muslimischer Terroristen zu Krisengebieten mit den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg ist – raffiniert. Auch mäßigt er nach und nach sein Verhalten gegenüber Nick und schaut sich von dessen Expertise soviel ab, dass das grässliche Attentat am Ende des Stücks überraschenderweise nichts ist als Bashirs Finanzmanöver. Es bringt ihm 35 Millionen Dollar ein. Und Nick, endlich, die ersehnte Freiheit.

Akhtars Lust an verblüffenden Paradoxien zeigt sich auch am Imam Saleem (Mujahid Abdul-Rashid), der sich als Geiselnehmer-Boss und Würdenträger im weiß-goldenen Gewand einführt (Kostüme: Dianne K. Graebner). Anfangs zeigt ihn sein weltweises Gerede als Mann mit Elitestudium, der die Weltgeschichte im Griff hat und die Gründe für die Korruption Pakistans durchschaut. Fast strahlt er im Vollgefühl seiner sozialen Position.

Dann spielt Nick ihn aber gegen Bashir aus, der den Imam gefangensetzt und dessen Rolle übernimmt. Flugs ist der böse Obermacker so selbst Opfer. Der Geiselwächter Dar (Sarang Sharma) endlich steht für das ewige Kanonenfutter jeden Krieges, jeder Umwälzung, was ihn anfangs mit Nick gleichsetzt: ein Bauer mit Paschtunen-Käppi, der eben noch überschwänglich freundlich zu Nick tut und von Kartoffeln salbaderte, um sich dann keine Sekunde zu sträuben, Nick auf Befehl hinzurichten.

Fälschlich verdächtigt

Akhtar, ein US-Schriftsteller pakistanischer Herkunft, setzte seine muslimisch-amerikanische Erfahrung schon vor „The Invisible Hand“ in Dramen, Romane und Filme um, was ihm einen Pulitzerpreis und 2015/16 die höchste Zahl Bühnenproduktionen in den USA einbrachte. Eine gewisse europäische Färbung verdankt sich auch seinem Italien-Jahr beim Theater-Guru Jerzy Grotowski. „The Invisible Hand“ bringt zwei seiner Hauptthemen zusammen und lässt hell die Funken stieben: hier den Terror (in seinem Filmdrama „The War Within“ spielte Akhtar auch den Hauptpart als pakistanischer Student, der des Terrorismus fälschlich verdächtigt wird und dann wirklich einer wird), dort die problematische Nähe von politischer Macht und Finanzwelt („Too Big to Fail“). Fragt sich anfangs nur, ob Nick auch am A . . . . der Welt die „Unsichtbare Hand“ der Börse so zu lesen vermag, dass Geld und Freiheit für ihn abfallen, so verschmelzen Terroranschlag und Börse zuletzt unauflöslich. Ein harscherer Kommentar dieser Koproduktion mit einem kalifornischen Theater auf die „zivilisatorische“ Rolle der Ökonomie des Westens für die Weltpolitik ist kaum denkbar. Tolles Stück, Regieteam und Darsteller. Selbst wenn man Pakistan nicht mögen sollte.

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