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Kafkas unvollendeter Roman „Prozess“ in der Originalhandschrift: Franz Kafka über die Schulter geschaut

Seine Romane sind Fragment – und gehören doch zum Kanon der Weltliteratur. Im Berliner Martin-Gropius-Bau kann jetzt das Manuskript zu Kafkas „Prozess“ besichtigt werden.
Kafkas Roman-Manuskript liegt wohlbehütet in Vitrinen und kann im Berliner Gropius-Bau eingesehen werden. Foto: Sophia Kembowski (dpa) Kafkas Roman-Manuskript liegt wohlbehütet in Vitrinen und kann im Berliner Gropius-Bau eingesehen werden.
Berlin. 

Es sind 171 einzelne Seiten, eng und schnell beschrieben, mit vielen Verbesserungen, Streichungen und manchmal auch einem Tintenklecks – eines der wichtigsten Manuskripte der Weltliteratur. Unter dem Titel „Franz Kafka. Der ganze Prozess“ ist der berühmte, aber unvollendet gebliebene Romans jetzt in Berlin im Original zu sehen. „Es ist, als ob man Franz Kafka beim Schreiben über die Schulter gucken kann“, sagte Intendant Thomas Oberender im Martin-Gropius-Bau.

Hierhin passt die Schau besonders gut. Denn den Anstoß für den Roman gab im Kriegsjahr 1914 die als traumatisch erlebte Trennung Kafkas von seiner Verlobten Felice Bauer. Sie fand im damaligen Hotel Askanischer Hof statt – direkt gegenüber dem heutigen Gropius-Bau. Kafka empfand das legendäre Gespräch, an dem auch Felices Schwester Erna und ihre Freundin Grete Bloch teilnahmen, als „Gerichtshof im Hotel“. Das inspirierte ihn zu der düsteren Geschichte um Josef K., den ein undurchsichtiges, groteskes Gerichtsverfahren von einem Tag auf den anderen ins Verhängnis stürzt.

In seinem Roman „Der Prozess“ verarbeitete Kafka die traumatisch erlebte Trennung von seiner Verlobten Felice Bauer. Bild-Zoom Foto: CTK (CTK)
In seinem Roman „Der Prozess“ verarbeitete Kafka die traumatisch erlebte Trennung von seiner Verlobten Felice Bauer.

„Für uns ist es eine große Freude, so nahe am Ort des ersten Funkensprungs dieses Manuskript ausstellen zu dürfen“, sagte Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach. Sein Haus hatte die Originalhandschrift 1988 mit Hilfe von Spenden und öffentlichen Geldern in London für die damalige Rekordsumme von 3,5 Millionen Mark ersteigert – so viel Geld war noch nie bei einer Auktion für ein Manuskript erzielt worden.

In eigens gefertigten Vitrinen, vor Licht und Luft geschützt, zeigt das Museum nun die wertvollen Stücke. Besonders gefährdete Seiten mussten noch mal extra in Glasrahmen fixiert werden. Zu sehen sind sie in einer Reihenfolge, die Kafkas Freund und Nachlassverwalter Max Brod nachträglich festlegte. Denn der 1924 nach langem Lungenleiden mit 40 Jahren gestorbene Autor hatte verfügt, praktisch sein gesamtes Werk zu vernichten. Brod widersetzte sich dem letzten Willen seines Freundes. Er rettete das „große Papierbündel“ vor einem Feuer und fügte es später so zusammen, wie er es von Kafkas Vorlesen in Erinnerung hatte. Denn der Autor hatte die Geschichte in zehn verschiedene Notizhefte geschrieben, die auch Tagebucheinträge und andere Texte enthielten. „Die 171 Blätter widersprechen der Vorstellung, ein Roman entstehe linear und werde von Anfang bis Ende erzählt“, sagt Kuratorin Ellen Strittmatter.

Der Roman hat seit seinem ersten Erscheinen 1925 ganze Generationen von Literaturwissenschaftlern beschäftigt. In der Ausstellung ist die Brod’sche Anordnung ergänzt durch eine kritisch-historische Fassung, die die Besucher auf zwei Bildschirmen nachverfolgen können. Dreimal täglich wird Orson Welles’ legendäre Verfilmung von 1962 mit Anthony Perkins, Jeanne Moreau und Romy Schneider gezeigt. Und Fotos aus der Sammlung des Verlegers Klaus Wagenbach geben Einblick in sein Leben.

Berlin sei für Kafka ein Ort der Träume und Hoffnungen gewesen, so Kuratorin Strittmatter. Einerseits lebte hier sein Verlobte, andererseits hoffte er, sich aus seinem „Brotberuf“ als Versicherungsangestellter in Prag befreien zu können. „Es gibt zwei Mittel, heiraten oder Berlin“, schrieb er selbst, „das zweite ist sicherer, das erste unmittelbar verlockender.“

 

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