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Die Welt im Rücken: Gaststück im Frankfurter Schauspiel zeigt, wie es ist, manisch-depressiv zu sein

Von Mit „Die Welt im Rücken“ war Joachim Meyerhoff in seinem gefeierten Solo am Schauspiel Frankfurt zu Gast.
Joachim Meyerhoff in „Die Welt im Rücken“. Foto: Robert Jaeger (APA) Joachim Meyerhoff in „Die Welt im Rücken“.

2016 schaffte es Thomas Melle mit „Die Welt im Rücken“ auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis. 2017/2018 war er Stadtschreiber von Bergen-Enkheim. Melle ist manisch-depressiv. In „Die Welt im Rücken“ zeichnet er nach, wie seine Bipolarität sein Leben zerstört hat und wie sie ihn aus der Gesellschaft herauskatapultiert hat: Er hat seine Bibliothek, seine „Welt im Rücken“ verscherbelt, hat Freunde verloren, seine Wohnung, seinen Besitz. Es gab Selbstmordversuche und Psychiatrieaufenthalte. Das Buch ist ein erschütterndes Dokument eines Selbstverlusts.

Melle selbst schreibt: „Wenn Sie bipolar sind, hat Ihr Leben keine Kontinuität mehr. Die Krankheit hat Ihre Vergangenheit zerschossen, und in noch stärkerem Maße bedroht sie Ihre Zukunft. Mit jeder manischen Episode wird Ihr Leben, wie Sie es kannten, weiter verunmöglicht. Die Person, die Sie zu sein und kennen glaubten, besitzt kein festes Fundament mehr. Sie können sich Ihrer selbst nicht mehr sicher sein. Und Sie wissen nicht mehr, wer Sie waren.“ Melle beschreibt all das in einer fulminanten Sprache und mit einer Ehrlichkeit, die schmerzt.

Das auf die Bühne bringen zu wollen ist natürlich gewagt. 2017 riskierten Schauspieler Joachim Meyerhoff und Regisseur Jan Bosse es am Wiener Akademietheater. Nun war die gefeierte Inszenierung als Gastspiel im Schauspiel Frankfurt zu sehen. Grandios schlittert Meyerhoff auf dem schmalen Grat zwischen dem, was für das Publikum irrwitzig und absurd-komisch scheint (wie beispielsweise größenwahnsinnige Vorstellungen von Sex mit Madonna oder Björk), für den realen Autor Melle jedoch Selbstverlust bedeutet. Ohne zu denunzieren und ohne Mitleid erheischen zu wollen.

Nichts ist in Ordnung

Mit der etwas strubbeligen braunhaarigen Perücke, durch die Meyerhoff immer wieder mal fahrig streicht und deren vordere Strähnen er sich an der Stirn glättet, als könne dadurch etwas in Ordnung gebracht werden, wirkt er seltsam unbehaust. Und tatsächlich hat die Krankheit Melle seine Heimat und immer wieder sein Selbst genommen. Der Faden, den Meyerhoff irgendwann wie ein ungeordnetes Spinnennetz auf der Bühne spannt, zeichnet diese zusammenhanglosen Pfade, die ohne willentliches Zutun eines Ichs entstanden, nach. Hier ist also jemand am Werk, der nicht Herr im eigenen Hause ist.

Auch das zerstückelte Selbstporträt, das Meyerhoff später in Form eines Männchens mit gekrümmten Beinen an den Bühnengrund tackern wird und das aus Fotokopien seiner einzelnen Körperteile besteht, symbolisiert das anschaulich: Denn so fotokopiert sehen die schwarz-weißen Abbildungen wie Teile eines menschlichen Skeletts aus. Und selbst das ist nicht richtig zusammengesetzt. Man erkennt den Menschen – und doch stimmt etwas nicht an dem Bild.

Wo kein Theaterstück Textvorlage war, schwebt auch immer die Frage im Raum, ob etwas auf die Bühne muss. Das kann man bei dieser eindrucksvollen Inszenierung bejahen. Nicht nur weil Regie und Bühnenbild (Stéphane Laimé) Bilder dafür finden, wie das Gehirn den Menschen (Melle) verschlingt, in befremdliche Höhen schwingt und beängstigenden Tiefen ausliefert. Wenn es um die Aufführung eines Melle-Stücks am Erlanger Theater geht, macht das Theaterthema nochmals auf etwas andere Art und Weise erlebbar, dass Menschen mit dieser Krankheit zeitweise immer wieder zu Statisten im eigenen Leben werden.

In welcher Welt lebe ich?

Denn während Meyerhoff fordert, zetert und stänkert, beachten die Bühnenarbeiter ihn und seine ausfälliger werdenden Ausbrüche gar nicht. Und beim Zusehen weiß man selbst nicht, ob das Gezeigte gerade eine Fiktion im Kopf des Autors ist oder doch auf tatsächlich Erlebten beruht.

Vielleicht weiß kaum ein Schauspieler besser als Meyerhoff, was eine Art von ver-rückt sein im Sinne der Abweichung von der Norm bedeutet. Ist er doch auf einem Psychiatriegelände aufgewachsen, weil sein Vater Direktor dieser Psychiatrie war und die Familie auf dem Gelände ein Häuschen hatte und dort lebte.

Warum auch immer: Es gelingt in großartiger Weise ohne Scham etwas ziemlich Schambesetztes, ohne falsche Zurückhaltung ein Tabu und ohne Stigma etwas doch Stigmatisiertes zu zeigen. Natürlich gibt es auch in Frankfurt völlig verdiente stehende Ovationen!

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