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Französische Künstler gegen Fremdenhass

Korruption und harte Sprüche gegen Einwanderer und Europa beherrschen den französischen Präsidentschaftswahlkampf - nun machen Künstler mit Konzerten und Installationen mobil.
Eine 36 Meter lange Fotoinstallation des Streetart-Künstlers JR im Palais de Tokyo in Paris. Foto: Sabine Glaubitz Eine 36 Meter lange Fotoinstallation des Streetart-Künstlers JR im Palais de Tokyo in Paris. Foto: Sabine Glaubitz
Paris. 

Brennende Autos; Jugendliche mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen; Frauen, die Hidschabs tragen: Das monumentale Fresko zeigt Szenen und Menschen aus den Pariser Vororten, die vor allem wegen ihrer sozialen Probleme bekannt sind.

In Clichy-sous-Bois gingen im Oktober 2005 die tagelangen Krawalle los, die mit drei Toten und 130 Verletzten endeten. Mit seiner 36 Meter langen Fotoinstallation erinnert der Streetart-Künstler JR daran, dass sich seit den Unruhen vor mehr als 15 Jahren kaum etwas geändert hat.

Das Bild besteht aus über 700 Porträts von Einwohnern aus den sozialen Brennpunkten Clichy und Montfermeil. Es sind Schwarzweiß-Fotos, die der 34-Jährige, der weltweit für seine überlebensgroßen Fotoplakate bekannt ist, seit Dezember 2016 aufgenommen hat. Seine 150 Quadratmeter große Installation ist eine Art Aufschrei vor der französischen Präsidentschaftswahl am 23. April. Er habe dort verschiedene Generationen von Menschen getroffen, die zusehen mussten, wie sich die Utopie ihrer Vororte in Elend und soziale Spannungen verwandelt haben, erklärt er seine Arbeit.

JR kennt die Vororte und die Bewohner, denn er ist selbst ein Vorstadtkind. Er wurde am 22. Februar 1983 in Montfermeil geboren, dort wird in der Großwohnsiedlung Bosquets seine „fresque humaine”, sein Menschenfresko, den endgültigen Platz finden. Bis Mitte April war sie im Palais de Tokyo zu sehen.

Gegen menschliches Elend und soziale Ungleichheit macht auch die Musikszene mobil. Frankreichs Lieblings-DJ The Avener, die Pop-Band Naive New Beaters und Reggae-Star Naâman haben am vergangenen Sonntag für mehr Solidarität gesungen und sind auf bunten Wagen die Prachtstraße Champs-Elysées hinuntergefahren.

Man wolle keine korrumpierten Politiker mehr und Abgeordnete, die ihre Versprechen nicht halten, sagte Luc Barruet, der Mitbegründer der Aids-Bewegung „Solidarité Sida”, die die Konzertparade organisiert hat. Man wolle ein Frankreich, das der Welt gegenüber offen sei, und man warne vor dem zunehmenden Populismus. Bei einer einmaligen Veranstaltung wird es nicht bleiben. Weitere Konzerte sind unter dem Motto „Printemps solidaire” geplant. Als Favoriten für die Stichwahl am 7. Mai werden die Rechtspopulistin Marine Le Pen und der parteilose Emmanuel Macron gehandelt.

Vorstadtprobleme, Folgen der globalen Klimaerwärmung und Terrorismus: Auch die französische Theaterregisseurin Ariane Mnouchkine sieht es im Wahljahr 2017 überall brennen. In ihrem jüngsten Stück „Une chambre en Inde” (etwa: Ein indisches Schlafzimmer) lässt die 78-Jährige zum Schluss bärtige islamistische Fundamentalisten Bomben anzünden und Charlie Chaplin als großen Diktator auftreten.

Die Philosophen sind in einem Land, in dem einst Intellektuelle und Denker wie Jean-Paul Sartre und Albert Camus die gesellschaftlichen Debatten aufmischten, schon lange verstummt oder nach Rechts gewandert. Verstummt ist auch die Protestbewegung „Nuit debout” (etwa: Aufrecht durch die Nacht), die bis vor wenigen Monaten allabendlich die Place de la République besetzte und mehr soziale Gerechtigkeit forderte. Geblieben sind noch Kunst und Kultur.

(Von Sabine Glaubitz, dpa)
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