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Buch über Serienmörder Fritz Honka: „Für ihn gab es keine Hoffnung“

Der Hamburger Autor hat eine schockierende, verzweifelte, sehr ergreifende Geschichte über den legendären Serienmörder Fritz Honka und Menschen am Rand der Gesellschaft geschrieben.
Das reale Vorbild: Die Kiez-Kneipe „Zum Goldenen Handschuh“ im Rotlichtviertel von St. Pauli hat immer geöffnet.	FOTOS: DPA Foto: Christian Charisius (dpa) Das reale Vorbild: Die Kiez-Kneipe „Zum Goldenen Handschuh“ im Rotlichtviertel von St. Pauli hat immer geöffnet. FOTOS: DPA
Hamburg. 
Hat jahrelang recherchiert: Autor Heinz Strunk. Bild-Zoom Foto: Christian Charisius (dpa)
Hat jahrelang recherchiert: Autor Heinz Strunk.

In „Der Goldene Handschuh“ hat der Schriftsteller, Musiker, Entertainer und Darsteller Heinz Strunk (53) erstmals nicht die eigene Vita im Visier. Und doch ist ihm ein großartiges, bestürzendes und zutiefst bewegendes Buch aus dem Unterschichten-Milieu gelungen. Es geht ihm nicht um grelle Effekte, sondern um die Beschreibung eines Lebens am Rand. Kaum mehr als ein trauriges Vegetieren war Fritz Honkas Existenz (1935–1998) im Rotlichtmilieu von St. Pauli und der Kult-Kiezkneipe „Zum Goldenen Handschuh“ – ein elendes Dasein, geprägt durch Alkohol, Gewalt, Armut, Mangel an Bildung. Der kleinwüchsige, durch Misshandlungen in seiner Jugend entstellte Wachmann Honka trank im „Goldenen Handschuh“ nicht nur Fusel. Dort traf er auch die gealterten, verarmten und vereinsamten Huren, die er zum Sex mit in seine Wohnung nahm – und ermordete. Einige Opfer zersägte er. Die Leichen lagerte er im Dachgebälk. Gegen den Verwesungsgeruch setzte er Raumspray ein. Erst ein Brand machte seinem Treiben ein Ende, als Feuerwehrleute die Leichenteile entdeckten. Verteidiger beim spektakulären Prozess 1976 war Staranwalt Rolf Bossi. Der am Ende völlig apathische Honka verbrachte seine letzten Jahre – nach Aufenthalt in einer geschlossenen Klinik – unter anderem Namen in einem Alten- und Pflegeheim an der Ostsee. Drastisch und lakonisch zugleich erzählt Heinz Strunk (53) vom Leben und Leiden im Kiez-Milieu. Der Roman ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert (Rowohlt-Verlag, 256 Seiten, 19,95 Euro). Mit dem Autor des Bestsellers „Fleisch ist mein Gemüse“ sprach Olaf Neumann.

Herr Strunk, Fritz Honka war der schlimmste Serienmörder, den Hamburg je hervorgebracht hat. Er wuchs in einer lieblosen, kalten Umgebung auf und wurde außerhalb der Familie sexuell missbraucht und gefoltert. Reicht das als Erklärung für seine grausamen Taten?

HEINZ STRUNK: Er hatte nicht nur eine harte Kindheit. Das hat sich durchgezogen von der Kindheit an in Leipzig mit dem alkoholkranken Vater, der insgesamt zehn Kinder hatte. Fritz wurde in ein Jugend-KZ gesteckt. Nach dem Krieg wollte er eigentlich Kfz-Mechaniker werden, aber er war zu dumm und wurde stattdessen in eine Maurerlehre gesteckt. Da hat er die Zementkrätze bekommen. Mit 17 kam er schließlich nach Westdeutschland und wurde auf Bauernhöfen über viele Jahre mehr oder weniger versklavt. Am Ende geriet er in Hamburg direkt in das härteste Hafenmilieu und wurde schon nach wenigen Wochen von Rockern brutal zusammengeschlagen. Dazu noch diverse Unfälle. Mehr Unglück geht gar nicht. Für Fritz Honka gab es gar keine Phase der Entlastung, des Glücks oder der Hoffnung. 1970 wurde er Nachtwächter bei Shell und kam dadurch auch mal weg von diesem Hafenmilieu. Er durfte sogar eine Uniform tragen. Daran knüpfte er die Hoffnung, dass sein Leben doch noch eine Wendung nehmen würde.

