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Für immer ein Kind

Der englische Sänger will mit seinem nächsten Album "Take The Crown" auf den "Thron" der Pop-Musik. Erste Hörproben jedoch klingen nach 80er Jahre.
Robbie Williams (38) versteht sich als "Thronfolger" des Pop. Will der britische Sänger etwa dorthin, wo einst Michael Jackson, der "King of Pop", geherrscht hat?	Foto: Julian Broad Farrell Robbie Williams (38) versteht sich als "Thronfolger" des Pop. Will der britische Sänger etwa dorthin, wo einst Michael Jackson, der "King of Pop", geherrscht hat? Foto: Julian Broad Farrell

Kein Zweifel, es ist ihm ernst. "Diese Platte entscheidet über meinen zukünftigen Weg, und ich bin wegen des Drucks, der damit zusammenhängt, ein bisschen ängstlich", sagte Robbie Williams. "Aber es ist ein hinreißendes Album geworden. Ich bin sehr stolz auf die neuen Songs. Dieses Album soll dasjenige sein, auf dass sich die Leute beziehen, wenn sie später an Robbie Williams zurückdenken werden." So sprach Englands vielleicht immer noch beliebtester männlicher Popstar und kommerziell erfolgreichster Künstler der späten 90er Jahre ("Let Me Entertain You", "Angels", "No Regrets", "Feel") über sein neues Album. Und zwar im Herbst 2009, auf einer Pressekonferenz. Die Platte, von der Williams, heute 38 Jahre alt, damals so schwärmte, hieß "Reality Killed The Videostar". Die finanzielle und künstlerische Strahlkraft des für viel Geld von Altmeister Trevor Horn produzierten Werkes verpuffte dann recht schnell, "Reality" bestätigte den Abwärtstrend, auf dem sich Robbie seit der Trennung von seinem Songschreibepartner Guy Chambers befand und der öde Alben wie "Intensive Care" oder "Rudebox" hervorbrachte.

Klingt nach Stadion

Drei Jahre später. Der nächste Anlauf heißt nun "Take The Crown" (Die Krone ergreifen) und möchte schon mit der Wahl des Titels keine Zweifel an der königlichen Strahlkraft jenes Mannes aufkommen lassen, der mit 16 ein Boyband-Weltstar wurde und seitdem nie aufgehört hat, berühmt zu sein. Robbies Sprüche sind praktisch dieselben geblieben. "Ich bin zu hundert Prozent bei der Sache", behauptet er in einem von der Plattenfirma in Umlauf gebrachten "Making-Of"-Video zu "Take The Crown". Und weiter: "Ich bin gut erholt". Und: "Ich will die Welt erobern".

Damit die Botschaft auch garantiert ankommt, schiebt Robbie Williams noch folgende Aussage hinterher: "Diese neuen Songs klingen nach Stadion. Es ist das kommerziellste Album, das ich je gemacht habe". Die Aussage in den verschiedenen Interviews, die derzeit veröffentlicht werden, ist überall die gleiche: "Ich will wieder auf den Thron", sagte Williams beispielweise der "Zeit".

Man mag ihn ja, das war noch nie das Problem. Robbie Williams ist ein sympathischer Mensch, sein Schwanken zwischen Größenwahn und Selbstverachtung hat etwas Rührendes. Auch taugt er als Identifikationsfigur, soll heißen: Mehr oder weniger Robbie steckt in jedem Mann – er ist faul, lässt sich gern gehen, hatte zwischendurch Probleme mit Kokain, Alkohol, Tabletten, konnte alle Süchte bis auf die nach Schokolade überwinden, spielt gern Fußball, suchte lange nach der passenden Frau und fand sie schließlich in der türkischstämmigen Amerikanerin Ayda Field.

Die Frauen, die früher Mädchen waren und in Ekstase vor dem Williams’schen Elternhaus die Beete zertrampelten, wissen seine abgehangene Erotik zu schätzen. Jetzt ist er ja auch noch Vater geworden, wie schön. Und hat sich sogar für einen Kindsnamen entschieden, der nicht bescheuert, sondern angenehm unspektakulär klingt: Theodora Rose. Koseform: Teddy. Kann man überhaupt nichts gegen sagen.

