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Klare Kante: Frankfurts Museum für Moderne Kunst 2 zeigt Meisterwerke der Minimal Art

Von „Primary Structures“ heißt eine MMK-Schau im Taunus-Turm. Sie holt Schätze aus den Tiefen der Sammlung ans Licht, die zum Teil lange im Archiv gelegen haben.
In Joseph Kosuths Leuchtschrift-Anordnung „Four Colors four Words“ von 1966 finden Wort und Bedeutung zueinander. Bilder > In Joseph Kosuths Leuchtschrift-Anordnung „Four Colors four Words“ von 1966 finden Wort und Bedeutung zueinander.
Frankfurt. 

Mario Kramer hat’s nicht leicht. Der Sammlungsleiter des Museums für Gegenwartskunst konnte „35 Timber Line“, eine 35 Meter lange „Bauholzlinie“ von Carl Andre, noch nie zeigen – obwohl das Werk von 1968 seit 1981, dem Gründungsjahr des Museums für Moderne Kunst, zur Sammlung gehört. Der Künstler bestand darauf, das Werk aus aneinandergereihten Bohlen in einem Stück zu zeigen und nicht durch zwei Räume laufen zu lassen. So lang ist aber kein Raum im Hans-Hollein-Bau in der Domstraße!

Die Zusatz-Räume in der Taunus-Turm Etage, 2014 eröffnet, machen’s nun möglich: Wie ein Schnitt im Raum läuft die Skulptur quer durch die Etage und setzt einen markanten Akzent. Mit etlichen anderen Objekten aus dem Jahr 1968, die hier ebenfalls gezeigt werden, hat die Bauholzlinie gemein, dass sie das zeigt, was sie ist: keine Schnörkel, kein Zierrat, absolute Reduktion und Konzentration aufs Wesentliche – Primary Structures eben. So lautete auch der Titel einer Ausstellung von 1966 im Jewish Museum in New York.

Die Zeit der Minimal Art war auch die Zeit der Pop-Art. Während aber Andy Warhol, Roy Liechtenstein und ihre Nachfolger die Oberfläche vergötterten und Konsum, Kapital und all die damit verbundenen schönen Zerstreuungen zur wahren Kunst erhoben, waren die Minimalisten davon beseelt, den Kern der Dinge freizulegen: Es ging um Form, Farbe, Material.

Objekt und Raum

Pure Intensität: Die strahlt auch Andres „22 Steel Row“ aus. Das MMK hat hier großen Aufwand betrieben und in den Taunus-Turm die drei Räume der Galerie Heiner Friedrich, in der das Werk 1968 erstmals gezeigt wurde, im Originalmaßstab nachgebaut. Darin gelangen die 22 Stahlplatten, deren Breite sich an der Größe der Türdurchgänge orientiert, exakt so, wie sie damals konzipiert wurden: Das Werk kommuniziert gewissermaßen mit dem umgebenden Raum und macht ihn intensiv erfahrbar. Der Darmstädter Sammler Karl Ströher, damals immerhin fast 80 Jahre alt, kaufte dieses und andere Werke damals direkt aus der Galerie, bevor seine Sammlung viele Jahre später zum Grundstock des MMK wurde.

Das Jahr 1968 bildet den Auftakt der Schau, die aber nicht chronologisch geordnet ist. Eine Wand zeigt Zeichnungen, Notizen, Entwürfe in wüster Hängung. Vor der „primären Struktur“ kommt das Konstruieren, Basteln, Bauen und Entwerfen – zuallererst mit Stift und Papier. Ein eindrucksvoller Kontrast zur Klarheit der ausgestellten Endprodukte. Zu klarem Ausdruck zu gelangen, macht viel Arbeit.

Sammlungsgeschichte

Ein zweiter Schub mit Kunst der Minimal Art kam im Jahr 2006 ins Haus, als Udo Kittelmann, gemeinsam mit zwei weiteren Museen, die Sammlung Rolf Ricke erwarb. Ergänzt wird sie durch die kontinuierlichen Neuerwerbungen der letzten Jahre: So sind jetzt in der Ausstellung Werke von Bruce Nauman, Donald Judd, Bruce Nauman, Teresa Margolles und Charlotte Posenenske zu sehen, daneben weitere wie die der eng mit dem MMK verbundenen Künstler Peter Roehr oder Andreas Slominski.

Santiago Sierra war es, der, enttäuscht von der Folgenlosigkeit der Minimal Art, deren Formenstrenge in ein politisches Konzept überführte. Legendär sind seine (hier nicht ausgestellten) Bilder von Arbeitern, denen er gegen Bezahlung einen Strich auf den Rücken tätowieren ließ: Mit seinen eigenen Mitteln wird dem kapitalistischen System von Verfügung und Ausbeutung ein Spiegel vorgehalten.

Auch in der Frankfurter Schau tut der spanische Künstler dies, mit einer Premiere: Zwanzig einen Quadratmeter große Betonquader, aus einer Straße in Rödelheim herausgeschnitten, ließ das MMK in seinem Auftrag in den Taunus-Turm verfrachten: industrielle Fertigung, keine Signatur, der Baudreck, der auf und lose zwischen den Platten liegt, gehört dazu. Es ist die Arbeit, der Prozess, mittels Geld über andere Menschen zu verfügen, der sich in dieser Installation konkretisiert. Im Fall des MMK, sagt Co-Kurator Sergey Harutoonian, wurden die Arbeiter aber regelrecht entlohnt. Und noch ein wenig darüber hinaus.

Eine elegante Metallstange der Städel-Absolventin Benedikte Bjerre schlängelt sich von da elegant durch den Raum und um gestapelte Transportsärge, wie sie für gefallene Soldaten verwendet werden. Ein fulminanter Kontrast im Raum, nur aus Form und Material.

 

MMK 2, Taunustor 1, Frankfurt. Bis 13. August, Di bis So 11–19, Mi bis 20 Uhr. Eintritt 8 Euro. Telefon (069) 21 23 04 47. Internet www.mmk-frankfurt.de

 

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