Ihr Roman ist das Psychogramm eines Täters, der zugleich Opfer war. Kann man sich in extreme Gewaltfantasien hineindenken, ohne sich selbst zu infizieren?

STRUNK: Dass ich mich damit als Autor beschäftigt habe, heißt ja nicht, dass das meinen persönlichen Präferenzen entspricht. Die Aufgabe lautete, dem Thema schriftstellerisch gerecht zu werden. Ich hege keinerlei Sympathien für Honka, aber ich kann ihn bemitleiden als ärmstes aller Würstchen, was er offensichtlich auch gewesen ist. Ich entschuldige seine Taten nicht.

Was brachte Sie dazu, sich mit Menschen am äußersten unteren Rand der Gesellschaft zu beschäftigen?

STRUNK: Naja, das ist ja nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte des Buches beschäftigt sich mit dem exakten Gegenentwurf, nämlich der Elite. Die Faszination, was so eine Art von Täter angeht, ist mir schon sehr früh durch die Dokumentation „Nachruf auf eine Bestie“ über das Leben des Jürgen Bartsch eingepflanzt worden. Auf Fritz Honka bin ich gekommen, weil ich seit 2009 Gast im „Goldenen Handschuh“ bin, aber nicht aus Recherchegründen. Ich war von dem Soziotop durchaus fasziniert.

Was fasziniert Sie an diesem Milieu?

STRUNK: Mir wurde irgendwann klar, dass mir der Stoff für autobiografische Romane ausgeht. Aus meinem Leben sind keine großen Geschichten mehr rauszuholen.

Wie haben Sie recherchiert?

STRUNK: Ich habe beim Hamburger Staatsarchiv einen Antrag auf Akteneinsicht gestellt, denn die Honka-Akten sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Ich habe 18 Prozessordner durchgesehen. Für das Buch war das unbedingt notwendig, weil man sich zwar Gespräche, aber keine Fakten ausdenken kann.

Haben Sie auch im Reeder-Milieu so akribisch recherchiert?

STRUNK: Ja. Das war relativ mühsam, aber ich wollte wirklich wissen, wovon die Rede ist. Ein Informant versorgte mich mit Details, denn die Reeder sind sehr auf Diskretion bedacht.

Wie konnten Sie sich der Sprache im Kiez-Milieu nähern?

STRUNK: Fragmente des einen oder anderen Dialogs, der im Buch steht, habe ich bei den diversen Abenden im „Goldenen Handschuh“ aufgeschnappt. Man macht sich dort aber keine Notizen, das würde auffallen und auch nicht geduldet werden. Am Anfang passierte es mir häufiger, dass jemand ankam, sich setzte und mich vollquatschte. Das sind meist Leute, die schon total besoffen sind. Da sind keine Gespräche mehr möglich.

Waren diese Feldstudien dabei hilfreich, sich in Honkas Psyche hineinzuversetzen?

STRUNK: Ja, sicher. Genauso wichtig war es auch, sich in die Psyche der Frauen hineinzuversetzen. Vor allem in die Figur der Gerda Voss, die im Buch relativ genau erzählt wird. Honka wohnt mit ihr zusammen, aber er bringt sie nicht um; sie verschwindet irgendwann. Ich wollte zeigen, wie die Frauen aus dieser Generation tickten, die alle noch den Krieg mitgemacht haben. Die Leid, Not und Hunger erfahren haben. In den 70er Jahren trieben sich in St. Pauli viele entwurzelte arme Frauen bis hin zu Omas rum.

Ist es nicht diskriminierend, wie Sie ältere Frauen als abstoßend beschreiben?

STRUNK: Jeder kann ja ins Internet gehen und nach Honkas Opfern suchen. Wenn man diese Frauen sieht, weiß man, dass ich sie nicht hässlicher mache, als sie waren. Mit Diskriminierung hat das nichts zu tun. Für Honka war kein Rankommen an eine halbwegs normale Frau seines Alters.

Woher bekamen Sie die Anregungen für so schmutzige Fantasien?

STRUNK: Fantasie ist Voraussetzung, um Autor zu sein. Die Gewaltfantasien habe ich mir entweder ausgedacht oder mir aus unzähligen Erzählungen meinen Reim gemacht. Alle Dialoge und Gerda zum Beispiel sind komplett fiktional. Nur die Opfer, die aktenkundig wurden, habe ich mir nicht ausgedacht. Auch „Soldaten-Norbert“ und „Fanta-Rolf“ sind erdachte Figuren.

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