Die Strategen seiner neuen Plattenfirma – er hat das sinkende Schiff EMI verlassen – haben gute Arbeit geleistet. Erst brachte Universal Records vor zwei Jahren das Resozialisierungsprogramm in Gang: Wiedervereinigung mit "Take That" sowie Versöhnung mit Gary Barlow, inklusive einer gemeinsamen "Take-That"-Platte und einer Tour, die allen Beteiligten und auch dem Publikum sehr gut gefiel. Dann schrieb Ex-Feind Barlow auch noch an der neuen Single "Candy" mit, und in Großbritannien trafen sich die zwei wiederholt in der Castingshow "The X Factor".

Ohnehin ist "Candy" kein übler Song. Zwar für die Jahreszeit etwas zu sommerlich, doch inhaltlich hinreichend sinnlos mit Zeilen wie "Hey Ho Here She Goes" und nicht zuletzt im brachialen Video an den alten Hit "Rock DJ" erinnernd. Man könnte sagen: Flott, swingend, sorglos, fröhlich. Sehr Pop. Und damit durchaus repräsentativ für das Album insgesamt. Elf Songs sind darauf (auf der "Deluxe"-Version noch zwei mehr, unter anderem eine Demoversion von ,Take That’s’ Titel "Eight Letters"), sechs lässt einen die Plattenfirma vorher unter strenger Bewachung einer Praktikantin hören. Man liest, dass die zweite Hälfte der Platte erwachsener und etwas reifer klingen und das abschließende "Losers" (ein Duett mit Folksängerin Lissie) in Richtung Country gehen soll. Aber was man hört, sind eben die ersten sechs Songs. Und die sind alle zackbumm, geradeheraus und eher unkompliziert. "All That I Want" handelt einfach mal davon, wie Robbie einer Frau an die Wäsche will. Musikalisch erinnert das Lied an Disco-Acts wie "Chic" und vergessene 80er-Bands wie "Huey & Cry" oder die "Blow Monkeys".

Ein Hauch von "U2"

Auch ein Hauch von "U2" lässt sich herausfiltern, was nicht überrascht, denn der Produzent von "Take The Crown" ist niemand Geringeres als Gareth "Jacknife" Lee, der schon mit "Snow Patrol", "R.E.M." und eben "U2" arbeitete und sagt: "Robbie fürchtet sich nicht vor großem Pop, und er probiert gern neue Dinge aus." In "Gospel" geht es leicht rockiger zu, es kommen Instrumente wie Bass und Gitarre zum Einsatz, das Stück wirkt auf nicht unangenehme Weise altmodisch, mätzchenfrei.

"Be A Boy", der Song, mit dem das Album beginnt, mag sich zwar inhaltlich mit Robbies Entscheidungsunfähigkeit zwischen Immer-noch-Junge-sein-wollen und Endlich-erwachsen-sein-müssen auseinandersetzen, ist aber sonst erschreckend flach. Die Mischung aus Eurovisionsbeitrag, Null-Acht-Fuffzehn-Dance und BallermannPop zündet nicht. "Different" wiederum beginnt orchestral, mit Geigern und will ein neues "Angels" sein, im Refrain allerdings geht der Nummer die Luft aus, und sie wird zum Schlager. Auf die Spitze aber treiben Williams, Lee und die beiden australischen Co-Songschreiber Flynn Francis und Tim Metcalfe alias "Undercolours" ihre Eighties-Retro-Leidenschaft mit "Shit On The Radio", einer Keyboard-lastigen Nummer, die man früher als "Powerrock" bezeichnet hätte. Man weiß gar nicht, woher das alles zusammengeklaut ist: bei "Bon Jovi" ("Runaway"), bei "Journey" ("Don’t Stop Believin’"), den "Scorpions" ("Love You Like A Hurricane") und insbesondere bei "Jump" von "Van Halen". Mit seiner geballten, augenzwinkernden, nostalgischen Überflüssigkeit steht "Shit On The Radio" quasi Pate für die gesamte Platte: "Take The Crown" braucht eigentlich kein Mensch, macht aber Spaß.

"Take The Crown", Universal,

vom 2. November an

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