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Gammeln ist eine Lebensart

Uschi Glas und Werner Enke spielten in der Komödie aus Schwabing zwei Lebenskünstler, die noch alles vor sich hatten und es deshalb locker angehen ließen.
Ganz schön verliebt: die Hauptdarsteller Werner Enke und Uschi Glas auf dem Filmplakat von „Zur Sache, Schätzchen“ aus dem Jahr 1968. Bilder > Foto: 90061 (kpa) Ganz schön verliebt: die Hauptdarsteller Werner Enke und Uschi Glas auf dem Filmplakat von „Zur Sache, Schätzchen“ aus dem Jahr 1968.

„Es wird böse enden!“ – das dachte sich wohl auch der Filmproduzent Horst Wendlandt, als die Schauspielerin Uschi Glas unbedingt bei einem Film mit dem seltsamen Namen „Die Gafler“ mitspielen wollte. Bis heute erinnert sich die Münchnerin an den Kommentar des Produzenten, bei dem sie unter Exklusivvertrag stand: „Nein, den machst du nicht. Jetzt geht es gerade so gut los. Wenn Du jetzt so einen Flop baust, das ist nicht gut.“

Glas, die mit „Winnetou und das Halbblut Apanatschi“ gerade einen Erfolg gefeiert hatte, setzte ihren Willen durch. Eine Entscheidung, die sie nie bereuen sollte. Unter dem neuen Titel „Zur Sache, Schätzchen“ wurde das Kinodebüt der Regisseurin May Spils zum Kultfilm. Eine Überraschung, denn vor der Premiere am 4. Januar 1968, heute vor 50 Jahren, hatte keiner mit diesem Erfolg gerechnet.

Die Dreharbeiten verliefen chaotisch. Gedreht wurde in Schwarz-Weiß, weil kein Geld für einen Farbfilm da war. „Ich habe wirklich gedacht, dass wird alles nichts mehr, ganz zum Schluss habe ich nicht mehr an den Film geglaubt“, erzählt Hauptdarsteller Werner Enke, der im Film als tiefenentspannter Martin zu sehen ist. Ein Faulpelz, der mit frechen Sprüchen die gutbürgerliche Barbara (Uschi Glas) herumkriegen will, während sein Freund Henry ihn drängt, endlich die versprochenen Schlagertexte zu dichten. Doch die Verlockungen des heißen Sommers sind zu groß. Mit dem Cabrio durch Schwabing zu fahren, in der Kneipe philosophieren, hübschen Bikini-Mädchen hinterherschauen und diese mit selbstgemalten Daumenkinos beeindrucken. Dazu Nachhilfe in Sachen Fummeln.

Nur Kopfschütteln

„Wir haben schon nach dem Rohschnitt den Film einigen Journalisten gezeigt, da gab es einiges Kopfschütteln“, zitieren Lisa Wawrzyniak und Reinhold Keiner in einer Filmanalyse den Produzenten Peter Schamoni, der 2011 starb. Auch der Constantin-Filmverleih wollte den Film nicht haben. Schamoni erzählt von der Vorführung, mit der er die Verantwortlichen überzeugen wollte. „Die drei Herren haben sich immer nur irritiert angeguckt, es gab keinerlei Reaktion, kein Lachen; die schüttelten immer nur den Kopf und rutschten auf ihren Stühlen herum.“

Dann kam der 4. Januar. Schon am Nachmittag stand Werner Enke mit den anderen vor dem damaligen Filmtheater am Lenbachplatz. Es schneite, und alle hatten Angst, dass keiner kommen würde. „Dann wurde die Bude doch voll“, erinnert sich Enke. Und noch viel besser: Die Leute lachten. „Die Reaktionen waren so spontan und mitreißend, dass May, Werner und ich uns so gefreut haben, weil wir gemerkt haben, jetzt ist es doch geglückt“, sagt Uschi Glas. Und Schamoni spricht von rund sechs Millionen Zuschauern, die den Film damals sahen. „Damit hatten wir mehr Zuschauer als der damals aktuelle James-Bond-Film.“

Es war eine Zeit der Unruhe, die 68er-Bewegung formierte sich, diskutierte leidenschaftlich über neue Ideale und protestierte gegen alte, verkrustete Strukturen und Denkweisen. Und es gab die freie Liebe, die in Wohngemeinschaften wie der Kommune 1 in Berlin ihren Ausdruck fand. In München gab es eine Gruppe junger Filmemacher, mit denen Enke und May Spils verkehrten, darunter Rudolf Thome, Klaus Lemke und Max Zihlmann. Ihr Vorbild: die Filme der französischen Nouvelle Vague mit Regisseuren wie Jean-Luc Godard oder François Truffaut. Ihre Heimat: der pulsierende Stadtteil Schwabing, in dem noch nicht alle Ecken luxussaniert waren und in dem es viele verrauchte Kneipen gab. „Die ,Tarantel‘, das ,Käuzchen‘, die ,Schleiereule‘, das war umwerfend“, erinnert sich Enke.

Beinahe-Striptease

Spils trauert diesen Zeiten ein bisschen nach. „Es war alles sehr viel lässiger, und diese 68er, wir wollten die Welt verändern“, sagt sie. „Wir wollten einfach alle raus aus diesem Nachkriegsmief.“ Denn außerhalb des Schwabinger Partylebens sei alles eher spießig gewesen. „Man durfte eigentlich gar nichts. Man durfte früher nicht mal den Rasen im Englischen Garten betreten.“

Über diese vielen Verbote und Tugendvorstellungen setzte sich Spils in „Zur Sache, Schätzchen“ unbekümmert hinweg. Legendär etwa die Szene, in der Uschi Glas als Barbara auf der Polizeiwache einen Beinahe-Striptease hinlegt, um die Polizisten aus dem Konzept zu bringen. Das Erfolgsgeheimnis des Films liegt wohl gerade in dieser Mischung aus Leichtigkeit, Nachdenklichkeit, Witz und frechen Sprüchen, die Fans noch heute mitsprechen können.

Etwa, wenn Martin fast mitleidig feststellt: „Terminhetze, was?“ Darauf sein Freund Henry: „Na klar, Terminhetze. Findet bei dir natürlich nicht statt.“ Herrlich auch: „Mag’s gar nicht gern, wenn sich die Dinge morgens schon so dynamisch entwickeln.“ Und der absolute Klassiker, wenn Martin begleitet von einer komischen Handbewegung lakonisch feststellt: „Es wird bööööse enden“.

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