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Frankfurter "Galerie": Frei von allen Zwängen

Von Die Kunsthandlung im Frankfurter Grüneburgweg zeigt eine Ausstellung mit Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen des kubistichen Franzosen André Masson.
„Amazone (Frau und Pferd)“ heißt diese 1,23 Meter breite Skulptur, die André Masson 1938 entwickelte und die 1986/87, kurz vor dem Tod des Künstlers, in Bronze gegossen wurde. Erwerben kann man sie übrigens für 145 000 Euro.	Abb.: „Die Galerie“ Bilder > „Amazone (Frau und Pferd)“ heißt diese 1,23 Meter breite Skulptur, die André Masson 1938 entwickelte und die 1986/87, kurz vor dem Tod des Künstlers, in Bronze gegossen wurde. Erwerben kann man sie übrigens für 145 000 Euro. Abb.: „Die Galerie“

Vielleicht ist es gerade seine umfassende Neugier und Bildung, die es André Masson so schwer gemacht hat. Denn die Bekanntheit eines André Breton, René Magritte, Alfred Kubin oder Max Ernst erlangte er bis heute nicht. Dabei ist sein Oeuvre, wie die „kleine Werkschau“ in der „Galerie“ zeigt, nicht weniger beachtenswert. Allerdings ist es weniger einheitlich.

Locker chronologisch zieht sich die Schau über zwei Etagen. Das Frühwerk noch, Gemälde aus den 20er Jahren wie ein Stillleben mit Granatäpfeln oder das Bild eines gedeckten Tisches mit Brot, Geschirr, Gläsern und Fischen, zeigt deutlich, welchen Einfluss der Kubismus auf den 1896 Geborenen hatte: Faszinierend, wie sich die Spitze eines Messers dreifach in einem Glaskelch bricht. Doch kubistische Anleihen bedeuten für den Franzosen keinesfalls Unterordnung, sondern stets Entwicklung und Befreiung. Stark in seiner organischen Gegenständlichkeit, ist Masson zugleich schon längst über den Kubismus hinaus.

Großer Einzelgänger

So ist es immer wieder: Fast möchte man sagen, dass Masson seine Stile wechselt wie andere ihre Hemden. Aber das ist natürlich und zum Glück auch nicht wahr. Was aber stimmt, ist, dass er, anders als ein Magritte, dem man seine Magritthaftigkeit schon von fern ansieht, über viele Stile verfügte. Um nur ein paar zu nennen: In Zeichnungen wie seinem „Blutstropfen“ vollzieht er die Kunst des „automatischen“ Bildes, mit der er die Kunst der „écriture automatique“, die Surrealisten wie Breton und Philippe Soupault für den schriftstellerischen Prozess erfunden hatten, ins Bildnerische überträgt. Die faszinierende Gouache „Kabuki 19“ zeigt, wie er sich nach einer Zeit der Beschäftigung mit der Zen-Philosophie die Kunst der japanischen Kalligrafie anverwandelte, nicht ohne die so entstandenen weißen Zeichen auf dunklem Grund auf ganz eigene Weise neu zu interpretieren. Anfang der 30er Jahre beschäftigte er sich in Zeichnungen intensiv mit dem Thema „Massaker“. Thematisch zusammengehörig, ist doch jedes einzelne dieser Werke mit ganz eigenem Strich ausgeführt. Und dass Masson in den 30er, 40er und 60er Jahren jeweils Phasen hatte, in denen er anmutig-drastische Skulpturen schuf, vermag da kaum noch zu verwundern.

Bis zum Ende der 70er Jahre, als er, auf den Rollstuhl angewiesen, das Malen aufgab, blieb André Masson ein Meister der Verwandlung – nicht jedoch, weil er sich Trends anpasste, sondern im Gegenteil, weil er durch und durch eigenständig war und sich vor niemandes Karren spannen ließ. So wie er mit den Surrealisten gebrochen hatte, weil André Breton seine Künstlergruppe mitunter autoritär und geradezu antikünstlerisch führte wie eine Partei, ließ er sich auch von anderen Stilen und Tendenzen niemals vereinnahmen.

Von Massons Landschaftsmalereien – viele von ihnen entstanden in Südfrankreich, wo er vor und nach seiner Exilzeit in Amerika gern lebte – schwelgen manche in gegenständlicher Freude an der Welt um ihn herum. Andere suchen mit ins Abstrakte gehender Linienführung Naturzustände wie zum Beispiel einen Sturm bildnerisch einzufangen. Schon in den 20er Jahren begann er erstmals mit Sand und Federn zu experimentieren, und nahm diese sanft-sinnliche Technik in den späten 50ern in Werken wie „Eclosion“ („Erwachen“) wieder auf.

Politik? Nein, danke

Seltsam ist, dass Masson zeitlebens ein Unpolitischer blieb: Die Kriegserlebnisse im Ersten Weltkrieg hatten ihn traumatisiert, den Ausbruch des Bürgerkriegs in Spanien erlebte er mit und wich nach Frankreich zurück. Dort trieben ihn die Nazis 1941 über Martinique ins amerikanische Exil. Doch all dies trug nicht dazu bei, ihn zu politisieren: Im Gegenteil hat man den Eindruck, dass die Bilder seiner amerikanischen Phase, in denen er unter anderem den anmutigen Enkel von Henri Matisse mehrfach porträtierte, zu seinen sanftesten Werken gehören. Angesichts der Gräuel, die unterdessen in seiner europäischen Heimat geschahen, eine befremdliche Koinzidenz, die aber wiederum Massons unbeugsamen Eigensinn zeigt. Als Masson 1987 starb, konnte er auf ein Werk zurückblicken, dass aufs engste mit seinem, dem 20. Jahrhundert, verzahnt war, und in dem er nie stehengeblieben ist, sich nie mit einer Bewegung gemein gemacht hatte: ein rastloser Künstler in einem rastlosen Jahrhundert.

 

„Die Galerie“, Grüneburgweg 123, Frankfurt. Bis 21. Januar 2017, Mo bis Fr 9–18 Uhr, Sa 10–14 Uhr. Telefon (069) 971 47 10. Internet www.die-galerie.com

 

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